Die Geschichte des Recycling III – die Industrialisierung

Gepostet von am 8. Jun 2016

Die Geschichte des Recycling III – die Industrialisierung

Nachdem wir uns im Geschichtsbuch des Recyclings schon durch die Antike und das Mittelalter voran geblättert haben, schlagen wir heute ein neues Kapitel auf: das Zeitalter der Industrialisierung. Es stellte die Menschen erstmals vor schier unüberschaubare Müllberge. Ob und wenn ja, wie sie derer Herr wurden – oder auch nicht, das soll dieser Artikel zeigen.

Zunächst müssen wir klären, von welchem Zeitalter wir bei Industrialisierung überhaupt sprechen und was da generell und speziell in Sachen Abfallverwertung genau vor sich ging.

Die Industrialisierung: Start und Verlauf

Grundsätzlich meint Industrialisierung den Übergang von einer vorrangig landwirtschaftlich ausgerichteten und handwerklich geprägten Gesellschaft (beziehungsweise Lebensweise ihrer Individuen) hin zu einer maschinell technisierten. Dieser Übergang vollzog sich, ausgehend von England, das bis heute als Mutterland der Industrialisierung gilt, während des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika und hält in manchen Teilen der Erde bis heute an.

Charakteristisch für die Industrialisierung war und ist die Umstellung der Produktion von agrarisch hin zu industriell, sprich: was bislang in kleiner Stückzahl von Handwerkern und Bauern in Werkstätten und auf Höfen gefertigt, be- und verarbeitet wurde, stellte man nun in großer Stückzahl mithilfe von Maschinen in Manufakturen und Fabriken her.

Betriebswirtschaftlich steckt dahinter, dass sich eine große Stückzahl von Waren industriell schneller und günstiger herstellen lässt als von Hand. Mit der hohen Produktionsgeschwindigkeit von stetig arbeitenden Maschinen kam schließlich kein Mensch mehr mit. Das heißt, die Kosten pro Stück ließen sich mit dem Wechsel von Handarbeit zu Maschinenarbeit enorm senken. Ausgehend vom Verarbeitungssektor (sekundärer Sektor) wandelten sich im Folgenden sämtliche gesellschaftlichen Sektoren, die Jean Fourastié so einteilte:

  1. Primärer Sektor“ der Rohstoffgewinnung (Ackerbau, Viehzucht, Förderung von Bodenschätzen),
  2. „Sekundärer Sektor“ der Verarbeitung,
  3. „Tertiärer Sektor“ der Dienstleistungen,
  4. „Quartärer Sektor“ der Freizeitwirtschaft,
  5. „Quintärer Sektor“ der Abfallwirtschaft.

Mehr zur 3-Sektoren-Hypothese:

Industrialisierung: Städter als treibende Kraft

Treibende Kraft für die Industrialisierung waren die Menschen und ihre sich mit den Jahrhunderten geänderte Lebensform. Waren vor der Industrialisierung die meisten Menschen Selbstversorger und Selbstentsorger wurde deren Zahl mit dem Werden und Wachsen von Städten und deren Bewohnern immer kleiner. Ganz klar, kaum ein Stadtbewohner hatte den Flecken Erde zur Hand, der nötig gewesen wäre, um davon den Magen seiner Sippe zu füllen. Ganz zu schweigen von dem Bisschen mehr an Feldfrüchten, das man hätte zum Markt tragen und tauschen beziehungsweise verkaufen können, um so für Kleidung, Licht und Sonstiges zu sorgen, was die Existenz sicherte.

Die Städter brauchten jetzt haufenweise Lebensmittel und Konsumgüter, vor allem Kleidung. Die Waren mussten herangekarrt oder herbeigeschifft werden. Betuchtere Leute vermehrten ihren Besitz binnen weniger Jahre um ein Vielfaches, wobei hier lediglich die Zahl der Besitztümer gemeint ist und noch nicht mal deren Wert. Im Mittelalter kam ein normaler Haushalt mit etwa 150 Dingen aus, schreibt Wikipedia, mit der Industrialisierung steigerte sich die Zahl plötzlich schnell auf das Hundertfache und mehr.

Industrialisierung: Geburtsstätte von Müllbergen

Schaut man sich nun die buchstäbliche Kehrseite der frühen industrialisierten Gesellschaft an, muss man festhalten, dass mit der Anhäufung von Menschen und Besitz in den Städten auch die Abfallhaufen dort wuchsen. Während man bislang die Abfälle aus Küche und Latrine traditionell auf dem Feld hinter dem Haus oder im Garten der Bäuerin als Düngemittel oder teilweise im Stall als Tierfutter einsetzte (was beides häufig als älteste Formen des Recyclings angesehen werden), hatten die Städter weder Feld, noch Gemüsegarten, noch Haustiere für ihre Abfälle. Und selbst die Abfälle waren nicht mehr das, was sie einst waren:

Mit dem Besitz der Städter wuchs ihr Wohlstand. Der äußerte sich unter anderem auch mit dem Aufkommen von Verpackungen und Umverpackungen für Produkte. Manche Ware wurde schon in der Fabrik verpackt, manche erst beim Kauf. Das Ergebnis: Verpackungsmüll. Eine für die damalige Zeit völlig neue Müllform, die es zu entsorgen galt.

Alles andere als nebensächlich: eine Nebenwirkung der Industrialisierung ist die Wegwerfmentalität

Die bis heute unsere Gesellschaft krankmachende Nebenwirkung der Industrialisierung zeigte sich schon während ihrer Geburt: die Wegwerfmentalität. Allein darüber könnte man jetzt wortreich debattieren, doch das lassen wir besser. Nur so viel: Der wegen der maschinellen Fertigung geringere Warenwert, der Wegfall des Mangels an Gütern, die dank der besseren Transportmöglichkeiten plötzlich in erreichbare Nähe rückenden Konsumgüter, die eben noch unerreichbar waren, und die persönliche Ferne zum eigentlichen Produktionsvorgang (Stichwort: Wert der eigenen Hände Arbeit) trugen und tragen bis heute ihr Übriges zu dieser Mentalität bei.

Neuer Müll bringt neue Entsorgungswege: Winkel, Abfallgruben und -keller, Kehrichtöfen

Zurück zu den Müllbergen der Industrialisierung: Sie wuchsen nicht nur in die Höhe (ganz zu schweigen von dem damit einhergehenden Gestank!), sondern auch ihre Zusammensetzung hatte sich geändert. Früher landeten auf dem Misthaufen oder im Winkel, so nannte man die engen Lücken zwischen den Häusern der Städte, zum Beispiel Scherben, Glas, Leder, Holz, Kehricht, Bauschutt, Lebensmittelreste, Schlachtabfälle, Kadaver und Fäkalien. Mit der zunehmenden Bevölkerung und der daraus resultierenden Enge fand man auch neue Müllplätze: Vieles landete in den Latrinen. Und in den Kellern wurden Abfallgruben gegraben oder Abfallkeller angelegt, berichtet die Abfallberatung-Unterfranken hier. Auch Abfallbrunnen soll es demnach oft gegeben haben. Und auch das, was man aus solchen Gruben in Aschaffenburg Jahrhunderte später wieder ausgrub, beschreibt das genannte Portal – und zwar hier. Natürlich landete ein Großteil der Abfälle des Haushalts nach wie vor im hauseigenen Feuer, thermisches Recycling, wie es schon die Steinzeitmenschen in ihren Höhlen betrieben. Doch nicht alles ließ sich im Haus verfeuern: So entstanden in London schon bald sogenannte Kehrichtöfen, die ersten Müllverbrennungsanlagen quasi, in denen gesammelte Abfälle verfeuert wurden. Und auch Deponien haben laut Wikipedia in der Zeit der Industrialisierung ihren Ursprung.

Schlussbemerkung: Wie eingangs in einem Nebensatz kurz angedeutet, ist die Industrialisierung für einen Teil der Menschheit bereits Geschichte, während andere Teile noch mittendrin sind oder sie gar noch vor sich haben. Das macht die damit einhergehende Müllproblematik zu einem Thema für uns alle. Und nicht nur das: Wir, die wir längst im digitalen Zeitalter leben, haben noch immer keine befriedigende Lösung für den Müll der Industrialisierung gefunden, die sich überall anwenden lässt – und zugleich produzieren wir längst neue Müllsorten: zum Beispiel digitalen Müll. Doch das ist ein anderes Kapitel der Geschichte des Recyclings.

 

Weitere Artikel zur Geschichte des Recyclings:

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS II – DAS MITTELALTER

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS I – DIE ANTIKE

 

 

 

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