Die Wertstofftonne – von intelligenten Fehlwürfen und einer stoffgleichen Behandlung

Gepostet von am 25. Aug 2015

Die Wertstofftonne – von intelligenten Fehlwürfen und einer stoffgleichen Behandlung

Die seit Jahren diskutierte Wertstofftonne ist Kern des neuen Wertstoffgesetzes, auf dessen Eckpunkte sich die große Koalition im Juni einigte. Noch ist das Gesetz nicht verabschiedet, noch ist die Tonne nicht bundesweit aufgestellt. Doch von dort, wo sie teils seit Jahren im Rahmen von Pilotprojekten schon steht, gibt es Erfahrungen, über die zu berichten sich lohnt – und die nicht nur FÜR die Wertstofftonne sprechen. Da ist beispielsweise die Rede von Fehlwürfen, darunter sogenannte intelligente, und von stoffgleicher Behandlung. Was es damit auf sich hat und was gegen die Wertstofftonne spricht, steht hier.

Das Statistische Bundesamt (DESTATIS) veröffentlichte kürzlich die Menge an Siedlungsabfall (auch kommunaler Abfall genannt, also Haushaltsabfälle und vergleichbare aus Gewerbe und Industrie sowie Verpackungsabfälle), die wir Deutschen hierzulande im Jahr 2013 pro Kopf produzierten: 617 Kilogramm. Damit liegen wir deutlich über den 481 Kilogramm Abfall, die ein Durchschnittseuropäer jährlich wegwirft. Angeführt wird die Liste übrigens von Zypern (624 Kilogramm), Luxemburg (653 Kilogramm) und Dänemark (747 Kilogramm). Die niedrigsten Mengen Abfall je Einwohner haben Rumänien (272 Kilogramm) und Estland (293 Kilogramm).

Derzeit sind wir Bundesbürger angehalten, unsere Wertstoffe wie Papier, Pappe, Glas, Bioabfall und Kunststoff in entsprechende Sammelbehälter zu entsorgen. Die stehen entweder direkt vor der Haustür, an öffentlich gut zugänglichen Stellen oder auf einem Wertstoffhof. Zwölf Millionen von uns sind sogar Teil sogenannter Modellregionen, in denen längstens seit zehn Jahren schon mit der Wertstofftonne experimentiert wird.

Heute: Gelber Sack – keiner für alle … stoffgleichen Abfälle

Wir Deutsche sortieren unseren Abfall gründlich, auf dem Land sogar gründlicher als in der Stadt, wie die Grafik hier zeigt:

Infografik: Stadtstaaten Schlusslicht bei Mülltrennung | Statista

Wir trennen dabei nicht nur verschiedene Wertstoffe, sondern sogar gleiche. Ein Beispiel: Der O-Saftbehälter, der innen mit Aluminium ausgekleidet ist, kommt in den gelben Sack oder die gelbe Tonne, je nachdem, wie das Sammeln regional gehändelt wird, ebenso eine Folie aus Polyethylen (PE). Eine kaputte Salatschüssel aus dem gleichen Kunststoff dagegen kommt wie die ausrangierte Alupfanne in die Restmülltonne. Noch. Also da, wo’s noch keine Wertstofftonne gibt.

Künftig: Wertstofftonne – eine für alle … stoffgleichen Abfälle

Die Wertstofftonne soll neben Verpackungen (heute noch: gelber Sack oder gelbe Tonne) auch alle anderen recycelbaren ausgedienten Produkte und Abfälle aufnehmen – und uns Verbrauchern so das Sortieren erleichtern. Ist die Wertstofftonne erstmal Teil der bunten Tonnengalerie vor dem Haus, gehören dorthinein nämlich auch sämtliche stoffgleichen Nichtverpackungen wie die Salatschüssel und die Alupfanne, um im obigen Beispiel zu bleiben.

Von der Umsortierung solcher Wertstoffe wie Salatschüssel und Alupfanne (raus aus dem Restmüll, rein in die Wertstofftonne) erhofft man sich nach einer Studie des Umweltbundesamtes eine Erhöhung an gesondert gesammeltem Abfall (Wertstoff) von 25 Prozent pro Kopf, was sieben Kilogramm entspräche, schreibt die Wochenzeitung „Die Zeit“ hier. Gut zu wissen: Im eingangs erwähnten Eckpunktepapier nennt die Koalition eine Menge von fünf Kilogramm, die pro Kopf und Jahr mehr an Wertstoffen erfasst werden soll. Und die aktuelle Studie der INFA GmbH beziffert das Wertstoffpotenzial sogar auf 95 Kilogramm pro Einwohner und Jahr, wie Benjamin hier auf dem Blog bereits berichtete.

„Die Zeit“ schreibt aber auch, dass die vergleichsweise junge Modellregion Berlin, wo seit 2013 Wertstofftonnen gefüllt würden, mit dieser Umsortierung weder einen ökonomischen noch einen ökologischen Vorteil erwirtschafte. Das zeige eine erste Auswertung aus Berlin, die demnach „zu niederschmetternden Ergebnissen“ gekommen sei: „Tatsächlich ist die gesondert gesammelte Abfallmenge mit der Einführung der Wertstofftonne um vier Kilo pro Kopf gestiegen. Doch ein Drittel der Gesamtmenge besteht aus Dingen, die gar nicht in die neue orange-gelbe Tonne gehören: nasser Hausmüll, dreckiges Papier, kaputte Elektrogeräte, Textilien, gebrauchte Einwegwindeln.“

Von intelligenten Fehlwürfen und solchen, die alles andere sind

Derart falsch sortierte Stoffe nennen Experten „Fehlwürfe“. Die meisten (ich nenne sie mal: blöden) Fehlwürfe, so berichtet Michael Werner von der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH hier, gäbe es bei der Gelben Tonne, die anderswo auch gerne noch ein gelber Sack ist.

Wer dagegen heute schon die Salatschüssel aus dem Beispiel oben in die gelbe Tonne oder den gelben Sack entsorge, handele einerseits zwar gegen das Gesetz, weil dort nur Verkaufsverpackungen hinein gehörten, „da nur für diese eine Verpflichtung für die Hersteller und Vertreiber von Verkaufsverpackungen nach § 6 Abs. 1 VerpV besteht. Andere Wertstoffe identischen Materials werden weiterhin mit der Restmülltonne entsorgt und nicht einer stofflichen Verwertung zugeführt“, schreibt der NABU hier. Doch andererseits sei diese Sortierung seitens der Verbraucher ohne rechtliche und ökonomische Grundlage, so der NABU weiter, ein intelligenter, da material- beziehungsweise stoffgleicher Fehlwurf.

Die Wertstofftonne für alle kommt – obwohl ihr ökonomischer und ökologischer Wert infrage steht

Doch wohl nicht nur Fehlwürfe schmälern bislang den Erfolg der Wertstofftonne. Dem Bericht der „Die Zeit“ nach sei in Berlin insbesondere der Wertstoff Plastik ein Beispiel für das Sortierdilemma in der Wertstofftonne: „Gemischte Kunststoffe machen die Hälfte der getrennt gesammelten ‚Wertstoffe‘ aus – pro Kopf sind das zwölf Kilo im Jahr. Doch PET, der einzige Kunststoff, für den Recyclingbetriebe tatsächlich viel Geld bezahlen, ist kaum dabei. Den haben Flaschen- und Müllsammler nämlich schon vorab auf eigene Faust aus den Tonnen gefischt.“ Und über das, was übrig bleibe, rümpfe demnach „die Kunststoffindustrie die Nase“. Es sei eine „häufig stark verschmutzte Mischung minderwertiger Plastiksorten. Weniger als zwei Prozent sind als Rohstoff für die Kunststoffherstellung geeignet. Beim Rest geht es höchstens um Downcycling statt Recycling, er kann meist nur noch als Granulat in der Bauindustrie verwendet werden. Mit zwei Dritteln des aufwendig sortierten Plastikabfalls aus der Wertstofftonne ist überhaupt nichts mehr anzufangen. Er landet am Ende dort, wo auch der Restmüll bleibt: in der Verbrennung.“

Selbst für das Recyceln von Metallen (was ohne Frage ökologischer und ökonomischer ist, als diese als Primärrohstoff aus dem Berg zu buddeln), die laut „Die Zeit“ einen Anteil von 16 Prozent in der Berliner Wertstofftonne ausmachten, sei die Umsortierung von Restmüll in Wertstofftonne demnach nicht nötig: „Die Metalle müssten gar nicht getrennt gesammelt werden, sie können auch aus der Schlacke zurückgewonnen werden, die nach der Restmüllverbrennung anfällt.“

Das Fazit der Zeitung bezüglich der Wertstofftonne fällt demzufolge so aus: „Niemand braucht also diese Tonne.“

Und was denkt ihr?

 

 

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