Müll – eine buchstäbliche Biografie

Gepostet von am 16. Jun 2015

Müll – eine buchstäbliche Biografie

Als Journalistin nähere ich mich vielem buchstäblich. So auch dem Thema Müll. Ein Annäherungsversuch an den Begriff Müll – seine Herkunft, Bedeutung und Verwendung vor historischem Hintergrund.

M-ü-l-l.

Meine Auseinandersetzung mit einem Wort beginnt meist über dessen Klang. Lautbuchstabierung nennt man das, glaube ich. Ich summe also das M tief, lasse den Ton dann genüsslich in ein spitzes Ü übergehen und in einem langen wie breiten L ausklingen. Müll, Müll, Müll … das klingt schon nach kurzer Zeit der ständigen Wiederholung merkwürdig. Ich assoziiere das Wort mit Allem und Nichts. Woher kommt das Wort Müll eigentlich? Hatte es ursprünglich eine andere Bedeutung? Und ist es mit dem Wort Müller verwandt, das denselben Wortstamm hat? Fragen über Fragen, denen ich heute auf den Grund gehen will.

Über die Herkunft des Wortes Müll

Nach allem, was ich zum Begriff Müll gelesen habe, hat er auf jeden Fall etwas mit dem Müller zu tun – und mit dem, was ein Müller in seiner Mühle zu tun hat. Doch lest selbst:

So sollen laut Wikipedia im 8. und 9. Jahrhundert bereits Verben wie mullen (Althochdeutsch) und müllen, müln (Mittelhochdeutsch) in der Bedeutung etwas zu zerstoßen, zu zermalmen, zu zerreiben, zu zermahlen – alles auch müllertechnische Begriffe, wie Ihr seht – gebräuchlich gewesen sein. Ebenso habe man demnach im 9. Jahrhundert die Produkte wie Staub, Schutt und Kehricht, die mit den Arbeiten entstanden, die hinter den genannten Verben stecken, bezeichnet: Gimulli (Althochdeutsch) und Gemülle, Gemül (Mittelhochdeutsch). Im 11. und 12. Jahrhundert sagte man im Althochdeutschen mulli und meinte damit Abfall und Kehricht, im Mittelhochdeutschen wurde Staub Mulle, Mul sowie im Mittelnorddeutschen Mül genannt. Das Norddeutsche kannte Mull und Müll für lockere Erde. Doch erst im 18. Jahrhundert fand das bis dato nur norddeutsche Wort Müll Aufnahme ins schriftliche Hochdeutsch. Alle Wörter lassen sich der Freien Enzyklopädie zufolge auf die Wortwurzel mel(ə) für zermalmen, schlagen, mahlen zurückführen.

Bis hierher, so möchte ich zusammenfassen, meinte das, was man mit dem Begriff Müll bezeichnete, also Zusammengefegtes beziehungsweise Zusammengekehrtes, das beim Mahlen von Korn, Stein und anderem abfiel. Damit sind wir schon beim Abfall: einem als Synonym für Müll gebräuchlichen Wort.

Von steinzeitlichen Abfallhaufen, antiken Abwässerkanälen und Müllschweinen

Abfall häufte der Mensch offensichtlich schon immer an. In Siedlungen aus der Steinzeit hat man bereits Abfallhaufen entdeckt. Sie enthielten Knochen, Scherben, Asche und organische Reste. Aus den Funden wurde geschlossen, dass der Steinzeitmensch diese Abfallhaufen zwischendrin anzündete. Später dann trennten die Menschen flüssigen von festem Abfall. Die wurden schon sehr frühzeitig über Abwasserkanäle entsorgt – ein Wort, das zunehmend an Bedeutung gewann.

Berühmtheit erlangte die antike Cloaca Maxima Roms, die vielen anderen Abwasserkanalsystemen zum Prototyp wurde. Mit dem Flusswasser wurden damals Abwässer aus den Haushalten, öffentlichen Bädern, Brunnen & Co. weggespült, sprich: entsorgt. Diese Abwässer enthielten auch Fäkalien. An das Abwasserkanalsystem konnten sich die römischen Haushalte übrigens auf eigene Kosten anschließen, private Unternehmer führten – bezahlt über eine städtische Sondersteuer – die Reinigungsanlagen, die zu den Kanälen gehörten. Sklaven mussten dort arbeiten. Ortswechsel! Zeitsprung! Von Rom nach Deutschland, aus der Antike ins Mittelalter:

Im Mittelalter landeten Abfall und Fäkalien gemeinsam auf der Straße, meist direkt vor der Haustür. Die Schweine (Müllschweine?), die man dort zur Entsorgung des organischen Mülls einsetzte, trugen allerdings ihrerseits zu neuem Müll bei. Seuchen verbreiteten sich so im Nu. Erst als man erkannte, dass mangelnde Hygiene Seuchen Vorschub leistete, baute man Abfallbeseitigungssysteme und Schwemmkanäle. In Hannover beispielsweise wurde 1435 ein Fuhrunternehmen mit der Straßenreinigung beauftragt, zwei sogenannte Stortekarren dienten der Müllabfuhr. Unterstellt wurde das Ganze dem Scharfrichter.

Die Vermischung von Abfall und Fäkalien fand erst mit dem beginnenden 19. Jahrhundert ihr Ende. 1838 fuhren zweimal die Woche Kotwagen durch die Stadt Hannover, sammelten die am Straßenrand stehenden Tonnen ein und brachten sie zu den Rieselfeldern vor die Stadt. 70 Straßenfegerinnen, die Besenkolonne, hielten die Straßen sauber, wird hier berichtet.

1861 lag Hannovers Müllabfuhr komplett in der Hand von Arbeitern, die die Stadt bezahlte. Man baute die Schwemmkanalisation aus und behandelte Abwässer und feste Abfallstoffe getrennt. Und kurz vor der Jahrhundertwende, im Jahre 1896, entstand in Hamburg Deutschlands erste Müllverbrennungsanlage, wobei ich hinzufügen muss, dass ein Großteil des Mülls deponiert wurde.

Der historische und sprachliche Ausflug hat so manches Müllwort und seine Herkunft zu Tage gebracht. Fehlt noch Neuzeitliches Wortgut wie das Müllauto, die Müllsortierung, die Müllkippe, der Müllcontainer, der Restmüll, der Müllberg und das Müll-Recycling.

Vom Ascheeimer zur Mülltonne zur Wertstofftonne

Aus Zeiten der Kohleöfen und Kamine – ich habe 1983 zuletzt den Kohleofen der Mietwohnung meiner Mutter und mir angefeuert, meine Oma hatte bis weit in die 1980er einen Kohleofen in der Küche – stammt der Begriff Ascheeimer, in dem man die kalte Asche gesammelt hat, um sie darin aus dem Haus zu tragen und in eine größere Aschtonne zu entsorgen. Darin wurde auch anderer Hausmüll gesammelt. Diese Aschtonnen wurden mit dem zunehmenden Wegfall der Heizasche zu Mülltonnen. Inzwischen sind die Tonnen Teil des Mülltrennungssystems und je nach Müllsorte in unterschiedlicher Ausführungen aufgestellt. Denn längst hat man erkannt, dass der Abfall Wertstoffe enthält, die verwertet werden können. Und so spricht man heute Sammelbehältern für Wertstoffe oder auch von Wertstofftonnen.

Müll hat viele Namen

Der Vollständigkeit halber will ich an dieser Stelle auch auf die unzähligen Synonyme für das Wort Müll hinweisen, die je nach Region auch leicht verschiedene Bedeutungsnuancen haben. Die Sprachnudel hat eine lange Liste von Synonymen für Müll aufgemacht: Darin finden sich Begriffe wie Ausschuss, Dreck, Gerümpel, Gesumsel, Graffel (ich kenne es als Geraffel), Grusch, Hausabfall, Kehricht, Klimbim, Klumpert, Klüngel, Kram, Kramuri, Krempel, Krimskrams, Maulwurf, Mist, Moll, Nippes, Plunder, Ramsch, Sammelsurium, Schmutz, Schrott, Trödel, Unrat, Zeug, Zinnober. Mir fallen dazu noch ein: Gelumpe und Mist.

 

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