Die 1960er-Jahre: die Plastikflut kommt! – Recyclinggeschichte X

Gepostet von am 30. Nov 2016

Die 1960er-Jahre: die Plastikflut kommt! – Recyclinggeschichte X

Kapitel X meiner Geschichte des Recyclings spielt im westlichen Teil Deutschlands der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wie bereits angekündigt, erzähle ich euch hier zunächst die westdeutsche Geschichte des Recyclings und hänge dann die ostdeutsche Recycling-Geschichte einfach hinten ran. Back to the Sixties!

Das deutsche Zeitgeschehen der 1960er-Jahre auch nur annähernd beschreiben, würde den Rahmen dieses Blogposts sprengen, vom internationalen ganz zu schweigen. Deshalb möchte ich mich hier darauf beschränken, die folgenden Zeilen zu zitieren, die das Jahrzehnt als eins des Aufbruchs charakterisieren:

In keiner Phase der Nachkriegsgeschichte war die Bereitschaft zu Veränderungen und zur Abkehr vom Althergebrachten größer als in den sechziger Jahren. Der Wind des Aufbruchs und des Neuanfangs wehte damals durch Westdeutschland (und darüber hinaus durch die ganze westliche Welt). Das Vertrauen auf die Veränderbarkeit und Machbarkeit der Gesellschaft war nahezu grenzenlos. Traditionelle Bindungen und gesellschaftliche Zwänge, die sich während der fünfziger Jahre eher verfestigt hatten, wurden rigoros in Frage gestellt. Der Abbau von ‚überholten‘ Autoritäten wurde zum Programm weiter Bevölkerungskreise.“

Auf dem Weg zur Wegwerfgesellschaft

Relevant für die Geschichte des Recyclings ist die Entwicklung Deutschlands zu einer Wegwerfgesellschaft, die – wie im vorhergehenden Kapitel meiner Recyclinggeschichte beschrieben – in den 1950ern einsetzte und im nachfolgenden Jahrzehnt schwungvoll weiter ging:

Eine wesentliche Fundierung der Zukunftsgläubigkeit war das ungebrochene Vertrauen in den wirtschaftlichen Fortschritt, das zwar in Deutschland infolge der Konjunkturkrise in den Jahren 1966 und 1967 kurzfristig einen Dämpfer erfuhr, aber nach dem Wiederanspringen des Konjunkturmotors während der Großen Koalition rasch wieder auflebte. Deutschland lebte nach dem Motto ‚höher, schneller, toller, teurer‘; Verkehr, Konsum, Wohnungsbau und Tourismus erfuhren einen phänomenalen Aufschwung.“

Ich will Euch am Beispiel Textilien zeigen, was in den 1960er-Jahren in Sachen Müllanhäufung, Müllentsorgung und Müllverwertung los war. Anhand des textilen Beispiels könnt ihr euch ein ganz gutes Bild von der Recyclinglage damals machen.

Textilien aus Kunstfasern sind jetzt Massenware und …

Bereits in den 1950ern wurden Chemiefasern Massenware. Nylon und Perlon machten Mode und Kleider aus Chemiefaserorganza, Nylon-Gewebe, Chemiefasersamt und Nylonkrepp hielten Einzug in die deutschen Kleiderschränke. Kunstfasern waren pflegeleicht und billig. So billig, dass das bis dahin übliche Flicken von Kleidung aus natürlichen Fasern so langsam aus der Mode geriet. Den Nylonstrümpfen und Polyesterhemden folgten Strickpullover aus Polyacryl, Lurexkleider und Microfaserunterwäsche. Ich will hier weder über die gesundheitlichen Aspekte von Chemiefasern auf Basis fossilen Öls noch über deren Ökobilanz diskutieren – wer dazu mehr lesen will, beginnt seine Lektüre besser hier. Nein, mir geht es vielmehr darum, dass mit der Masse an Kunstfaserkleidung plötzlich Plastikmüllberge gen Himmel wuchsen, angesichts derer schon damals Umweltschützer vor einer schwer abbaubaren Plastikflut warnten.

Früher waren Textilien wertvolle Gebrauchsgüter. Sie wurden sorgsam behandelt, gepflegt, geflickt und bis zum letzten Zipfel wieder verwertet. Altkleider dienten als Ausgangsstoff für neue Kleidung, als Futterstoff, für Heimtextilien oder als Putzlappen – in den Müll kamen sie nicht. Waren sie im Haushalt zu nichts mehr zu gebrauchen, bekam man beim Lumpensammler noch ein paar Pfennige dafür.“

Diese Zeiten waren ein für alle Mal vorbei. Mit der Flut billiger Plastikklamotten begann auch die Ära des Einweg-Verbrauchs, sowohl von Konsumgütern wie Kleidung als auch von Verpackungen.

„Die neuen Produkte kamen aber nicht mehr mit relativ einfachen Verpackungen aus. Kleinste Lebensmittelmengen wurden einzeln verpackt. Es begann die Zeit der Portionsverpackungen und der Häppchenkultur. Von 1954 bis 1962 nahmen Glasverpackungen um 120 Prozent, Blechverpackungen um 84 Prozent und Kunststoffverpackungen um 3780 Prozent zu. Die ‚Müllawine‘ setzte sich in Bewegung.“ 

… lassen Plastikmüllberge wachsen

Schon gewusst? Die PET-Flasche, ein Behälter aus dem Kunststoff Polyethylenrephthalat, wurde in den 1960er-Jahren entwickelt. Ihr Siegeszug um die Welt begann allerdings erst Ende der 1970er, daher schreibe ich euch ihre Geschichte in einem späteren Kapitel meiner Recyclinggeschichte auf.

Mittlerweile landeten jede Menge noch tragbare Kleidungsstücke im Müll. Das rief Mitte der 1960er- Jahre caritative Organisationen auf den Plan: Sie sammelten Altkleider mit dem Ziel, die noch tragfähige Kleidung auszusortieren.

„Ursprünglich in erster Linie als Rohstoff genutzt, begann in den 1960er-Jahren die Nutzung von Gebrauchttextilien als Secondhand-Kleidung. Unternehmen aus den Niederlanden kauften damals deutsche Gebrauchtkleidung im großen Stil auf, um sie in den niederländischen Kolonien als Secondhand-Kleidung zu verkaufen. Die Folge war ein schwindendes Angebot an gebrauchten Textilien in Deutschland und damit verbunden steigende Preise für die Sammelware. In dieser Situation gingen viele deutsche Sortierbetriebe dazu über, gebrauchte Kleidung selbst zu erfassen und weltweit zu verkaufen. Um mehr Textilien sammeln zu können, entstanden gezielt Kooperationen mit karitativen Organisationen. Denn mit wachsendem Wohlstand nahm auch die Menge an gebrauchten Textilien stetig zu. Parallel dazu stieg auch die weltweite Nachfrage nach Gebrauchtkleidung.“

Müllabfuhr lief, Müllentsorgung nicht: Alles landete auf der Müllkippe

Schauen wir als Nächstes auf ein großes Problem der 1960er: die Müllentsorgung. „Nachdem Anfang der fünfziger Jahre die Abfuhr des Mülls neu organisiert wurde, bestand die Aufgabe in den 60er-Jahren darin, das zunehmende Entsorgungsproblem in den Griff zu bekommen.“ Lest selbst, wovon hier die Rede ist!

„Abfälle wurden bis zur Schaffung des ersten Abfallgesetzes 1972 zumeist auf ungeordnete Deponien gebracht. Hohlwege, Bombentrichter und Erdgruben wurden verfüllt oder der Abfall einfach an Steilhängen und Böschungen abgekippt. Die wilden ‚Müllkippen‘ wurden mehr und mehr zum Problem, da sich mit der aufstrebenden Wirtschaft auch die Zusammensetzung und Gefährlichkeit der Abfälle änderte. Schwelbrände, seuchenhygienische Gefahren und Verunreinigung des Grundwassers durch Sickerwässer waren die Hauptprobleme. In einer Stellungnahme des Deutschen Rates zur Landespflege heißt es 1970: ‚Bei 50 000 Müllplätzen in der BRD (…) kann nur ein sehr kleiner Teil als geordnet angesprochen werden.‘ Nur in städtischen Bereichen, wo vor allem ausreichende Flächen Mangelware waren, wurden zunehmend entsorgungstechnisch aufwendigere Lösungen wie Verbrennungsanlagen und Müllkompostierungsanlagen geschaffen. Wurde 1960 bundesweit nur eine Verbrennungsanlage für Hausmüll betrieben, so waren es 1970 schon 24.“

Müllverbrennung avancierte in den späten 1960ern zur kleinen und großen Lösung des Müllentsorgungsproblems: Verbrennungsanlagen wurden in allen Größen angeboten. Von der städtischen Großanlage bis zum Kleinofen für das Gewerbe wurde die Verbrennung als Lösung des beginnenden Müllproblems dargestellt.“ Hier könnt ihr ein Bild von einem „Müllverbrennungsofen für Kaufhäuser, Banken, Krankenhäuser, Appartmenthäuser, Hotels, Restaurants und Verwaltungen“ sehen, sowie eine damals übliche Werbung für Müllverbrennungsöfen.

Daneben gab es damals auch sogenannte mobile „Müllbehandlungsanlagen“, die eingesetzt wurden, um das Müllvolumen zu reduzieren: „Die fahrbare Zerkleinerungsanlage ‚Müll-Taifun‘ sollte vor Ort in den Gemeinden den Müll für eine Kompostierung aufbereiten.“ (Ein Bild der Müll-Taifun-Anlage seht ihr hier.)

Das Stichwort Kompostierung will ich gerne noch einmal aufgreifen: Die Stadt Schweinfurt machte in den 1960ern Schlagzeilen mit ihrer Müll-Klärschlamm-Kompostierung, die einzigartig in Europa war und gut zwei Jahrzehnte lang betrieben wurde. In Anlehnung an ein holländisches Vorbild entwickelten die Schweinfurter ihr „Brikollare-System“: „Der gesamte Müll wurde per Hand am Fließband aussortiert. Nur Eisen konnte per Magnetabschneider maschinell ausgesondert werden. Zunehmende Störstoffe wie Kunststoff- und Glasteile und steigende Schadstoffgehalte in Abfall und Abwasser verschlechterten das Endprodukt ‚Müll-Klärschlamm-Kompost‘ im Vergleich zum heutigen Bioabfallkompost in den letzten Betriebsjahren erheblich. Als durch die großen Weinbergsbereinigungen in Unterfranken die Hauptabsatzmärkte zusammenbrachen, wurde 1986 der Betrieb der Anlage eingestellt.“ (Bild und Ablaufschema der Anlage findet ihr hier.)

Elektrifizierung des Haushalts

Auch das gehört in dieses Geschichtskapitel: In den städtischen Haushalten waren schon in den 50ern elektrische Haushaltsgeräte eingezogen. Auf den Dörfern hatte man ab 1952 zum Ausgleich „Gemeinschaftsanlagen wie Wasch- und Gefrierhäuser errichtet“: Ende der 60er-Jahre – die Einkommen waren kräftig gestiegen, die Geräte durch Massenproduktion billiger – setzte die Individualisierung auf breiter Ebene ein. Nachdem man die Errungenschaften der modernen Gemeinschaftshäuser nutzen und schätzen lernte, wollte man nun Gefriertruhen und Waschmaschinen zu Hause selbst besitzen. Elektrische Geräte wie Staubsauger, Waschmaschine, Wäschetrockner, Geschirrspüler, Heimwerkergeräte und Unterhaltungselektronik hielten Einzug in die Haushalte, wodurch wiederum anderen Produkten oft erst der Weg geebnet wurde. Die Erfindung des elektrischen Staubsaugers zum Beispiel verhalf dem Teppichboden zum Siegeszug auf bundesdeutschen Fußböden.“

Damit wuchsen auch die Abfallberge: „Durch die verbesserte wirtschaftliche Situation wurden immer mehr und immer neuere Haushaltsgeräte angeschafft. Größere lassen sich meist, wenn auch teuer, reparieren, wobei in der Regel nur ganze Module ausgetauscht werden. Für Kleingeräte bedeutet ein kleiner Defekt das sofortige Aus.“

Kühlschrank statt Keller, Tiefkühlung statt Einwecken

In den 1960ern war ein Kühlschrank ein Standardgerät in deutschen Haushalten. Das veränderte den Umgang mit Lebensmitteln komplett – auf dem Land wie in der Stadt: „Private Gefriertruhen setzten sich zunächst nur in ländlichen Gegenden durch und ersetzten dort zunehmend die gemeinsam genutzten Gefrierhäuser. Tiefkühllagerung trat nach und nach an die Stelle des ‚Einweckens‘ oder Einkochens der Ernteüberschüsse. Begleitet wurde diese Entwicklung von der Architektur dieser Zeit, die vor allem in der Stadt keine Vorratsräume mehr vorsah.“ Der veränderte Umgang mit Lebensmitteln, die neue Haltbarmachung hatte nicht nur Auswirkungen daraus, was an Speis und Trank aufgetischt wurde, sondern auch darauf, was anschließend in der Tonne landete. Zumal zeitgleich neue Tierfutter und Dünger auf den Markt kamen: „Das Interesse an Verfütterung und landwirtschaftlicher Verwertung der Speiseabfälle ließ durch den verstärkten Einsatz neuer Futter- und Düngemittel nach.“

Fazit: Die 1960er konfrontierten die Deutschen mit wachsendem Wohlstand und daraus resultierend mit der Chance, mehr und schneller zu konsumieren, als jemals zuvor. Mit der Zahl der konsumierten Produkte wachsen die Verpackungsmenge und die Müllmenge. Immer häufiger wird entsorgt, was eigentlich noch nicht ausgedient hat. So ändert sich auch die Beschaffenheit des Mülls. Da Mülltrennung noch kein Thema war, landete alles auf Deponien. Und deshalb sind Deponien aus den 1960ern heute eine Rohstoffquelle – ihre Verwertung nennt man auch „Urban Mining“ oder „Landfill Mining“:

Wissenschaftler der Universität Gießen graben unter der Leitung von Professor Stefan Gäth in alten Mülldeponien nach dem Erbe der Wegwerfgesellschaft. Die Forscher sind erstaunt, wie gut der Müll sich ein halbes Jahrhundert lang gehalten hat. Selbst alte Zeitungen sind noch lesbar. Die Müllproben lassen hoffen. Wenn die Rohstoffpreise weiter steigen, wird sich das Ausgraben alter Müllreserven schon bald lohnen und eine alte Halde könnte so zur wertvollen Rohstoffquelle werden. Je nach Preisentwicklung schätzen Experten den Rohstoffwert einer einzigen alten Müllhalde auf 25 bis 80 Millionen Euro.“

Im nächsten Teil meiner Geschichte des Recyclings geht es um die 1970er – und damit um die Einführung geordneter Deponien und mehr. Seid gespannt!

 

Weitere Artikel zur Geschichte des Recyclings:

WIRTSCHAFTSWUNDER: GEBURTSJAHRE DER WEGWERFGESELLSCHAFT – DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS IX

DER ZWEITE WELTKRIEG – DIE GESCHICHTE DES RECYCLING VII

GESCHICHTE DES RECYCLING, TEIL V: DER ERSTE WELTKRIEG

DIE GESCHICHTE DES RECYCLING III – DIE INDUSTRIALISIERUNG

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS II – DAS MITTELALTER

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS I – DIE ANTIKE

 

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