Die Geschichte des Recyclings II – das Mittelalter

Gepostet von am 19. Mai 2016

Die Geschichte des Recyclings II – das Mittelalter

Auch im Mittelalter wurde systematisch recycelt. Zum Beispiel machte man aus Lumpen Papier. Begleitet mich doch auf meinem zweiten Ausflug in die Geschichte des Recyclings! Auf die Reise, fertig, los!

Das sind wir schon! Wir sind mitten im Mittelalter angekommen: Deutsche Städte lagen damals in der Regel an einem Fluss und hatten zwischen zehn- und vierzigtausend Einwohner. Das Stadtzentrum bildete der Marktplatz, der von der Kirche und Patrizierhäusern umrandet war. Darum waren Häuser dicht an dicht gebaut, und nur enge Gassen bildeten sich. Und um die ganze Stadt hatte man eine Mauer zum Schutz der Städter gezogen.

In den mittelalterlichen Städten gaben die Patrizier den Ton an, die großteils vom Handel lebten und Gilden bildeten. Unzählige Handwerker siedelten sich dort ebenfalls an und schlossen sich zu Zünften zusammen. Die Papierfertigung kam im 14. Jahrhundert in die deutschen Städte. 1390 nahm in Nürnberg die erste Papiermühle ihren Betrieb auf. Sie brauchte vieler Hände Arbeit und schaffte entsprechend viele Arbeitsplätze:

Lumpensammeln – organisierter Job mit schlechtem Image

Einziger Rohstoff für das Papier des Mittelalters (und weit bis ins 19. Jahrhundert hinein) waren pflanzliche Fasern, teils aus erster und teils aus zweiter Hand. Textilien wurden damals bis zum Zerfall getragen, auch von mehreren Personen, und dann als Lumpen abgegeben oder verkauft. Die Hadernsammler beziehungsweise Lumpensammler zogen von Tür zu Tür und kauften den Leuten die Lumpen ab. Sie waren teilweise auf eigene Rechnung unterwegs oder arbeiteten für Lumpenhändler beziehungsweise direkt für die Betreiber von Papiermühlen. Letztere hatten sich häufig von der Landesherrschaft spezielle Rechte zum Hadernerwerb einräumen lassen. Damit es keine Revierstreitigkeiten unter den Lumpensammlern gab, wurden in manchen Regionen Lumpensammlerpässe eingeführt.

Die Hadern-/Lumpensammler wurden nicht nur in privaten Haushalten fündig. Auch in den Werkstätten von Schneidern, Spinnern, Webern oder Seilern gab’s verschlissene Stoffe, Tücher und mehr zu holen. Das Lumpensammeln übernahmen oft Männer aus den sozialen Randgruppen, berichtet wird beispielsweise über Invaliden, Juden und Bettler – und in Nürnberg sogar über Frauen. Meist waren es Leute des fahrenden Volkes. Wegen ihrer oft wohl abstoßenden Erscheinung und des recht aufdringlichen Auftritts, insbesondere des aggressiven Heischens, beschimpfte man die Lumpensammler oft als Haderlumpen.

Exkurs: In Süddeutschland, Österreich und der Region Schlesien ist das Wort Haderlump, auch Hadersack, Lumpensack, Lumpsack und Lump, ein Schimpfwort für Habenichtse und Taugenichtse, das oft mit einem verlumpten Äußeren verbunden wird.

Da der Bedarf an Lumpen mit der Erfindung des Buchdrucks 1445 immer größer wurde, verbot man in manchen Orten die Ausfuhr von Lumpen und/oder bestrafte den Schmuggel von Lumpen schwer.

Die Altkleider, Reste von Wäsche, Seilen und Stricken brachten die Hadern-/Lumpensammler dann zum Händler oder direkt zu den Papierern.

Lumpenrecycling – aufwendiges Handwerk

Pflanzliche Fasern wie Stroh, Baumrinde, Hanfstengel sowie sogenannte Hadern, also Lumpen aus Flachs und Leinen, zerfetzte man zunächst. Das geschah auf dem Reißstuhl, der mit einem Sensenblatt bewehrt war. Die Faserfetzen setzte man dann zum Faulen an – das sollte die Gewebefasern mürbe machen. Im 15. Jahrhundert begann man damit, Kalkmilch in die Faulbrühe zu gießen, um die Fasern zu bleichen. Anschließend wurde die Masse in den Stampfwerken der großteils als Wassermühlen betriebenen Papiermühlen zerstampft. Dabei gab man Pflanzenasche oder Kalk zu. Der sich ergebende wässrige Wasserbrei wurde Halbzeug genannt. Das ließ man für eine Weile stehen, ohne es weiter zu bearbeiten. Nach einigen Tagen kam das Halbzeug erneut in die Stampfe bis es als Ganzzeug in die Bütte gegeben wurde. Dort füllte man Wasser und Papierleim, zum Beispiel aus Material tierischen Ursprungs, aus Weizenmehl gefertigter Stärkekleister oder Alaun, auf und rührte das Ganze. Als Nächstes schöpfte der deshalb auch Schöpfer genannte Arbeiter Papierbrei aus der Bütte. Er nutzte dazu ein planes, starres Drahtsieb, das fest in einem abnehmbaren Rahmen aus Holz (der auch Deckel genannt wurde und verhindern sollte, dass der Papierbrei über den Rand läuft) eingespannt war, das er ordentlich rüttelte: So verteilte er den abgeschöpften Brei gleichmäßig auf der Siebfläche und zugleich konnte überschüssiges Wasser ablaufen. Der Schöpfer reichte dann das Sieb an den Gautscher weiter: Der stülpte das Sieb über einem Filz um. Als Nächstes kam der Leger dran: Er stapelte die Filzstücke mit den darauf jeweils abgelegten Bögen aus Papier aufeinander, um den Stapel dann zu pressen. Dazu bediente er sich einer Gautschpresse, die ähnlich wie eine Traubenpresse funktionierte. Mit starker Hand presste er das Wasser aus dem Filz-Papierbogen-Stapel. Anschließend löste der Leger die Papierbögen von den Filzen und legte sie zum Trocknen in Trockenböden aus, die mehrere Etagen hatten. Das so erhaltene hochwertige Schreibpapier aus nahezu weißem Leinenmaterial wurde allerdings nochmals in eine Leimbrühe aus Knochen und Lederresten getaucht und anschließend erneut gepresst und getrocknet, um seine Saugfähigkeit zu mindern. Schlussendlich glättete man die einzelnen Bögen und bearbeitete deren Ränder (egalisieren).

Zweitverwertung von Papier im Mittelalter:
Erfindung des Recyclingpapiers

Das Papier des Mittelalters selbst wurde auch recycelt. 1774 stellte der Jurist Justus Claproth aus Göttingen in seiner Schrift Eine Erfindung, aus gedrucktem Papier wiederum neues Papier zu machen das erste Recyclingverfahren für gebrauchtes Papier vor. Er gilt bis heute als Erfinder des Recyclingpapiers. Claproht hatte gemeinsam mit dem Papiermacher Johann Engelhard Schmid aus bedrucktem Altpapier neues Schreibpapier gemacht, indem er die Druckerschwärze mit Terpentinöl und Wascherde auswusch. Quasi hat er schon damals das bis heute bekannte Entschwärzungsverfahren (Deinking) eingeführt.

Und last, but not least muss hier auch davon geschrieben werden, dass man in Latrinen, zum Beispiel in Aschaffenburg, Briefsiegelreste gefunden hat. Sie zeugen von einer weiteren Art der Wiederverwendung beschriebenen Papiers zur Reinigung des Allerwertesten.

Recycling anderer Wertstoffe im Mittelalter: Glas und Metall

Man geht davon aus, dass die Tatsache, dass man in den Abfallgruben mittelalterlicher Städte, Burgen und Adelshöfe kaum Glasscherben findet, gleichwohl Glas im besten Mittelalter keine Seltenheit mehr war, davon zeugt, dass die Glassammler gebrochenes Glas und Altglas recht flächendeckend einsammelten und in die Glashütten zurückbrachten, wo es erneut eingeschmolzen wurde. Erst ab dem 15. Jahrhundert änderte sich das: Aus dieser Phase gibt es plötzlich viele Scherben. Die Historiker erklären die Scherben aus billigem Glas damit, dass nur noch wertvolles Sodaglas aus Importen wieder eingeschmolzen wurde.

Ähnliches gilt für Metall: Auch Metalle fänden sich laut Archäologen selten in Ausgrabungen mittelalterlicher Abfallgruben. Das belege, dass metallische Gegenstände, die defekt oder ausrangiert wurden, auch wieder in der mittelalterlichen Schmiede landeten, um ein weiteres Mal eingeschmolzen zu werden.

 

Über die Geschichte des Recyclings:

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS I – DIE ANTIKE

 

    4 Kommentare

  1. Es ist interessant zu sehen, dass dieses Thema uns auch damals in einer anfänglicher Form beschäftigte und dass die Menschen im Mittelalter auf ihren Gütern passten.
    LG
    Ysra

  2. Hallo,

    ichweiß, der Artikel ist schon eine Weile alt, aber mich würden die Quellen interessieren, aus denen diese Informationen stammen, besonders zum Thema Kleidung.

    Vielen Dank und beste Grüße

    • Sehr geehrte Frau Sylvia!

      Die Intextlinks führen zu den Quellen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Die Redaktion

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