Über die Akzeptanz von Recyclingrohstoffen: Teil I – Papier

Gepostet von am 3. Nov 2015

Über die Akzeptanz von Recyclingrohstoffen: Teil I – Papier

Wer sich bewusst um die Umwelt sorgt, hat kein Problem damit, Produkte aus recycelten Wertstoffen zu benutzen. Soweit die grüne Theorie. In der Praxis lässt die Akzeptanz von Recyclingprodukten zu wünschen übrig. Am Beispiel Recyclingpapier zeige ich hier das Dilemma zwischen erwünschter und tatsächlicher Akzeptanz auf.

In diesem Frühjahr meldete das Umweltbundesamt (UBA), dass sich in der Wahrnehmung von Recyclingpapier während der vergangenen Jahre ein „Bewusstseins- und Imagewandel“ vollzogen hätte. Mit der Folge, dass mehr recyceltes Papier, zu erkennen am deutschen Umweltsiegel „Der Blaue Engel“, genutzt werden würde. Diese Zwischenbilanz, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, zog das UBA gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium (BMUB), der Initiative Pro Recyclingpapier (IPR) und dem Umweltverband NABU anlässlich des 15-jährigen Bestehens der IPR und der Veröffentlichung des ersten sogenannten Recyclingpapier-Reports.

Recyclingpapier-Report lässt Schlüsse auf Akzeptanz des Wertstoffs Recyclingpapier zu

Dem 36-seitigen Recyclingpapier-Report zufolge, den man übrigens hier als PDF downloaden kann, verbrauchen wir in unserem Land jährlich etwa 22 Millionen Tonnen Papier. Der Anteil grafischer Papiere, also solcher, die zum Bedrucken inklusive Kopieren, Beschreiben oder Bemalen genutzt werden, an der Gesamtproduktion der Papier-, Pappe- und Kartonindustrie beträgt demnach 39 Prozent (Stand 2013). Verpackungspapier, -pappe und -karton haben einen Anteil von fast 49 Prozent, Hygienepapier (Toilettenpapier, Papiertaschentücher, Kosmetiktücher & Co.) und Papier für technische und spezielle Verwendungszwecke jeweils gut sechs Prozent.

Bei der Produktion der 22,393 Millionen Tonnen Papier im Jahr 2013 kamen rund 16 Millionen Tonnen Altpapier zum Einsatz, Tendenz steigend. Das sind 74 Prozent – die uns Deutschen einen meisterhaften Platz im internationalen Vergleich der Altpapiersammler bescheren.

Soweit die Fakten zu unserem Papierverbrauch, der auf hohem Niveau stagniere, und der deutschen Papierproduktion. Doch nicht alles Papier auf unserem Markt stammt aus einheimischer Produktion. Und nicht alles Papier aus deutschen Fabriken bleibt im Land. Nach den USA sind wir der Welt zweitgrößter Importeur von Papier und von Zellstoff, schreibt der WWF. Der Umweltschutzverband beziffert die Papierimporte auf etwa zehn Millionen Tonnen, die Exporte auf etwas darüber. Auch das Altpapier, das wir sammeln, gehe demnach nicht komplett in die deutsche Papierproduktion: „In Deutschland wurden  2009 3,8 Millionen Tonnen Altpapier exportiert und 3,1 Millionen Tonnen importiert.“

Der Anteil der Altpapiere an der Produktion neuen Papiers variiere laut WWF je nach Papierprodukt erheblich: „So enthalten zum Beispiel Zeitungsdruckpapier und Verpackungsmaterialien einen hohen Anteil Recyclingfasern. Und obwohl bei der Produktion von Zeitungsdruckpapier in Deutschland Recyclingpapier dominiert, kann es wegen des Import-und Exportanteils in Deutschland durchaus auch Zeitungen geben, die auf Frischfaserpapier produziert werden. Bei grafischen Papieren (außer Zeitungsdruckpapier) ist es genau umgekehrt: Hier werden überwiegend frische Zellstoffe für die Produktion eingesetzt. Und bei Hygienepapier liegt der Recyclinganteil bei nur 55 Prozent, wobei der größte Anteil davon auf die sogenannten Awayfrom-Home-Produkte (zum Beispiel für öffentliche Toiletten) fällt. In Tissueprodukten für den privaten Haushalt (Toilettenpapier, Papiertaschentücher etc.) ist der Frischfaseranteil sehr viel höher. Der Recyclinganteil hat hier in den letzten Jahren abgenommen. Da diese Produkte nicht mehr dem Produktkreislauf zugeführt werden können, empfiehlt der WWF „insbesondere im Bereich Hygiene Recyclingprodukten den Vorzug zu geben“.

Gründe für geringe bis keine Akzeptanz von Recyclingpapier

Damit sind wir der Akzeptanz von Recyclingpapier bereits auf der Spur. Offensichtlich ist es in Form von Hygienepapier weniger beliebt bei den Verbrauchern – Nachfrage bestimmt Angebot und umgekehrt, nicht vergessen! Warum das so ist? Einigen Gründen für die fehlende Akzeptanz von Recyclingpapier bin ich in meinem Blogbeitrag zu Toilettenpapier hier schon nachgegangen. Weitere Gründe zählt Greenpeace hier auf, unter anderem hätten „Teile der Papierindustrie … in den vergangen Jahrzehnten viel Lobbyarbeit betrieben, um Recyclingpapier schlecht zu machen, um den Absatz von Frischfaserpapier weiter steigern zu können. Es wurden Lügen über die angeblich schlechte Qualität von Recyclingpapier verbreitet, die noch heute von den meisten Menschen für Tatsachen gehalten werden. Es ist schockierend, wie uninformiert selbst Menschen sind, die täglich mit Papier arbeiten (Druckereien, Copyshops, Papierlieferanten).“

Vor 15 Jahren ist die Initiative Pro Recyclingpapier laut eigenen Angaben mit dem Ziel angetreten: „Die Wahrnehmung und Akzeptanz von Recyclingpapier soll verbessert werden und so zu einem Bewusstseinswandel im praktischen Umgang mit beziehungsweise Verhalten zu Papier beitragen.“

In einem Zeitungsartikel aus dem Gründungsjahr 2000 wird die dazumal aktuelle Akzeptanz von Recyclingpapier so beschrieben: „ … die rückläufige Akzeptanz insbesondere bei jungen Konsumenten … Vor nicht einmal 20 Jahren feierte das Umweltpapier in Deutschland wahre (Umsatz-)Rekorde. Es war einfach, auf grauem Papier zu schreiben. Die Öko-Ware war Statussymbol an Schulen und Universitäten. Heute hat das Papier aus Recyclingware längst eine ‚weiße Weste‘. Selbst die kritischen Prüfer der Stiftung Warentest haben nichts zu nörgeln. Nur gekauft wird das Papier mit dem Umweltgüte-Siegel ‚Blauer Engel‘ kaum noch. Allein im Karstadt-Konzern ist der Umsatz von Recycling-Artikel im Schulbereich seit 1996 um 50 Prozent zurückgegangen. … Der Umsatz sei drastisch eingebrochen, attestiert Barbara Maué vom NABU. Der Absatz von Heften und Blöcken aus Recycling-Papier sei beim Einzelhandel bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Viele Kaufhäuser hätten Recycling-Papier gar nicht mehr im Angebot. So wie Karstadt für das umweltfreundliche Papier wirbt, sollte nach Ansicht des NABU die Wirtschaft generell die Werbetrommel rühren“, schrieb die Welt unter dem Titel „Recycling-Papier – ‚Blauer Engel‘ mit lahmen Flügeln“.

Laut der Pressemitteilung zum ersten Recyclingpapier-Report sei im Gründungsjahr der Initiative 2000 „die Nutzung von Recyclingpapier noch rückläufig und in der Wirtschaft besonders schwach ausgeprägt“ gewesen.

15 Jahre später belegen die folgenden Zahlen einen Akzeptanz- und Imagewechsel für Recyclingpapier: „So verwenden allein neun von zehn deutschen Großstädten durchschnittlich bereits über 80 Prozent Recyclingpapier mit seit Jahren kontinuierlich steigenden Quoten. Rund 40 Prozent der Bundesbehörden setzen bereits mindestens 90 Prozent Recyclingpapier ein.“ Im Report selbst ist zu lesen: „Der Marktanteil für Büropapiere mit dem Blauen Engel ist von sieben Prozent im Jahr 2000 auf aktuell circa 14 Prozent gestiegen.“

Die Fakten sprechen offensichtlich dafür, dass in Unternehmen, Behörden, öffentlichen Einrichtungen & Co. Recyclingpapier eine gestiegene Akzeptanz erfahre. Doch wie ist es um die Akzeptanz des einzelnen Verbrauchers bestellt? Theoretisch sollte gutes Beispiel Schule machen: Wer es als Schüler in der Schule, als Arbeitnehmer im Büro oder als Kunde einer staatlichen Behörde mit Recyclingpapier zu tun bekommt, könnte seine Erfahrung mit ins private Leben als Verbraucher nehmen und seine Akzeptanz gegenüber Recyclingpapier ändern. Könnte, wohlgeschrieben. Theoretisch …

 

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    3 Kommentare

  1. Nach meiner Wahrnehmung ist der Einsatz von Recyclingpapier deutlich zurück gegangen, aber ich habe zu Schulzeiten noch auf dem grauen Papier geschrieben. Warum es heute bewusst nicht genutzt wird, trotz Angebot, würde mich auch interessieren.

    Lässt sich mit frischem Zellstoffpapier mehr verdienen als mit Recyclingpapier? Der Energieaufwand ist zumindest deutlich geringer bei Recyclingpapier, daher müssten auch die Kosten geringer sein.

  2. Andreas, eine gute Frage: Ich habe schnell ein paar Fakten dazu: „Recyclingpapier spart gegenüber Frischfaserpapier bis zu 60 Prozent der Energie, bis zu 70 Prozent Wasser sowie CO2-Emissionen und Abfall.“
    Präsident des Umweltbundesamtes Jochen Flasbarth (Quelle: http://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/papier-altpapier-recycling-umwelt-100.html)
    Recyclingpapiere sind in der Regel günstiger als vergleichbare Frischfaserpapiere, da bei der Produktion auf die teure Zellstoffgewinnung verzichtet werden kann. Über längere Zeiträume betrachtet galt bisher die Faustformel: Bei Recyclingpapier lassen sich gegenüber Primärfaserpapier ca. 10 Prozent sparen.
    Allerdings zahlt der Kleinkunde für Recyclingpapier häufig genauso viel wie für Frischfaserpapier, da die Nachfrage nach Recyclingpapier geringer ist.(Quelle: http://www.umweltinstitut.org/archiv/archiv-energie-und-klima/fachinformationen/recyclingpapier.html)
    Fazit: Würden wir mehr Recyclingpapier kaufen, würde es günstiger werden – für unser Portemonnaite und die Umwelt.

  3. Tja, was soll ich sagen… mein Laserdrucker mag das Recyclingpapier nicht; er produziert Streifen und Schlieren. Nach dem Austausch teurer Verbrauchsmaterialien wie Toner und Trommel (vom Originalhersteller – daran sollte es also nicht liegen) brachte erst die Verwendung von Frischfaserpapier eine Besserung der Druckqualität. 🙁 Vielleicht ist mir das richtig gute Fabrikat aber auch einfach noch nicht untergekommen. Oder mein Drucker ist zu alt. Oder oder oder…

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