Weihnachtsbaum – ein wertschätzender Nachruf

Gepostet von am 30. Dez 2015

Weihnachtsbaum – ein wertschätzender Nachruf

In mehr als 22 Millionen deutschen Haushalten wird dieses Jahr ein Weihnachtsbaum geschmückt, um zum Heiligen Fest zu glänzen. Nach wenigen Tagen Glanz im Haus, fliegt er dann aber raus. Ein alljährliches Ritual, das ich aus wertstoffschätzender Sicht hier kritisch hinterfrage.

Wird ein Weihnachtsbaum, Tannenbaum oder Christbaum gefällt, hat er im Schnitt gerade erst acht bis zwölf Jahre auf dem Stamm.

Weihnachtsbaum … er hatte noch viel vor …

Während seiner Wachstumszeit hat der Weihnachtsbaum eine ganze Menge CO2 verarbeitet und Sauerstoff produziert. Das täte er auch weiterhin, wenn wir ihn nicht schlagen und in die Weihnachtsstube holen würden. Anfangs sei ein Weihnachtsbaum dort laut Andrea Polle, Leiterin der Abteilung Forstbotanik und Baumphysiologie an der Georg-August-Universität Göttingen, sogar noch am Leben, gleichwohl man ihn seines existenziellen Organs beraubt hat: der Wurzel. Erst die aus der fehlenden Nährstoffzufuhr resultierende Vertrocknung lasse die Baumzellen nach und nach absterben – ein Zeichen des Baumtodes seien demnach die leise rieselnden Nadeln.

Die Frage, die ich mir alle Jahre wieder stelle, wenn ich die nach dem auch Fest des Friedens genannten Weihnachten zuhauf in meiner Stadt Hamburg herum liegenden toten Weihnachtsbäume sehe, ist die: Muss ein Weihnachtsbaum überhaupt sein? Auf der Suche nach einer Antwort grabe ich mich bis zu den Wurzeln des Weihnachtsbaums vor: Woher kommt der Brauch, einen Baum aufzustellen und zu schmücken?

Weihnachtsbaum … er wurde begehrt …

Das Brauchtum, einen geschmückten Baum aufzustellen, um die Geburt Christi zu feiern, lässt sich bis ins Mittelalter und weiter zurückverfolgen. Schon die Römer hätten laut Wikipedia einen Baum geschmückt, um zur Wintersonnenwende ihren Sonnengott zu ehren. Im Mittelalter schmückte man dann einen Maibaum oder Richtbaum. Und in der Kirche führte man am 24. Dezember (lithurgischer Gedenktag) in Gedenken an Adam und Eva Paradiesspiele auf, wozu man einen paradiesischen Baum mit Äpfeln behängte – und so des „Sündenfalls“ gedachte. In Freiburg soll die Bäckerschaft 1419 einen Baum mit Naschkram behängt haben, den die Kinder zu Neujahr plündern durften, schreibt die Web-Enzyklopädie weiter. Nach und nach verbreitete sich der Brauch. Vor allem Wohlhabende holten sich schon bald einen Baum in die eigene Stube, minder Betuchte schmückten „nur“ Zweige. Im 19. Jahrhundert züchtete man Nadelwälder heran, um das wachsende Begehr insbesondere der Städter nach einem Weihnachtsbaum zu befriedigen.

Weihnachtsbaum … er wurde geschmückt …

Bis heute hält das Begehr an. Laut einer aktuellen GfK-Studie wird in mehr als 22 Millionen deutscher Haushalte ein Baum geschmückt. Vor allem junge Menschen und junge Eltern lassen den Brauch fortleben. Hinzu kommen die Exemplare, die in Unternehmen und öffentlichen Räumen platziert werden. Das macht Summa summarum gut 29 Millionen. Im Schnitt zahlen die Verbraucher laut GfK für ihren Weihnachtsbaum 36 Euro. Geschmückt und aufgestellt werde der Baum demnach ab etwa zwei Wochen vor dem Fest (15 Prozent), wobei die meisten sich das Schmücken bis kurz vor dem Fest aufheben: Sieben bis zwei Tage vor Heiligabend (27 Prozent), einen Tag vorher (35 Prozent) und am Heiligen Abend (15 Prozent).

Neun Prozent der 22 Millionen Baumkäufer greifen der Studie zufolge auf einen Weihnachtsbaum aus Kunststoff zurück. Als eine Alternative zum Christbaummord. Dabei zeigte 2009 eine australische Studie, dass der Plastikbaum nur dann gegenüber dem echten Baum punktet, wenn er mindestens 17 Jahre lang zu Weihnachten aufgestellt werden würde. Denn beim Züchten, Transportieren und der Verbrennung verursache der echte Baum drei Kilogramm CO2, während die Produktion eines Plastikbaums dagegen ganze 48 Kilogramm des Treibhausgases emittiere.

Ganz ehrlich: Ich glaube nicht an einen Plastikbaum, der fast zwei Jahrzehnte lang aufgestellt wird. Zu sehr ist wohl die Macht der Mode, die längst auch die Weihnachtsdekoration diktiert. Ganz zu schweigen davon, dass auch der massenhafte Weihnachtsbaumschmuck mittlerweile ein saisonaler Wegwerfartikel ist, großteils aus Plastik – und nicht wie einst wohl gehütet und von Generation zu Generation vererbt.

Weihnachtsbaum … er wurde wertgeschätzt …

Beim Kauf eines Weihnachtsbaumes könnte jeder seine Wertschätzung desselben ausdrücken, indem er ökoquent kauft. Ein Blick auf die Wirklichkeit zeigt, dass das längst nicht der Fall ist. Der Großteil der hierzulande verkauften Bäume stammt aus konventionellem Anbau. Zehn Prozent sind importierte Bäume, laut Robin Wood vor allem aus Dänemark, Ungarn, Österreich, Polen und Tschechien. Bio-Weihnachtsbäume aus ökologischem Anbau oder gar Bäume mit fair gehandeltem und umweltfreundlichem Stammbaum sind noch die Ausnahme. Insbesondere zu Bio-Bäumen ist die Info-Lage auch recht dürftig, wie eine Gymnasiastin aus Münster 2014 mit ihrer Facharbeit belegte. Der Großteil der Bäume wuchs in Weihnachtsbaumkulturen heran, nur 15 Prozent aller in Deutschland verkauften Weihnachtsbäume stamme von Waldbetrieben, schreibt Robin Wood weiter. Wobei es sich bei beiden Lebensräumen oft um Sondernutzungsflächen (Plantagen) handelt – also nicht um natürlich gewachsenen Wald – von wegen: „… von draußen vom Walde …“, da kommt heute kaum einer mehr her!

Wer gezielt nach Bio-Christbäumen und/oder fair gehandelten sucht, findet im Internet so manche Verkaufsstelle. Achten sollte man dabei unbedingt auf besiegelte Bio-Qualität, zum Beispiel von Bioland, FSC, PEFC, Bio oder Naturland. Robin Wood veröffentlicht seit Jahren online eine Liste mit Bezugsquellen für ökoquent aufgezogene Weihnachtsbäume, die diesjährige gibt’s hier.

Weihnachtsbaum … er wurde weggeworfen …

Schon wenige Tage nach Weihnachten werden die Weihnachtsbäume rausgeschmissen. Sie landen, zumindest in Großstädten haufenweise am Straßenrand, von wo sie in Sonderschichten der Entsorgungsunternehmen abgeholt werden. Oft werden die Baumleichen schon vor Ort zerkleinert. Daraus wird Biomasse gemacht oder die Baumleichenteile landen im Feuer. Klar, nun sagen manche, Holz ist gespeicherte Solarenergie. Und ein nachwachsender Rohstoff. Alles richtig. Dennoch ziehe ich folgendes Fazit:

Brauch oder Missbrauch des Wertstoffs Weihnachtsbaum – das ist für mich keine Frage. Ich sehe den massenweise gezüchteten, geschmückten und weggeworfenen Weihnachtsbaum als Umweltsünde an.

Ich freue mich über jede Alternative, die die Tradition des Festes wertschätzend würdigt: Angefangen beim Baum mit Wurzeln, der zum Fest ins Haus geholt und geschmückt wird und anschließend einen Platz im Freien findet. Über Weihnachtsbäume mit Wurzeln, die man mieten kann. Bis hin zu baumlosen Alternativen, ob kommerziell angeschafft oder in DIY-Methode selbst gemacht.

Im Sinne der Heiligen Nacht fände ich es am allerschönsten, wenn der Brauch wieder aufleben würde, dass sich die Dorfgemeinschaft, Nachbarschaft & Co. um einen „öffentlichen“ Baum versammeln würde – ohne selbst einen im Haus haben zu müssen. Ein mit vielen geteilter Baum ist geteilte Freude und bedeutet weniger Umweltsünde.

Ein Baum für alle, statt für alle einen eigenen Baum. Das wäre ein wertgeschätzter Weihnachtsbaum – oder? Und weil ich nicht nur reden, sondern auch tuen will, gab es bei mir in diesem Jahr keinen Christbaum.

 

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