Über Sinn und Unsinn von Upcycling – eine Antwortsuche

Gepostet von am 27. Jan 2016

Über Sinn und Unsinn von Upcycling – eine Antwortsuche

Upcycling ist in. Zu Recht. Denn wer upcycelt, der gibt Dingen, die von vielen als wertlos erachtet werden, neuen Wert. Indem er den vermeintlichen Abfall umfunktioniert, so dass was Neues daraus entsteht. Das hilft, Müll zu sparen. Und Rohstoffe. Nebenbei entfaltet Upcycling Kreativität. Dennoch kommt die Frage auf, wann Upcycling Sinn macht – und wann nicht. Ich mache mich hier auf die Suche nach einer Antwort.

Ich tummele mich als Vor-allem-Beobachter schon eine ganze Weile in der Upcycling-Szene. Wer die kennen lernen will, sollte übrigens meinen Artikel „UPCYCLING: WAS TUT SICH IM NETZ, WO TRIFFT SICH DIE SZENE, WO GIBT’S DIE BESTEN DIY-IDEEN?“ hier auf dem Wertstoffblog lesen. Doch schnell zurück zum Thema: Ich lasse mich gerne von den vielen Upcycling-Ideen begeistern, die Verbraucher wie ich weltweit haben, um zum Beispiel aus ausrangierten und/oder kaputten Gebrauchsgegenständen oder leeren Verpackungen in Do-it-Yourself-Manier neue Dinge zu schaffen. Nahezu täglich kursieren in den Social Medien, die ich des Jobs wegen regelmäßig besuche, neue Upcycling-Projekte. Nur ein Beispiel, das zeigt, was sich alles aus sogenannten Office-Clips machen lässt:

Dennoch hält sich meine Begeisterung über Upcycling in Grenzen. Ja, ich beginne sogar, mich zu sorgen. Denn mit dem aus meiner Sicht durchaus sinnvollen Upcycling-Trend, den ich beobachte, sehe ich auch Unsinniges. Doch eins nach dem anderen. Zunächst will ich kurz schildern, wann Upcycling für mich Sinn macht.

Sinnvolles Upcycling sollte nachhaltig sein

Sinnvoll ist Upcycling für mich dann, wenn es nachhaltig ist. Dazu gehört, dass für Basteln nicht unnötig neue Rohstoffe verwendet werden. Ich erkläre das gerne mal an einem Beispiel. Eins aus meinem Haushalt. Ich habe vier Kinder, drei davon im bastelfähigen Alter. Und weil Nachhaltigkeit für uns ein alltäglicher Wert ist, der unser Leben in allen Bereichen bereichert, fragen wir uns bei so manchem Ding, das in den Abfall soll, ob wir daraus nicht noch etwas Sinnvoll(er)es, Wertvoll(er)es machen können.

Leere Verpackungen, von Chips beispielweise, sind diesbezüglich ein Klassiker. Daraus kann man prima Aufbewahrungsboxen für Stifte oder Wattepads (inklusive Entnahmeöffnung) basteln. Allerdings braucht man dafür zum Beispiel selbstklebende Folie oder Papier und Klebstoff, um dies zu fixieren. Oder Pinsel und Farbe, um die Chipsdosen anzumalen. Und vielleicht noch dekorative Steinchen zum Schmücken. Die genannten Bastelmaterialien sind Rohstoffe, die – ganz oder teilweise – von uns nachgefragt und angeschafft werden müssen. Und bitte, kommt mir jetzt nicht mit: „Aber das hat man doch im Haus!“ Schließlich habe ich das, was ich „im Haus“ auf Lager halte, auch irgendwann mal angeschafft. Haufenweise Bastelkram, der neu gekauft werden muss, um aus leeren Chipsdosen, Müsliverpackungen & Co. Ordnungshelfer oder aus ausrangierten CDs dekorative Fensterbilder zu machen, ist mir nicht nachhaltig genug. Ganz zu schweigen von der Energie, die draufging für deren Herstellung und draufgeht, wenn wir basteln (Stichwort: Heißklebepistole).

Upcycling – ein Zeichen von Überfluss?

Hinzu kommt, dass ich bei meinem Nachwuchs erlebe, dass es mit einer einzigen umgewandelten Chipsdose oft nicht getan ist. Im Gegenteil: Ich beobachte bei jedem Upcycling-Thema, dass eine Art produktive Hektik ausbricht, der ich nicht das Potenzial an Kreativität absprechen möchte. Doch mit dem Wunsch der Kids, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen, keimt auch die Idee auf, mal eben die eine oder andere Chipsdose mehr als üblich kaufen zu wollen, um frisches Upcycling-Material in die Hände zu bekommen. Upcycling wird hier zum Konsum-Booster (und nebenbei zur Gesundheitsgefahr).

Und das funktioniert nur, weil wir uns das leisten können.

Und da sind wir beim nächsten Punkt, der mich an so manchem Upcycling-Produkt, besser: an dessen Nachhaltigkeit und insofern Sinnhaftigkeit, (manchmal) zweifeln lässt. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die zugleich eine Wegwerfgesellschaft ist. Wir leisten es uns Tag für Tag, Wertstoffe auszusortieren und zu entsorgen, die ihre Aufgabe durchaus noch lange erfüllen könnten. Beispiel: Klamotten. Beispiel: Deko. Beispiel: elektronische Geräte. Wir schmeißen die Wertstoffe weg, weil sie aus der Mode sind. Und weil unsere Überflussgesellschaft so getaktet ist, dass schon (modischere) Produkte auf dem Markt sind. Dabei fällt mir noch etwas zu ein: Mode ist laut Duden „etwas, was dem gerade herrschenden, bevorzugten Geschmack, dem Zeitgeschmack … etwas, was einem zeitbedingten verbreiteten Interesse, Gefallen, Verhalten entspricht“. Eine Steigerung des Wortes im Sinne von „modischer“ oder wie meine Großmutter Charlotte zu sagen pflegte „neumodisch“ zeigt auf, dass wir uns mit unseren Produktzyklen längst selbst überholen. Immerhin bezeichnete Oma mit „neumod’scher Kram“ zum Beispiel neue Haushaltsgeräte, die in ihren Augen unnötig waren, da sie für die Aufgaben Küchengeräte „aus ihrer Zeit“ hatte. Die neuen waren quasi noch überflüssig.

Womit wir wieder beim Überfluss sind: Wegen des Überflusses, also dem Zuviel, um den eigentlichen Bedarf zu decken, an dem wir inzwischen buchstäblich leiden, findet sich in unserem Abfall viel Zeug, das sich upcyceln lässt. Insofern ist Upcycling zwar eine Möglichkeit, für längere Wertschätzung von Wertstoffen zu sorgen, indem es deren Lebens- und Gebrauchsdauer verlängert, die jedoch nur dann sinnvoll ist, wenn sie selbst nicht großartig Energie verbraucht und Kosten verursacht.

Dennoch setzt der Upcycling-Trend ein in Sachen Wertstoffschätzung wichtiges Zeichen. Er signalisiert, dass wir vieles zu früh ausrangieren und entsorgen. Das weckt Bewusstsein. Hoffe ich. Und natürlich weiß ich, dass so manches Upcycling-Produkt zur Quelle neuer Wertschöpfung wird, die wiederum Arbeitsplätze schafft. Dieser Effekt von Upcycling ist in weniger überfließenden Gesellschaften als der unseren gut zu beobachten.

Ausweg aus dem Überfluss: Rohstoffkreislauf und Genügsamkeit

Dem Überfluss hierzulande entgegenzuwirken, dazu braucht es den von mir bereits des Öfteren eingeforderten Wertewandel. Eine gesellschaftliche Neuausrichtung bezüglich Roh- und Wertstoffen ist für Nachhaltigkeit als Überlebensrezept für den Planeten unabdingbar. Wir brauchen eine neue Wertschätzung von Rohstoffen und daraus gemachten Produkten, die uns genügsamer macht, so dass wir nicht immer mehr und immer modischer zu konsumieren wünschen. Genügsamkeit gegenüber dem, was wir haben. Reduce und re-use als wertstoffschätzende Konzepte ergäben sich so von selbst. Recycling wäre eine Selbstverständlichkeit und nicht verwertbarer Abfall die Ausnahme. Kreislaufwirtschaft wäre real.

Deshalb gilt es, die Unverhältnismäßigkeit, die ich zwischen dem, was wir haben (und hier schließe ich mich und meine Familie selbstverständlich ein), und dem, was wir brauchen, ausmache, nachhaltig auszugleichen. Und so kommt’s, dass ich so mancher Upcycling-Idee, die bei uns in der Familie aufkommt, eine Abfuhr erteile oder gar keine Chips in Dosen mehr kaufe. Denn auch von den upgecycelten Chipsdosen hatten wir irgendwann trotz ihrer Schönheit mehr als genug.

 

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    2 Kommentare

  1. Man kann tatsächlich nicht unendlich oft und nicht alles upcyclen oder eben auch recyclen und das darf man nicht außer acht lassen. Prinzipiell ist der Ansatz dennoch schön und der Schaffende Prozess den man damit bei sich selbst in Gang bringt ist nicht zu verachten da er der Entfremdung vom Ding entgegenwirkt.

  2. Danke für diesen wertvollen Artikel. Ich schreibe auf unserer Website auch über den Umgang mit Abfall und Müll.Ihre Deutlichkeit hat mich ermutigt es Ihnen demnächst gleich zu tun. Denn ich stimme Ihnen vollkommen zu. In meinem Artikel über das Upcyclen bin ich noch recht vorsichtig. http://www.wohindamit.de/zu-schoen-fuer-den-muell/

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