Abfallzahlen: Der (Müll-)Turmbau zu Babel? – Teil 2

Gepostet von am 15. Mai 2017

Abfallzahlen: Der (Müll-)Turmbau zu Babel? – Teil 2

Dass Deutschland in Sachen Abfalltrennung, -erfassung und statistischer Aufbereitung sehr solide Arbeit leistet, haben wir im ersten Teil dieser Serie gelernt. Allerdings auch, dass oftmals der Vorwurf des überbordenden Abfallaufkommens („Europameister im Produzieren von Müll“) laut wird. Aber eins nach dem anderen: Bevor wir diesem unrühmlichen Meistertitel auf den Grund gehen, schlüsselt dieser Beitrag auf, welche Abfallarten es gibt und in welcher Höhe sie anfallen.

Dazu werden wir die doch recht abstrakten Mengenangaben in Millionen Tonnen verständlicher darstellen: Nehmen wir mal an, dass wir haushaltsübliche Mülltonnen mit den statistisch erfassten Abfallmengen befüllen – pro Einwohner. Am Ende klären wir, welche Abfallmengen der Privatmensch zuhause überhaupt beeinflussen kann.

Wie viele Mülltonnen füllt das deutsche Abfallaufkommen?

Die 120 Liter-Variante der Mülltonne ist etwa einen Meter hoch, einen halben Meter tief und breit. Sie darf höchstens mit knapp 50 Kilogramm gefüllt werden und die nutzen wir gewichtsmäßig – theoretisch – komplett aus und ignorieren dabei mal die spezifischen Gewichte von Abfall.

Die Abfallmengen entnehmen wir der Abfallbilanz und der Erhebung der öffentlich-rechtlichen Abfallentsorgung des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2014. Die Bevölkerungszahl Deutschlands erhalten wir ebenso beim Statistischen Bundesamt. Im Jahr 2014 betrug sie 82,2 Millionen.

Insgesamt wurden rund 401 Mio. t Abfall aller Arten und Herkunftsbereiche wie Bau, Bergbau, Gewerbe, Industrie und Haushalten statistisch erfasst. Das wäre pro Einwohner und Jahr allein fast 5.000 kg Abfall – das Gewicht eines Elefanten.

Im ersten Teil der Serien haben wir aber festgestellt, dass hier auch Sekundärabfälle – der Abfall vom Abfall – enthalten sind. Ohne Sekundärabfälle sinkt die Abfallmenge pro Einwohner auf ungefähr 4.300 kg oder etwa 85 Mülltonnen.

Der Löwenanteil: Abfälle aus Bau, Produktion und Gewerbe, Bergbau sowie sonstige Siedlungsabfälle

Den Löwenanteil an diesem Abfallaufkommen machen zu 53 Prozent nicht die Verpackungsabfälle, wie fälschlicherweise oft behauptet, sondern mit 210 Millionen t die Bau- und Abbruchabfälle aus. Ganze 2.600 kg wären das pro Einwohner. 52 Mülltonnen würde man benötigen, um diesen Abfall wegzuschaffen.

Das Aufkommen der Bau- und Abbruchabfälle ist stark konjunkturabhängig: Wird weniger gebaut, fällt weniger Abfall an. Als Privathaushalt habe ich jedoch relativ wenig bis keinen Einfluss auf diese Mengen. Die 52 Mülltonnen ziehen wir daher gedanklich ab. Bleiben also noch 33 Mülltonnen pro Einwohner übrig.

Etwas über 700 kg Abfall, der 14 Mülltonnen pro Einwohner befüllen würde, stammt aus der Produktion und dem Gewerbe. Auch diese ziehen wir für das Gedankenexperiment ab, da ich diese Menge zuhause durch Anstrengungen zur Abfallvermeidung nicht beeinflussen kann. Verbleiben noch knapp 1000 kg Abfall pro Einwohner, der in 20 Mülltonnen passen würde.

Etwa 370 kg Abfall pro Einwohner oder 7 Mülltonnen voll, entstanden 2014 durch Bergbauabfälle. Auch diese ziehen wir ab und es bleiben noch 630 kg, für die wir 13 Mülltonnen benötigen.

Rund 68 kg pro Kopf und Jahr sind Sonstige Siedlungsabfälle. Das ist Abfall aus dem Gewerbe, der mit dem Restmüll von Haushalten vergleichbar ist und getrennt von den Haushalten eingesammelt wird, zum Beispiel aus Arztpraxen. Ebenso sind Straßenkehricht, Garten- und Parkabfälle, Abfälle aus Kantinen und von Märkten enthalten. Auch hier hat der Einzelne wenig Einfluss auf das Abfallaufkommen.

Weitere 64 kg sind biologisch abbaubare Garten-, Park und Friedhofsabfälle. Auch hier ist der individuelle Bezug zum Haushaltskonsumverhalten weniger gegeben, zudem schwanken diese Mengen je nach Witterung des jeweiligen Jahres, in kalten und trockenen Jahren gedeihen die Pflanzen eben weniger und es fällt auch weniger Abfall an.

Das Kleinvieh: Haushaltsnahe Wertstoffe und Restmüll

Jetzt kommen wir an dem Punkt, wo es sehr haushaltsnah wird: Hier entstehen 470 kg pro Einwohner und Jahr, den wir in private Mülltonnen werfen oder ordnungsgemäß zur Entsorgung abgeben. Davon sind:

72 kg Papier, 57 kg Bioabfall aus der Biotonne, 33 kg gemischte Verpackungen und Wertstoffe, 29 kg Sperrmüll, 23 kg Glas, 15 kg Holz, 7 kg alte Elektrogeräte, 3kg Metalle, 2 kg Textilien, 2 kg sonstige Abfälle und 1 kg Kunststoffe – zusammen 214 kg oder etwas über 4 Mülltonnen.

An Sperrmüll fällt ungefähr 29 kg pro Kopf an und an klassischem Hausmüll der Restmülltonne 162 kg. Hausmülltonnen werden zum Teil durch die Müllabfuhr sowohl von Haushalten als auch von Gewerbebetrieben gemeinsam eingesammelt. Dieser Anteil lässt sich statistisch leider nicht mehr präziser erfassen und herausrechnen. Zusammen mit dem Sperrmüll ergibt sich eine Menge von 191 kg bzw. nicht ganz 4 Mülltonnen pro Kopf.

Fazit: Abfallarten, befüllte Mülltonnen und Kilogramm pro Kopf

Für den zweiten Teil können wir also festhalten, dass theoretisch

  • pro Einwohner und Jahr etwa 8 volle 120l Mülltonnen direkt am Haushalt entstehen, 4 gefüllt mit Wertstoffen und 4 mit Restmüll.
  • Damit sind 470 kg pro Einwohner beziehungsweise 9 Prozent aller Abfälle in Deutschland unmittelbar durch uns zuhause beeinflussbar.

Wir wollten ja die Begriffe entwirren und haben mal die Zahlen soweit heruntergebrochen, dass wir im eigenen Verantwortungsbereich eines jeden Einzelnen angekommen sind. Im dritten Teil werden wir daher den Blick auf Europa werfen und schauen, warum es denn dort um über 600 kg Abfall pro Kopf geht und ob wir den Titel Europameister im Müllerzeugen tatsächlich verdient haben.

 

Hier können Sie den ersten Teil lesen >

    2 Kommentare

  1. Man kann auch erwähnen,dass vom Verpackungsverbrauch von jährlich knapp 220 Kilo pro Einwohner rund die Hälfte auf Industrie und Gewerbe und nicht auf den Bürger entfallen. Dass Deutschland gemeinhin als Europameister im Verpackungsverbrauch kritisiert wird, ist somit zum guten Teil die ‚Schuld‘ der erfolgreichen Unternehmen und liegt weniger am verschwenderischen Umgang mit Ressourcen.

    • Danke für Ihren Kommentar Herr Lang!
      Ihre Anmerkung ist völlig richtig. Die Verpackungsabfälle haben wir uns in diesen Format nicht dezidiert angesehen, da es sich um eine weitere Quelle, basierend auf Schätzungen handelt, was an der Stelle noch mehr verwirren würde. Wir werden aber später nochmal drauf eingehen.

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