Abfallzahlen: Der (Müll-)Turmbau zu Babel? – Teil 1

Gepostet von am 27. Apr 2017

Abfallzahlen: Der (Müll-)Turmbau zu Babel? – Teil 1

„Europameister im Produzieren von Müll“ und „So viel Müll wie noch nie“ heißt es häufig in den Medien. Das klingt so überhaupt nicht nach dem umweltbewussten Deutschland, das im Ausland neben seiner Ordnungsliebe auch für seinen Hang zur gründlichen Abfalltrennung bekannt ist.

Zum Abfallaufkommen kursiert ein Repertoire an Kennzahlen:

  • Jährlich 401 Mio. Tonnen Abfall in Deutschland,
  • 618 kg pro Bundesbürger,
  • 454 kg Haushaltsabfälle
  • und 188 kg Haus- und Sperrmüll.
  • Allein die Verpackungsabfälle hätten einen Anteil von 50 Prozent am gesamten Müllaufkommen!

Mit solchen verwirrenden und sich widersprechenden Angaben wird vor allem eins kommuniziert: Wir haben in Deutschland ein Müllproblem und stehen mit 618 kg pro Kopf in Europa an der unrühmlichen Spitze bei der Abfallerzeugung. Im Gegensatz zu beispielsweise Rumänien und Polen. Dort wird pro Kopf mit 254 kg beziehungsweise 272 kg nicht annähernd so viel Müll produziert.

Auf gemeinsamer Basis diskutieren

Bitte nicht falsch verstehen: Der beste Müll ist der, der vermieden wird – also gar nicht erst entsteht. Doch damit Kreislaufwirtschaft auf europäischer Basis zielorientierter diskutiert und realisiert werden kann, sind verständliche und präzise Aussagen über unser Abfallaufkommen notwendig. Wenn alle dasselbe wollen, aber keiner versteht, worüber der andere spricht, kommt man allenfalls dem Scheitern näher ­so wie beim biblischen Turmbau zu Babel.

Um Licht in das Zahlendickicht zu bringen und um zur Entwirrung der Begriffe beizutragen, beschäftigt sich diese Beitragsserie gewissermaßen mit der Inventur unseres Abfallaufkommens. Natürlich soll auch geklärt werden, ob wir tatsächlich Europameister im Müllerzeugen sind.

Wir nähern uns dieser umfangreichen Thematik von mehreren Seiten:

  1. Datenerhebung: Welcher Müll wird überhaupt wie erfasst?
  2. Begriffe: Was unterscheidet bspw. Haus- von Haushalts-, Verpackungs- und Papierabfall?
  3. Meisterschaft: Haben wir den Titel „Europa-Meister“ im Müll produzieren überhaupt verdient?

Zur Datenerhebung und Kategorisierung von Abfall

Es handelt sich um einen elementar wichtigen Verständnisbaustein, der leider oft vergessen wird: Abfall ist für die Statistik nicht der, der tatsächlich da ist, sondern der, der erfasst, gewogen oder wissenschaftlich geschätzt wird. Und dabei sind wir in Deutschland gut. Es gibt eigentlich keinen legalen Weg, dass Abfall in relevanten Mengen nicht erfasst wird. Ein dichtes gesetzliches Regelungswerk stellt die Schritte von der Entstehung bis zur Entsorgung sicher und dokumentiert sie. Es gibt fast zwei Dutzend untergesetzliche Verordnungen die konkretisieren, was in übergeordneten Gesetzen und Richtlinien zum Umgang mit Abfall festgehalten ist.

Im Privaten steht man manchmal bei der Abfalltrennung rätselnd vor der Frage „In welche Tonne gehört das jetzt rein?“ Wer keine Entscheidung aus dem Bauch heraus riskieren will, kann im Internet in Abfallfibeln nachschlagen. Dabei ist das noch verhältnismäßig grob gegliedert. Wer beruflich Abfälle korrekt bezeichnen und einstufen will, sieht sich beispielsweise mit dem Europäischen Abfallverzeichnis konfrontiert und das weist fast 1.000 Einträge aus. Da wäre dann beispielsweise die Frage zu klären ob es sich um Einwegkameras ohne Batterien, Einwegkameras mit Batterien, die unter die Verzeichnisziffern 160601, 160602 oder 160603 fallen oder doch Einwegkameras mit Batterien mit Ausnahme derjenigen, die unter 090111 fallen, handelt.

Brutto und Netto bei Abfällen

Und teilweise wird Müll sogar bereits erfasst, bevor er überhaupt zu Müll geworden ist. Nämlich dann, wenn beispielsweise die Hersteller von Produkten belegen müssen, was sie so in Umlauf gebracht haben.Dort wo man ihn also zu greifen bekommt, wird er erfasst und gewogen. Das geschieht überwiegend bei den Anlagen, an denen die Abfälle angeliefert werden.

Es ließe sich also sagen, dass die Erfassung von Abfällen gründlich und mit einer gewissen Detailverliebtheit betrieben wird. Und das so gründlich, dass wir Teile der Abfallmengen eine Zeit lang noch doppelt gezählt haben und immer noch zählen, aber inzwischen gesondert ausweisen: Das sind die sogenannten Sekundärabfälle. Die entstehen dann, wenn Abfälle in Abfallanlagen behandelt werden. Der Abfall vom Abfall sozusagen. Sekundärabfälle verlassen die Anlage und werden an anderer Stelle nochmals behandelt. Von allen Abfällen, die in Deutschland statistisch erfasst werden, sind das immerhin rund 51 Mio. Tonnen oder etwa 13 Prozent.

Das Aufkommen aller Abfälle in Deutschland liegt demnach nicht bei rund 401 Mio. Tonnen im Jahr, sondern netto bei etwa 350 Mio. Tonnen. Das ist immer noch unglaublich viel und entspricht dem Gewicht von über 58 Millionen Elefanten.

Losgelöst von dieser Menge, die wie erläutert überwiegend bei den Anlagen erfasst wird, steht die Menge der Verpackungsabfälle. Als Spiegelbild der Konsum- und Wegwerfgesellschaft, schaffen sie es oft in die Berichterstattung.

Und hier gibt es wieder eine Stolperfalle: Die Verpackungsabfälle sind eine Teilmenge aus verschiedenen Herkunftsbereichen. Niemand sortiert aus dem was Abfallsammelfahrzeuge während eines Jahres an allen Anlagen anliefern die Verpackungen aus und wiegt sie. Der Verpackungskarton der in die Papiertonne geworfen wird, geht beispielsweise zusammen mit allen anderen Abfällen in dieser Tonne in die offizielle Statistik ein.

Hier muss sich anders beholfen werden und das geschieht durch wissenschaftlich fundierte Schätzungen. Auf hundert Gramm genau und zurück bis 1991. Wenn interessiert wie genau das geschieht, der kann sich in der dazugehörigen Studie auf 165 Seiten einlesen.

Fazit des ersten Teils

Wir können also abschließend für diesen Teil feststellen, dass

  • nur der Abfall der erfasst wird, statistisch gesehen auch da ist und für Vergleiche herangezogen werden kann.
  • Abfallerfassung in Deutschland sehr gründlich betrieben wird und wir davon ausgehen können, dass der erfasste Abfall auch überwiegend dem tatsächlich angefallenen Abfall entspricht.
  • das jährliche Abfallaufkommen abzüglich Sekundärabfälle in Deutschland bei rund 350 Mio. Tonnen liegt.

Im nächsten Teil werden wir die Zusammensetzung der 350 Mio. Tonnen Abfall in einer Form aufschlüsseln, die man sich vielleicht besser vorstellen kann: Wie viele Mülltonnen randvoll mit Abfall erzeuge ich eigentlich?

 

Hier können Sie den 2. Teil lesen »

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.