Die Trümmerjahre nach 1945 – die Geschichte des Recycling VIII

Gepostet von am 18. Okt 2016

Die Trümmerjahre nach 1945 – die Geschichte des Recycling VIII

Das Kapitel der Recyclinggeschichte, das ich heute für euch aufschlage, zeugt von Not und Kreativität aus der Not heraus: Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs liegt Deutschland in Schutt und Asche. Es mangelt an allem. Bedürftigkeit herrscht, wohin man schaut. Recycling wird Überlebensmittel in den deutschen Trümmerjahren.

Nach dem Krieg sind Deutschlands Städte, zumindest die großen und mittelgroßen, Trümmerhaufen. Würzburg liegt zu drei Vierteln (75 Prozent) und Köln zu 70 Prozent in Schutt und Asche, Dortmund zu 66 Prozent und Kassel zu 65 Prozent. Versorgungsleitungen für Strom, Gas und Wasser sind zusammengebrochen. Ebenso wie der Verkehr auf den Straßen und Schienen, die meisten Transportwege sind kaputt. Der Bahnbetrieb ist eingestellt, die Post kommt nicht mehr und die Behörden sind aufgelöst.

40 Prozent des Wohnraums sind zerstört

2,25 Millionen Wohnungen sind zerstört und mindestens noch einmal so viele schwer beschädigt. Das entsprach etwa 40 Prozent des damaligen Wohnungsbestands. Daraus resultierte eine Wohnungsnot, die sich mit dem Eintreffen der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße und aus der Tschechoslowakei noch verschärft. Nicht zu vergessen die heimkehrenden Kriegsgefangenen und Evakuierten.

Kurz: Jeder Quadratmeter nutzbarer Raum wurde bewohnt beziehungsweise bewohnbar gemacht, meist in Überbelegung: Kinosäle, Kasernen, Turnhallen, Luftschutzbunker in den Städten und Ställe und Scheunen auf dem Land werden zu behelfsmäßigen Notunterkünften und -behausungen.

Baustoffrecycling – Trümmer, Trümmerbeseitigung und Trümmerfrauen

Die Nachkriegsjahre waren Trümmerbeseitigungsjahre. 400 Millionen Kubikmeter Schutt habe es schätzungsweise in Deutschland gegeben. Nicht nur, das ein Großteil der deutschen Gebäude in Trümmern lag: Unzählige andere Bauten, die auf den ersten Blick noch gut dastanden, mussten kontrolliert gesprengt werden, weil sie auf den zweiten Blick unbenutzbar waren. Aus Mangel an Baustoffen für den Wiederaufbau recycelte man Trümmer und Schutt. Man entwickelte Trümmerrecyclingverfahren und die entsprechende Maschinerie dafür. Eindrucksvolle Bilder dazu liefert das Bundesarchiv mit diesem Film aus Berlin, Wuppertal, Köln, Düsseldorf, Bamberg und Hamburg.

Die Archivaufnahmen zeigen auch deutsche Frauen, die wegen ihrer Arbeit in und mit den Trümmern als sogenannte Trümmerfrauen in die Geschichte eingingen. Wobei anzumerken ist, dass man aus heutiger Sicht kritisiert, dass die Trümmerfrauen teilweise glorifiziert worden seien, „um von der negativ konnotierten nationalsozialistischen Zeit abzulenken“, wie Wikipedia schreibt. Wer mehr zum Thema Trümmerbeseitigung und die Rolle der Trümmerfrauen, insbesondere in Bezug auf einzelne Städte und Gemeinden, lesen möchte, startet am besten hier mit der Lektüre.

Recycling durch Konversion, insbesondere Rüstungskonversion

Wo es an Haus fehlt, mangelt es auch an Hausrat. Und deshalb musste in den Nachkriegsjahren in allen Bereichen des Lebens improvisiert werden:

Recycling und Upcycling des Stahlhelms
der deutschen Wehrmacht

Bestes Beispiel für das Recycling aus der Nachkriegsnot heraus war der nunmehr ausgediente Wehrmachtshelm. Denn was unter dem Begriff Rüstungskonversion in die Geschichte einging, ist quasi nichts anderes als Recycling von militärischer Ausrüstung beziehungsweise sogar Upcycling derselben. Über das deutsche Land hinweg gab es Millionen Stahlhelme, darunter ausgediente, die in Haushalten sowie in Wald und Flur verteilt waren. Dann waren da noch die frisch gefertigten Helme, die in den Kasernen oder Fabriken bis zur letzten Kriegsstunde auf ihren Einsatz an der Front warteten. Und auch jede Menge unfertiger Stahlhelme lag noch in den Fertigungsstätten. Die Stahlhelme waren eine Menge Rohstoff, der an anderer Stelle dringend gebraucht wurde, schließlich war (und ist Deutschland bis heute) Rohstoffimporteur und als solcher angewiesen auf florierenden Handel – an den in den Nachkriegsjahren jedoch nicht zu denken war.

Handwerkliche Produktionsmethoden

Und so stellte man nicht nur die Rüstungsindustrie auf Zivilbetrieb um, sondern auch kleine Manufakturen und Handwerksbetriebe machten aus militärischer Ausrüstung und Kriegsschrott Brauchbares für den alltäglichen Bedarf. Gerade den kleinen Betrieben fiel das Umschwenken auf zivile Produkte leichter als den großen Fabriken, so dass in den ersten Jahren das Gros des Recyclings in den Händen der Handwerker lag.

Zwei Gründe lassen sich für den Erfolg der handwerklichen Produktionsmethode anführen: Erstens gelang es in Einzel- und Kleinserienanfertigung besser, Altmaterialien und Ersatzstoffe zu verwenden, als in industrieller Massenproduktion. Zweitens konnten die Handwerker ihren vergleichsweise kleineren Materialbedarf anders decken, als große Fabrikanten. So machten sie teilweise halblegale Geschäfte zur Rohstoffbeschaffung, auch auf dem in den Nachkriegsjahren bis 1948 florierenden Schwarzmarkt, oder sie „delegierten“ die Rohstoffbeschaffung an ihre Kundschaft. Tauschgeschäfte oder Kompensationsgeschäfte blühten – und ergänzten offizielle Zuteilungssysteme.

Demilitarisierung

Doch zurück zum Stahlhelm und seinem Recycling: Ein Teil der Wehrmachtshelme wurde wie andere Ausrüstung auch eingelagert, weil man schon damals befürchtete, dass der sich abzeichnende Konflikt zwischen den alliierten Westmächten und der Sowjetunion in militärischen Auseinandersetzungen münden könnte. Zugleich unterlag Deutschland der Demilitarisierungsvereinbarung. So kam es, dass 9.000 Beamte des Bundesgrenzschutzes 1951 mit den ehemaligen Wehrmachtshelmen ausgerüstet wurden. Auch die Feuerwehren übernahmen vor dem Gebot des Brandschutzes in Trümmerzeiten Teile der Bestände an Wehrmachtshelmen. Als Zeichen der Demilitarisierung wurden sie allerdings rot übermalt.

Kochtöpfe, Durchschläge (Siebe) und Nachttöpfe

Andere Stahlhelme wurden zu sogenannten Puhlschöpfern (Schöpfnäpfe mit langem Stiehl aus Holz) umfunktioniert: Sie bekamen eine Halterung für den Holzstiel und eine seitliche Tülle, so dass man mit ihnen Jauchegruben ausschöpfen konnte. Und wieder andere Wehrmachtshelme wurden zu Kochtöpfen, Durchschlägen (Sieben) und Nachttöpfen. Insbesondere das Stanzen der Sieblöcher setzte eine industrielle Stanzung via Stanzpresse voraus, da der Helmstahl zäh war. Die Fuldaer Emaillierwerke beispielsweise fertigten Tausende solcher blauweiß-emaillierten Helmsiebe, die bis heute auf Floh- und Antikmärkten zu finden sind.

Recycling von anderer Militärausrüstung und Kriegsschrott – Mode, Spielzeug, Deko

Auch andere militärische Ausrüstungsgegenstände und Kriegsschrott erfuhren einen neuen Gebrauch dank des Recyclings aus der Nachkriegsnot heraus: So belegen diese Bilder, das man aus Bomben und Granaten, Flugzeugteilen & Co. Blumenkübel, Kerzenleuchter und Vasen fertigte.

Unvergessen ist auch das Textilrecycling der Nachkriegsjahre (der Link führt zu einem kurzen Video mit dem Macher der Mode für Trümmerfrauen). Millionen von Menschen hatten auf der Flucht, durch Ausbomben und anderes Kriegsgeschehen ihr Hab und Gut verloren. Zum Anziehen blieb, was auf dem Leib war. Andererseits gab es jede Menge Uniformen. Die wurden umgenäht, umgefärbt und so neuen Figuren und Tragezwecken angepasst. „Kostüme werden aus Armeedecken, Dirndlkleider aus Lazarettbettwäsche geschneidert, Uniformjacken zu Trachtenjacken verwandelt und das »bessere« Kleid wird aus Fallschirmseide hervorgezaubert. Die Röcke sind kürzer und bedecken kaum das Knie; die Schultern werden breiter und die Stoffe schlechter denn je. Sogar Unterwäsche muss selbst geschneidert werden. Das Angebot von Kleidung auf dem schwarzen Markt ist unzureichend. Alte Herrenhosen, weite Hemden, abgewetzte Kleiderschürzen und zu einem Turban geschlungene Kopftücher prägen das Bekleidungsbild der zerbombten Städte. Ihre Trägerinnen sind die sogenannten Trümmerfrauen, die den Schutt in den Straßen beseitigen“, berichtet Chroniknet.de hier.

Schließlich möchte ich noch das Spielzeug erwähnen, das in den Nachkriegsjahren aus Kriegsschrott gebastelt wurde: die Autos aus Militärblech sind nur ein Beispiel dafür.

Fazit:

Die Nachkriegsnot gebar unzählige Recycling- und Upcyclingideen, die den deutschen Alltag prägten. Das Recyceln ausrangierter Kriegsmaschinerie und -ausrüstung beziehungsweise des Kriegsschrotts war jedoch nur ein Teil des Ganzen. Jeder Haushalt in Trümmerdeutschland musste aus dem – wenn überhaupt vorhanden – Bestand nehmen und davon leben. Second- und Thirdhandwaren waren gang und gäbe, Tauschgeschäfte sorgten fürs Überleben.

Und so traurig, wie das Kapitel deutsche Nachkriegsjahre auch ist, darf man meiner Meinung nach zwei Dinge nicht vergessen: 1. Die Not machte erfinderisch und barg ein hohes Potenzial an Kreativität. Und 2. und mir persönlich noch viel wichtiger: Angesichts der Bilder aus dem Bundesarchiv musste ich sofort an die Trümmerstädte unserer Tage, siehe Homs und Aleppo in Syrien, um nur zwei zu nennen, denken. Und mir kam der Gedanke, dass unsere traurige Vergangenheit die traurige Gegenwart anderer ist – und uns die Trauer damit alle einholt.

 

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