Wirtschaftswunder: Geburtsjahre der Wegwerfgesellschaft – Die Geschichte des Recyclings IX

Wirtschaftswunder: Geburtsjahre der Wegwerfgesellschaft – Die Geschichte des Recyclings IX

Gepostet von am 9. Nov 2016

Wirtschaftswunder: Geburtsjahre der Wegwerfgesellschaft – Die Geschichte des Recyclings IX

In diesem Teil meiner geschichtlichen Betrachtung des Themas Recycling geht es um die 1950er-Jahre, die oft mit dem Begriff Wirtschaftswunder verbunden werden. Lest hier, was der wirtschaftliche Aufschwung für die deutsche Abfallwirtschaft und das Recycling bedeutete. Zur Info: Um über die Recyclinggeschichte während des entzweiten Deutschlands nicht ständig parallel berichten zu müssen, gehe ich ab jetzt zunächst vor allem auf Westdeutschland ein und schreibe euch die ostdeutsche Recyclinggeschichte anschließend in einem extra Teil der Serie.

Die 1950er- Jahre in Westdeutschland – ein Lageüberblick

Über das Jahrzehnt gäbe es seitenweise zu berichten, deshalb beschränke ich mich an dieser Stelle auf Punkte, die mir für das Verständnis der Recyclingsituation im Westen Deutschlands wichtig erscheinen.

Aufbau der Wirtschaft

Die Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik hieß „soziale Marktwirtschaft“ – sie sollte „Wohlstand für alle bringen“. Die Devise war: Wer etwas leiste, solle sich auch etwas leisten können. Deshalb stand anfangs die Förderung des industriellen Sektors an: Bergbau und Stahlindustrie wurden zuerst aufgebaut, denn sie bilden die Basis für weitere Industrien und lieferten vor allem eins: Energie. Anschließend lag der Schwerpunkt auf dem Aufbau von Maschinenbauindustrie, chemischer Industrie und Elektroindustrie. In der ersten Hälfte des Jahrzehnts, war die Produktion von Konsumgütern für den privaten Sektor noch recht unbedeutend. Die Löhne wuchsen in dieser Zeit kaum, was die Unternehmen an Gewinn erbrachten, wurde in den weiteren Aufbau gesteckt.

Beschäftigung

Während zu Beginn der 1950er-Jahre noch genügend Arbeitskräfte auf dem Markt waren, darunter zahlreiche Vertriebene und Flüchtlinge, wurden jetzt viele der Frauen heim geschickt, die in den ersten Nachkriegsjahren überall mitgewirtschaftet hatten. Dass sie weiter arbeiteten, hätte laut planet-wissen.de nicht zum Frauen- und Familienbild der Adenauerschen Regierung gepasst, die die Berufstätigkeit einer Frau nur guthieß, solange sie unverheiratet war. Zum Ende des Jahrzehnts herrschte sogar Arbeitskräftemangel auf dem Markt, gleichwohl deutsche Unternehmen bereits begonnen hatten, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu beschäftigen: die sogenannten Gastarbeiter. Das erste Anwerbeabkommen mit Italien wurde 1955 unterschrieben, weitere Abkommen folgten ab 1960. Auch der Zustrom sogenannter Übersiedler aus der DDR muss hier genannt werden, denn Hunderttausende Akademiker, Handwerker und Selbstständige – und eine nicht zu unterschätzende Zahl ganze Betriebe – kamen mit überdurchschnittlich hoher Qualifikation aus dem Osten in den Westen und bereicherten dort den Arbeitsmarkt. Ende der 1950er-Jahre herrschte Vollbeschäftigung, die Arbeitslosenquote lag unter zwei Prozent.

Marshallplan

Der Wiederaufbau wurde im Westen maßgeblich von den westlichen Alliierten gefördert, die damit einen starken Bündnispartner schufen, der im Kalten Krieg strategisch an der Nahtstelle zwischen Ost und West stand. Die Demontage fand ein Ende, stattdessen kam der „Marshallplan“ („European Recovery Program“, kurz: ERP) zum Tragen – das Wirtschaftswiederaufbauprogramm der USA für Westeuropa: 16 Länder erhielten insgesamt 12,4 bis 16,2 Milliarden US-Dollar. Die Zuteilungen für die einzelnen Länder, darunter Deutschland mit 1,4128 Milliarden Dollar zwischen 1948 und 1953 (entspricht 10,16 Prozent der Gesamtsumme), könnt ihr hier einsehen.

Das deutsche Wirtschaftswunder (WW) brachte Wunderwirtschaft und Müll

Das deutsche war eigentlich ein europäisches Wirtschaftswunder, denn der Nachkriegsboom erfasste nahezu alle. Hier nur ein paar Fakten, die das WW belegen:

  • das Realeinkommen einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie hatte 1950 das Vorkriegsniveau überschritten,
  • die deutsche Fahrzeugindustrie verfünffachte ihre Produktion zwischen 1950 und 1960, am 5. August 1955 rollte der millionste VW-Käfer vom Band, der Fahrzeugtyp wurde zum Symbol des WW,
  • Industrie und Dienstleister absorbierten innerhalb weniger Jahre zwei Millionen Arbeitslose,
  • acht Millionen Heimatvertriebene und 2,7 Millionen Zuwanderer aus der DDR fanden Arbeit im Westen,
  • in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre finanzierte die Bundesrepublik die wirtschaftlichen Lasten der Wiederbewaffnung,
  • die Deutsche Bundesbank häufte wegen der anhaltenden Exportüberschüsse hohe Devisenreserven an und baute Goldbestände auf,
  • Auslandsverbindlichkeiten wurden vorfristig getilgt,
  • die D-Mark wurde mehrfach aufgewertet.

Ab Mitte der 1950er-Jahre wuchs die Bedeutung privater Konsumgüter. Mit ihnen wuchs der Verpackungsmüll an, der irgendwo hin musste.

Ich möchte hier unbedingt darauf hinweisen, dass auch ein Grund für den Wirtschaftsboom in Westdeutschland ein Krieg war, der anderswo geführt wurde: der Koreakrieg von 1950 bis 1953. Wer mehr dazu lesen will, kann mit dieser Info starten:

„Zusätzlich profitierte die westdeutsche Industrie davon, dass die westlichen Länder während des Korea-Krieges ihre Rüstungsproduktion auf Kosten des zivilen Sektors ausbauten. Da der Wiedereinstieg in das Rüstungsgeschäft durch alliierte Verbote zunächst blockiert war, konnten sich die westdeutschen Unternehmen darauf konzentrieren, die Auslandsnachfrage nach Investitions- und Konsumgütern zu befriedigen. Ihre Produkte waren aber auch deshalb attraktiv, weil sie nicht in – überall in Westeuropa knappen – Dollars bezahlt werden mussten. So wuchs das Ausfuhrvolumen beispielsweise nach Frankreich zwischen 1952 und 1958 von 1 auf 2,1 Milliarden und nach Großbritannien von 900 Millionen auf 1,4 Milliarden DM.“

Müll und Recycling in den 1950er-Jahren

Müll und Müllentsorgung

Bis weit in die 1950er-Jahre produzierten vor allem die Privathaushalte auf dem Lande kaum Müll: Essensreste fraß das Viehzeug, Asche kam als Dünger aufs Gartenbeet und Feld, man reparierte, recycelte und upcycelte, was der Gebrauchsgegenstand hergab. Verpackungen gab’s so gut wie keine – bis das Wirtschaftswunder den privaten Konsum ankurbelte und Verpackungsberge wachsen ließ. Vielerorts wurde daraufhin die städtische Müllabfuhr eingeführt, insbesondere die „staubfreie Müllabfuhr“, Mülldeponien wurden beispielsweise in Steinbrüchen, Erdgruben oder auf Freiflächen außerhalb der Ortschaften errichtet.

Hier ein Auszug aus dem Müllreport München von 1992, in dem es über die Münchner Deponie Großlappen aus dem Jahr 1954 heißt:

„Als 1954 die Münchner Deponie Großlappen in nur wenigen Monaten mehr schlecht als recht auf die künftigen Müllfrachten vorbereitet wurde, machte sich noch niemand über Deponietechnik Gedanken. Da die Müllhalde weder von unten noch nach oben abgedichtet war, stiegen die Ausdünstungen des Münchener Abfalls ungehindert gen Himmel und das überschüssige Wasser, das entweder aus dem Müll selbst stammte oder nach heftigem Regen den ungeschützten Deponiekörper aufweichte, rann ohne irgendeine Vorbehandlung in den Untergrund.“

Der Konsum nahm insbesondere in der Stadt schnell Ausmaße an, die man durchaus mit dem Begriff Verschwendung charakterisieren kann. Folgende Belege dafür habe ich für euch gesammelt:

„Sinkende Rohstoff- und Erdölpreise führten zu enormen Produktionssteigerungen und einer massiven Ausweitung der Verfügbarkeit von Konsumgütern. In der Folge verwandelte sich die deutsche Industriegesellschaft in eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Nach den harten Kriegsjahren unter dem totalitären NS-Regime mit seinen Spar- und Verhaltenszwängen wurde Müll gewissermaßen zu einem ambivalenten Symbol von Wohlstand und individueller Freiheit. Die scheinbar grenzenlose Verfügbarkeit von Ressourcen führte zu einem verschwenderischen Umgang mit ihnen und einer Abwendung von teils nachhaltigeren und energieeffizienteren Lebens- und Produktionsweisen.
Das Produktionsregime dieser Wachstumszeit zeichnete sich durch eine große Materialintensität und einen hohen Verbrauch von nicht erneuerbaren Ressourcen bei minimaler Wiederverwertung aus. Besonders der Verpackungsverbrauch steigerte sich enorm durch die Einführung von Selbstbedienungsläden, in denen Waren einzeln portioniert und hygienisch verpackt sein mussten. Die Steigerung der Abfallmengen, die Industrie und Konsumenten mit ihrer ,ex und hopp‘-Mentalität (gemeint ist die Einwegkampagne der Glasindustrie, siehe unten – Anmerkung der Redaktion) produzierten, führte zu neuen Extremen der Umweltbelastung.“

Historische Belege für den Umgang mit einzelnen Rohstoffen in den 1950er-Jahren – Verschwendung statt Recycling

„Die Rohstoffe für Glas, nämlich Sand, Kalk und Soda waren billig. Da die Energiepreise ebenfalls niedrig waren, ließ sich die Glasindustrie zu einer Einwegkampagne mit dem Titel ,Ex und Hopp‘ hinreißen. Viele bisherige Mehrwegsysteme wurden eingestellt. Der Weg der Glasverpackung mündete von nun an in die Mülltonne.“

„Direkt nach dem Krieg waren große Mengen an Metallschrott wie Eisenbahnbrücken, Eisenbahnwaggons, Fabrikanlagen, Straßenbahngleise und Rüstungsgüter zu entsorgen, die meist als Reparationsleistungen an die Alliierten weitergeleitet wurden. Der Alteisenhändler, der mit dem Handkarren durch die Straßen zog, hatte ab den 1950er-Jahren ausgedient. Nun fuhren motorisierte Sammler mit Lkws über die Dörfer. Sinkende Metallerlöse und steigende Kosten für den Fahrzeugunterhalt sowie die Verdrängung von Blech und Gusseisen bei Haushaltswaren durch Kunststoffe machten diese Art der Sammlung aber zunehmend unwirtschaftlich. Andererseits nahm durch die steigende Motorisierung und Technisierung die Menge an Autowracks, elektrischen Haushaltsgeräten und Landmaschinen zu. Deren Wiederverwertung hing in erster Linie vom Marktwert der Metalle ab. ‚Autofriedhöfe‘ stellten jetzt die erste Stufe der Altmetallverwertung dar. Nach dem ‚Ausschlachten‘ wurden die Karossen in gepresster Form zum Hochofen oder Stahlwerk transportiert. Viele Wracks landeten jedoch in der Landschaft oder auf Müllkippen. Sortenreine Metallabfälle, die bei der Produktion anfielen, wurden nach wie vor gesammelt und über Metallhändler vermarktet.“

„Weinbauern organisierten die Einsammlung und Kompostierung von Hausmüll, um die im Krieg vernachlässigten Böden mit Humus und Nährstoffen zu versorgen. Dass Asche und Störstoffe wie Glas und Metalle im Kompost auftauchten, störte zunächst nicht. Die erste kommunale Großkompostierungsanlage für die Entsorgung des Hausmülls von 60.000 Menschen entstand 1954 in Baden-Baden.“

„Die Wirtschaftswunderzeit war geprägt durch immer aufwendigeren Verpackungen, meist aus Papier und Pappe. Die Papierherstellung machte technologische Fortschritte und verbilligte das Produkt Papier. Der Papierverbrauch verdoppelte sich seit den 1940er-Jahren. Während in den ersten Nachkriegsjahren bis zu 40 Prozent Altpapier bei der Herstellung von neuem Papier verwendet wurde, sank die Verwertungsquote in den 1950er-Jahren ins Bedeutungslose.“

Fazit:

Nach den Jahren des diktatorisch vom Nazi-Regime verordneten Recyclings zum Befüllen des Tanks des deutschen Kriegsmotors und nach den mehr als entbehrlichen Nachkriegsjahren, in denen die Not den Deutschen Recycling als Überlebensmittel auferlegte, sank mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er-Jahren die Wertschätzung von Rohstoffen gegen Null. Statt Verwertung, von Wiederverwertung will ich gar nicht schreiben, prägte Verschwendung den Umgang mit Rohstoffen. Gleichwohl ich Verständnis für diese Entwicklung aufbringen kann, muss ich hier auch schreiben: Leider. Ich bin gespannt, wie ich die Geschichte des Recyclings hier auf dem Blog fortschreiben kann – bleibt uns treu!

 

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DIE TRÜMMERJAHRE NACH 1945 – DIE GESCHICHTE DES RECYCLING VIII

DER ZWEITE WELTKRIEG – DIE GESCHICHTE DES RECYCLING VII

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