Recycling in der DDR – Teil 1

Gepostet von am 23. Feb 2017

Recycling in der DDR  – Teil 1

Geschichte des Recycling, Teil XIII

Es ist so weit. Im vorliegenden und folgenden Teil der deutschen Recyclinggeschichte hier auf dem Wertstoffblog geht’s um das Recycling in der DDR. Ich wurde dort 1971 geboren und kann euch das eine oder andere persönliche Erlebnis aus meiner Altstoffsammelzeit schildern. Los geht’s gleich musikalisch:

Hab’n se nicht noch Altpapier,

liebe Oma, lieber Opa,

klingeling, ein Pionier, klingeling, steht hier, ein roter

hab’n se nicht noch Altpapier,

Flaschen , Gläser oder Schrott,

klingeling, schnell geb’n se’s mir – sonst holt sich‘s die FDJ!

 

Das ist ein Liedtext, der meine Altstofflebenswelt der DDR ziemlich gut beschreibt – und den ich noch immer textsicher singen kann. Wer sich das Lied einmal anhören möchte, hier – bitteschön:

 

Zum besseren Verständnis: Die Grundschüler, Mittelstufenschüler und Oberstufenschüler in der DDR waren großteils Mitglieder in den Kinder- und Jugendmassenorganisationen

Bei den Pionieren gab’s die Jungpioniere (1. bis 3./4. Klasse) mit weißer Bluse/weißem Hemd und blauem Dreieckstuch und die Thälmannpioniere (4. bis 7./8. Klasse) weißer Bluse/weißem Hemd und rotem Dreieckstuch. Der singende Pionier in dem Lied oben ist ein roter, demnach also einer der Älteren. Er sammelte Altstoffe so wie ich einst . . .

Altstoffsammlung war „Kinderarbeit“ in der DDR

Wir zogen damals von Haustür zu Haustür und sammelten Altpapier (meist Zeitungs- und Zeitschriftenbündel, seltener Pappe, Kartons und Bücher), leere Flaschen und Gläser, darunter viele Einmachgläser, um sie gegen Geld beim Altstoffhandel abzugeben. Oft war die Altstoffsammlung ein Schulevent – wir sammelte klassen- und schulweise, um unsere Klassen- und Schulkassen aufzufüllen oder Spenden für Hilfsaktionen wie „Solidarität mit den Völkern der Welt“, „Solidarität mit Vietnam“, „Hilfe für den Wiederaufbau in Vietnam“, „Hilfe für MosambikAngola“ aufzubringen. Wettbewerb untereinander wurde dabei großgeschrieben und die besten Sammler wurden oft prämiert. Ich bekam mal einen Büchergutschein für den 2. Platz beim Altstoffsammeln.

Ich verbrachte meine Schulzeit in einer Kleinstadt. In der Grundschulzeit war des Bürgermeisters Sohn in meiner Klasse. Der Bürgermeister organisierte zweimal im Jahr eine Klassenaltstoffsammlung mit Lkw: Das war schon was ganz Besonderes. Jedes Kind in der Klasse sollte ein halbes Jahr möglichst viele Altstoffe anhäufen, die am Aktionssamstag dann vom Bürgermeister persönlich und seinen Helfern eingesammelt wurden. Der Lkw fuhr von Kind zu Kind – die Klassenliste runter. Unsere Klasse kam so immer auf ein hübsches Sümmchen – Wikipedia zeigt euch hier die damals üblichen Preise für Altstoffe.

Es war für mich ganz normal, bei den Nachbarn zu klingeln und die sorgfältig gebündelten Zeitungen & Co. herausgereicht zu bekommen. Das Sammeln ging Hand in Hand, sozusagen. Viele Menschen, insbesondere Ältere und Kranke, warteten oft schon auf einen und waren froh, das Zeug los zu sein. Bei manchen gab’s sogar noch eine Limo, ein Stück Kuchen oder ein Bonbon als Belohnung. Auch einen Fuffziger oder ein Markstück wurde mir hier und da mal zugesteckt. Ich empfand das als Wertschätzung für meine gute Tat: Wir ersparten den Menschen schließlich den Gang zum Altstoffhandel. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an Fragen wie „Wann kommst du denn mal wieder vorbei zum Altstoffsammeln?“, die mir auf dem Schulweg oder auf dem Weg zur Kaufhalle (so nannten wir unseren Supermarkt) zugerufen wurden.

Selbstverständlich gingen wir auch privat los, um uns mit dem Altstoffsammeln ein Taschengeld zu verdienen. Dann waren wir meist zu zweit und zu dritt unterwegs, bestenfalls mit einem Handwagen oder einer alten Kinderkarre ausgerüstet, um die schweren Sachen zu transportieren.

Insbesondere bei solchen privaten Altstoffsammeltouren zogen wir auch durch Parks und Stadtwäldchen, um dort unerlaubt entsorgte Altstoffe, vor allem leere Flaschen und Gläser, einzusammeln. Damit taten wir den Grünflächen Gutes – und mitunter entdeckten wir illegale Müllhalden, die wir nach der „Altstoffverwertung“ auch meldeten.

Die Altstoffannahme meiner Oma – meine Schule des Le(b)sens

Meine Großmutter arbeitete nachmittags im Altstoffhandel ihres Stadtteils. Das heißt, sie hatte den Schlüssel zur lokalen Sammelstelle, offiziell: „Sekundärrohstoffe Annahmestelle“ und nahm dort Altstoffe an. Ich habe sie oft begleitet und ihr beim Sortieren der Flaschen und Gläser, Altkleider und Zeitungen geholfen. Ich erinnere mich sehr gut an den leicht muffeligen Geruch nach feuchtem Papier und Getränkeresten, die in den Flaschen vor sich hin gärten, der einem entgegenschlug, wenn man den Altstoffladen betrat. Wir ließen die Tür immer auf und hatten uns nach kurzer Zeit an den Geruch gewöhnt. Ich machte es mir meist auf einem Stapel Zeitungen gemütlich und las. Oma empfing die Leute und wog und zählte, was es an Altstoffen zu wiegen und zu zählen gab. Gab’s zwischendrin mal keine Kundschaft, erklärte Oma mir die Waage und ließ mich Dinge wiegen und Gewichte vergleichen. Das Allerbeste aber war: Die Leute brachten neben Zeitungen auch Zeitschriften und Bücher zum Altstoffhandel. Das waren die Momente, in denen ich Oma nicht von der Seite wich. Kaum waren die Bücherlieferanten aus der Tür, stürzte ich mich auf die Bücherbündel, öffnete sie und durchforstete die Bücher nach lesenswertem Lesestoff. Ihr glaubt nicht, was ich in dieser Zeit gelesen habe! Dabei lernte ich zum Beispiel auch die alte deutsche Schrift kennen und mit Omas Hilfe innerhalb eines Nachmittags lesen. Manchmal haben wir auch die Altkleiderlieferungen genommen, natürlich nur, wenn sie nicht allzu sehr müffelten, und uns verkleidet, also vor allem ich habe mich verkleidet, während meine Oma mit ihren Händen, die ich nie ruhig in ihrem Schoß liegen sah, häkelte oder strickte. Es war eine gute Zeit mit einer Zweisamkeit, die ich kaum mehr mit meiner Oma erlebte, gleichwohl ich einige Jahre später noch ein Schuljahr unter der Woche bei ihr im Haushalt lebte.

Was ich sonst noch so in der DDR gesammelt habe

Übrigens erinnere ich mich kaum an das Sammeln von Plastikabfällen, ja kaum an Plastikabfälle überhaupt: die gab’s damals bei uns wohl noch nicht. Dafür weiß ich noch sehr gut, dass wir im Herbst auch in die Wälder zogen, um Bucheckern, Eicheln und Kastanien zu sammeln, die wir beim örtlichen Forstbetrieb abgaben. Natürlich wieder mit des Bürgermeisters Hilfe. Auch an das Sammeln von Kronkorken und Alufolie erinnere ich mich noch. Die benutzte Alufolie haben wir zu Kügelchen geformt und in Sammelsäcke geworfen, die hingen unter anderem in der Schule oder im Kindergarten.

In guter Erinnerung habe ich auch noch die „Speckitonne“. Das war eine neben den Mülltonnen aufgestellte Tonne mit einem Schwein drauf: dem sogenannten Specki. In die Tonne warfen wir Speisereste, die beim Zubereiten unseres Essens abfielen oder nach der Mahlzeit übrig blieben. Gesammelt wurde das Zeug als Schweinefraß, daher auch das Schwein vorne darauf. Wikipedia schreibt über die Speckitonne, sie sei eine frühe Art der Biotonne gewesen.

Mein persönliches Fazit

Das DDR-Altstoffsammelsystem erscheint mir aus heutiger Sicht sehr durchorganisiert. Die Annahmestellen gab’s in jedem Stadtteil, der Weg ließ sich zu Fuß selbst mit kurzen Kinderbeinen zurücklegen. Das Sammeln von Papier und Glas war für mich eine Selbstverständlichkeit – sowohl im eigenen Haushalt, als auch im organisierten Rahmen in der Nachbarschaft – und einfach machbar. Obwohl, ich kann mich auch an Stressmomente erinnern: Zum Beispiel, wenn ich eine gute Fundstelle für Altstoffe aufgetan hatte und die Schätze nicht mit einem Mal heben konnte. Könnt ihr euch vorstellen, welches Gefühl in einem Kind aufkommt, wenn es in einen Keller geführt wird, der voller Altstoffe war, die es zu Geld machen durfte? So viele Altstoffe, dass einem sofort klar wurde: Das schaffst du nicht mit einer Fuhre weg? Dann musste ich mit zehn, elf Jahren an Nachbars Tür geschickt verhandeln und mir den Schatz bis zum nächsten Tag sichern. Das gelang mal und mal nicht. So manches Mal habe ich mich auch schlichtweg übernommen und mir zu viel an Altstoffen auf einmal aufgebürdet. Die Schmerzen in den Armen, die das Schleppen verursachte, spürte ich noch drei Tage später. Aber egal, für mich war das Altstoffsammeln alltäglich und alternativlos, ich kann mich nicht erinnern, dass wir Glas oder Papier jemals in den Müll geworfen hätten. Im Gegenteil: Mein Großvater bastelte uns so einen praktischen Schnürehalter, der prominent im Haushalt platziert wurde, um jeden Fetzen Altpapier komfortabel zu verschnüren, sobald er anfiel.

Und so geht’s weiter:

Ich habe euch heute hier die ostdeutsche Recyclinggeschichte aus sehr persönlicher Sicht, meinen Kindheitserinnerungen, geschildert. Im kommenden zweiten Teil will ich auf die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe derselben eingehen, sozusagen das Kindheitserlebnis um das Wissen der Erwachsenen ergänzen. Wer sich jetzt schon darauf einstimmen möchte, dem empfehle ich folgende Links zum Anklicken und Lesen:

 

Teil 2 über das Recycling in der DDR finden Sie hier.

 

Weitere Artikel zur Geschichte des Recyclings:

DIE 1980ER: DAS ZEITALTER DER MÜLLTRENNUNG BEGINNT – GESCHICHTE DES RECYCLINGS XII

DIE 1970ER-JAHRE – GEBURTSJAHRE DER UMWELTBEWEGUNG: RECYCLINGGESCHICHTE XI

DIE 1960ER-JAHRE: DIE PLASTIKFLUT KOMMT! – RECYCLINGGESCHICHTE X

WIRTSCHAFTSWUNDER: GEBURTSJAHRE DER WEGWERFGESELLSCHAFT – DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS IX

DER ZWEITE WELTKRIEG – DIE GESCHICHTE DES RECYCLING VII

GESCHICHTE DES RECYCLING, TEIL V: DER ERSTE WELTKRIEG

DIE GESCHICHTE DES RECYCLING III – DIE INDUSTRIALISIERUNG

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS II – DAS MITTELALTER

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS I – DIE ANTIKE

 

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