Was „Peppa Pig“ mit dem neuen Wertstoffgesetz zu tun hat

Gepostet von am 12. Mai 2015

Was „Peppa Pig“ mit dem neuen Wertstoffgesetz zu tun hat

Ich sitze gerade mit meinen vier Kindern vor dem Fernseher. Im KIKA lernen Peppa Wutz und ihr kleiner Bruder Georg (in der deutschsprachigen Version „Schorsch“ genannt) gerade von ihren Eltern Mama Wutz und Papa Wutz, allesamt rosige Schweine (für die, die sie nicht kennen), wie Recycling funktioniert. Papa Wutz Frühstückstischlektüre, die Zeitung, kommt in die rote Sammelkiste, leere Dosen in die blaue und Altglas in die grüne. Anschließend fährt die kleine Schweinefamilie mit ihrem roten Auto zum Wertstoffhof hoch oben auf einen Hügel, wo die drei Kisten in farbig entsprechende, große Sammelbehälter geleert werden. Fast geschieht noch ein Unglück, denn die (über)eifrige Betreiberin des Wertstoffhofs, eine weiße Häsin, hat währenddessen schon das Auto von Familie Wutz mit ihrem gelben Magnetkran aufgenommen und will es auf den Haufen rostiger alter Autos werfen. Gerade noch können die Schweine sie davon abhalten. (Hier kann man die englische Version der Episode auf Youtube angucken).

Perfekte Mülltrennung ist deutscher Verbraucheralltag

Die heile Welt von Peppa Wutz und ihrer Familie hat was mit der meinen gemeinsam. Auch meine Kinder haben früh von uns Eltern gelernt, dass Papier nicht in den Restmüll gehört, ebenso wenig wie Glas und Kunststoffe. Schließlich handelt es sich dabei um Wertstoffe. Mülltrennung ist in unserer Familie alltäglich, gleichwohl die Sortiererei unseren Platz in der Küche – wir leben zu sechst mit Katze auf nur 67 Quadratmetern – einschränkt. Auch wir bringen unseren getrennten Müll zu mietshauseigenen Sammelbehältern vor die Haustür (schwarze Tonne für Restmüll, gelbe Tonne für Kunststoff aller Art – ja, wir hier in Hamburg haben die sogenannte Wertstofftonne bereits, graue Tonne für Papier und grüne Tonne für Bioabfall), zu Glassammelbehältern 350 Meter weiter die Straße runter und gelegentlich auch per Auto zum nächstgelegenen Wertstoffhof auf Hamburg-St. Pauli. Ich mache es kurz: Wir Deutsche sind nicht nur amtierender Fußballweltmeister, sondern auch dank meiner Familie Weltmeister im Müllsortieren. Ein Grund zum Feiern ist der zweite Titel für mich jedoch nicht.

Müll trennen heißt nicht automatisch Müll recyceln

Machen wir uns nichts vor: Das, was die TV-Schweine und wir mit unserem Müll tun, ist Mülltrennung, nicht Recycling. Wir trennen unseren Abfall – in der Hoffnung, dass anschließend etwas unternommen wird, um die Wertstoffe darin wiederzuverwerten. Gewissheit, ob dies auch tatsächlich geschieht, verschaffen sich wohl die wenigsten Verbraucher. Es wird sicher davon ausgegangen, dass, wenn ich meine Pflicht tue, der andere dies auch tut. Seine Pflicht hat der Verbraucher mit dem Sortieren getan. Oder?

Ich bin in diesem Sinn kein Normalverbraucher. Ich bin auch Bio-Journalist. Und so habe ich mir aus beruflicher Neugier Fakten beschafft – und auch deshalb, weil mein Sohn (8), als der Abspann von Peppa Wutz‘ Recycling-Episode lief (die stattdessen eigentlich „Müllsortierung“ heißen müsste), fragte: „Und weiter? Was passiert mit dem jetzt sortierten Müll weiter?“

Nicht mal die Hälfte des deutschen Mülls wird recycelt

Eins vorweg: Die Frage machte mich stolz. Die Antwort darauf fand ich mit wenigen Klicks im Internet: 492 Kilogramm kommunalen Abfall produzierte 2012 jeder Bürger der EU, 480 Kilogramm davon wurden „behandelt“, wie es in der Pressemeldung des Europäischen Statistischen Amtes (Eurostat) Nr. 48/2014 vom 25. März 2014 heißt. Auf Deutschland bezogen bedeutet die Behandlung in Zahlen:

  • 47 Prozent des erzeugten Mülls wurden recycelt,
  • 18 Prozent kompostiert,
  • 0 Prozent deponiert
  • und 35 Prozent verbrannt.

Mit der Recyclingquote ist Deutschland Europameister. Schon wieder so ein streitbarer Titel! Mir ist die Quote ehrlich geschrieben zu gering. Selbst mein Achtjähriger rümpft die Nase, als ich ihm die Zahlen zeige: Weniger als die Hälfte des Mülls wird recycelt! Mehr als ein Drittel wird verfeuert! Selbst der Fakt, dass die beim Verbrennen des Mülls entstehende Energie teilweise zur Gewinnung von Strom und Wärme genutzt wird, hellte die Miene meines Kindes nicht auf. Dass ich aus eigener Recherche weiß, dass die Wärme noch viel zu selten abgegriffen und genutzt wird, behielt ich besser für mich. Ebenso mein Wissen darüber, dass man zum Müll oft bedenkliche Brandbeschleuniger ins Feuer wirft, um dieses so zu schüren, dass es überhaupt heiß genug wird, um Kunststoffe & Co. in Rauch aufgehen zu lassen. Ein Rauch, der davon bestimmt nicht gesünder wird.

Neue Hausordnung für Deutschland muss her: ein Wertstoffgesetz

Wenn ich dann noch so fein recherchierte Hintergrundartikel über das lese, was mit meinem Müll geschieht, sobald ich den Deckel der gelben, grünen, grauen oder schwarzen Tonne schließe, wie den vom Kollegen Christian Füller, den „der Freitag“ kürzlich (Ausgabe 10/15) veröffentlichte, zur Online-Version von „Die Müll-Mafia“ geht’s hier lang, dann kann ich nur meinen Kopf schütteln. Dafür sortiere ich nicht!

Mit einem Kopfschütteln ist es nicht getan: Das ändert ja nix. Und Änderung braucht das Recycling hierzulande dringend. Die deutsche Müllkrise ist buchstäblich hausgemacht. Und muss mit einer neuen Hausordnung beendet werden: Ich erwarte ein Wertstoffgesetz.

    1 Kommentar

  1. Die Industrie wird förmlich von den Heizkraftwerken, die viel zu wenig Abfall, aufgrund vorheriger Sortierung haben, mit Superangeboten geködert. Die erhalten dann noch Geld für ihre Plastikabfälle und Kartonagen und darüberhinaus importieren diese Kraftwerke noch Abfall. Der unsortierte Industriemüll wird von den Kraftwerken sortiert und das wird dann für die liefernde Industrie nicht teuerer. Den privaten Dummschafen wird dann von den Kommunen das grüne Märchen aufgetischt, die putzen dann noch die Jogurtbecher vor der Tonne und sind stolz auf ihr Gutmenschenklimaneutral-Dasein!

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