Wanted: Wertstoffwende! Oder: Was hat billiges Öl mit Upcycling zu tun?

Gepostet von am 22. Jan 2016

Wanted: Wertstoffwende! Oder: Was hat billiges Öl mit Upcycling zu tun?

Der Ölpreis fällt ungebremst. Das Barrel (entspricht 159 Liter) ist dieser Tage mit Preisen von um die dreißig US-Dollar um drei Viertel billiger als noch im Sommer 2014. Das ist ein enormer Preis- und damit auch Wertverfall. Doch nicht nur Öl verliert an Wert. Auch Kupfer, Aluminium, Bauholz und Stahl werden derzeit billig auf dem Rohstoffmarkt verkauft. Manch ein Branchenkenner spricht bereits von „verramscht“. Ich frage mich, ob wir mit Upcycling eine Strategie verfolgen, die gegen den Preisrutsch bei Rohstoffen ankommen kann.

Das aktuelle Geschehen auf dem Rohstoffmarkt, insbesondere dem Ölmarkt, lässt mich nur mit dem Kopf schütteln:

Der Ölpreis fällt und fällt und fällt …

Seit Mitte 2014 sinken die Ölpreise. Gründe dafür sind zum einen ein Überangebot, das durch erhöhte Ölproduktionen in Irak und Libyen (trotz Bürgerkrieg) und eine stetige Produktionsmenge der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) verursacht wurde. Die Tatsache, dass nach den jüngst von der internationalen Staatengemeinschaft aufgehobenen finanziellen und wirtschaftlichen Sanktionen auch der Iran wieder Öl auf dem Markt anbietet, trägt zum Überangebot spürbar bei. Allein auf die Nachricht hin, dass das Atomabkommen mit dem Iran stünde, fielen die Ölpreise an den Börsen auf historische Tiefs. Zudem hat auch die Ölproduktion außerhalb der OPEC zugenommen, vor allem, weil die USA fracken. Ein gesteigertes Angebot wäre dann kein Grund für einen Preisverfall, wenn auch die Nachfrage nach Öl stiege. Das tut sie offensichtlich nicht, insbesondere Europäer und Japaner seien dafür verantwortlich, schreibt das Schweizer Medium Finanz und Wirtschaft in seiner Online-Ausgabe.

Nun könnte man meinen, das Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage nach dem Rohstoff Öl regele sich von allein, weil beispielsweise mit einem niedrigeren Ölpreis auch die Investitionen im Ölsektor sinken würden. Das tun sie laut Analysten auch, aber ob sich daraus eine Verknappung des Angebots ergeben wird, ist fraglich.

Auch die Preise anderer Rohstoffe sinken teilweise extrem

Wenden wir uns dem Rohstoffmarkt als Ganzes zu! Auch andere Rohstoffe verlieren offensichtlich an Wert, teilweise so extrem, dass Branchenkenner von einer Rohstoff-Baisse schreiben. Das Handelsblatt zeigt hier eine Galerie von 21 Rohstoffen, deren Preise sich im Sinkflug befinden. Darunter:

Kaffee, Reis, Mais, Weizen, Sojabohnen, Lebendrind, Magerschwein, Gold, Silber, Platin, Aluminium, Kupfer, Eisenerz, Palladium, Erdgas, Palmöl, Rohöl, Heizöl, Bauholz, Stahl.

Wer sich diesen bunten Rohstoffreigen anschaut, sieht, es trifft alle Bereiche: Lebensmittel, Edelmetalle, Leicht- und Schwermetalle, fossile Brennstoffe und sogar nachwachsende Rohstoffe wie Holz.

Noch mal klar formuliert: Alle genannten Rohstoffe haben an Wert verloren, bei vielen hält der Sinkflug der Preise an. Wir reden hier von einem Verlust des Handelswertes, sprich: man kann die Rohstoffe derzeit besonders günstig kaufen. Der buchstäbliche Brennwert eines Liters Öl bleibt selbstverständlich erhalten. Und auch das bitte nicht vergessen: Während die Preise für Rohstoffe wie Bauerze fallen, steigt die Nachfrage nach diesen derzeit enorm.

Dass das eine Katastrophe ist, muss ich jetzt mal ganz laut schreiben. Nehmen wir mal das Erdöl. Wenn es so billig verramscht wird, sehen viele Verbraucher nur die aktuelle Einsparung und sind beispielsweise nicht bereit, ihre Heizungen in Richtung Erneuerbare Energien zu modernisieren. Insofern kann man den niedrigen Ölpreis sehr wohl als Klotz am Bein der Erneuerbaren bewerten, denn deren Ausbau bremst er. Stattdessen investieren die zu Recht preisbewussten Verbraucher in neue Ölheizungen, die ohne Frage modern und leistungsstark sind und sicher weniger Öl verbrennen als noch ihre Vorgängergeneration. Aber: Eine heute gekaufte Heizung läuft im besten Fall ein Vierteljahrhundert (deutsche Heizungen sind im Schnitt mehr als 17 Jahre alt) – und mit der Investition in Öl manifestiert man den energetischen Status quo. Man darf dabei natürlich nicht die wirtschaftlich und politisch starke Ölbranche unterschätzen! Deren Lobby ist mächtig und mit aller Macht bemüht, den Status quo aufrechtzuerhalten. Ein Umschwenken der Nachfrage in Richtung Erneuerbare Energien wie Sonne, Wind, Wasser – das mMn unabdinglich ist – bedeutet den Tod der Ölbranche, wie sie heute aufgestellt ist. Klar, dass sie sich gegen diese Aussicht wehrt und dabei selbst über Leichen (Stichwort: Klimawandel) geht.

Wertstoffwende – Wertstoffschätzende Strategien sind gefragt

Betrachtet man die Rohstoffe unabhängig vom fallenden Handelswert könnte es gelingen, ihren tatsächlichen Wert neu zu schätzen. Öl zum Beispiel ist ein fossiler, endlicher Rohstoff. Seine Förderung wird zunehmend aufwendiger und teurer, weil man unter immer schwierigeren Bedingungen (Off-Shore, Arktis, Ölsande) danach bohren und graben muss. Fracking-Öl ist mit enormen Bergungsrisiken für Umwelt und Natur behaftet. Das sind Kosten, die auf den aktuellen Handelspreis drauf kommen.

Wegen des billigen Öls ist auch der Sprit, also Benzin und Diesel, billig wie lange nicht mehr. Doch mit dem billigen Spritpreis nehmen wir teure Umweltzerstörung in Kauf. Und das können wir uns nicht leisten, denn der Point of no Return in Sachen Klimazerstörung ist längst nicht mehr nur vom hohen wissenschaftlichen Elfenbeinturm aus zu sehen, sondern auch von meinem Balkon – um es mal platt zu sagen.

Was also tun? Wie kann eine neue Wertschätzung der Rohstoffe wachsen? Und wie könnte man das Wachstum der Wertschätzung fördern? Umweltexperten haben dazu Ideen: Ernst Ulrich von Weizsäcker beispielsweise fordert eine Ressourcensteuer, die Anreize schaffe, um Wertstoffe effizienter zu nutzen. Demnach könne man „die Preise für Energie- und Primärressourcen künftig jährlich um einen sehr niedrigen Prozentsatz“ anheben, der sich am Fortschritt bei der Ressourcenproduktivität orientiere, zitiert das Portal klimaretter.info Weizsäcker. Dann lohnten sich die Fortentwicklung der Effizienz und der Kreislaufführung von Rohstoffen wieder viel besser, heißt es weiter. Für Unternehmen, die sich von einer reinen Abfallwirtschaft auf die Wertstoffwirtschaft umgestellt hätten, „wäre das eine großartige Nachricht“, sagt Weizsäcker.

Klaus Töpfers Idee von einer Neuauflage der Ökosteuer wird im selben Beitrag von den Klimarettern angeführt. Auch sie könne demnach falsche Signale stoppen, die der niedrige Erdölpreis für den Schutz des Klimas sende.

Und was hat das alles jetzt mit Upcycling zu tun?

Eine ganze Menge! Denn, wenn es uns gelänge, beispielsweise die derzeit echt schlechten Recyclingraten von Metallen zu erhöhen, bräuchte man nicht so viele Mengen davon neu zu Tage zu befördern. Wer also vermeintlich unnütze Metalle oder andere Rohstoffe upcycelt (im Sinne von Wertloses aufwerten), was auf der Wertschätzungsskala von Rohstoffen eindeutig besser ist als ein Recyceln (im Sinne von Wiederverwerten), der bremst den Raubbau aus. Und deshalb ist jedes kleine und leider noch oft belächelte Upcycling-Projekt von immenser Bedeutung, denn es verringert unseren Abfallhaufen und mindert die Nachfrage nach frischen Produkten.

Ich weiß! Das in die Köppe der Menschheit zu hämmern, ist schwierig. Doch wenn Produzenten von Vornherein wertschätzend auf die Rohstoffe schauen und Konsumenten eben das von ihnen erwarten, dann wäre ein mächtiger Wertewandel im Gange. Eine Wertstoffwende sozusagen. Und genau die brauchen wir. Jetzt.

Und ich lehne mich hier auch gerne etwas über meine Balkonbrüstung, um im obigen Bild zu bleiben: Ich hätte nix gegen einen teilweise politisch verordneten Wertewandel, sprich: eine Wertstoffwende per Gesetz. Per Wertstoffgesetz. Und Ihr so?

 

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