Einen neuen Namen braucht der „Müll“!

Gepostet von am 20. Okt 2015

Einen neuen Namen braucht der „Müll“!

Kaum ein Name ist so negativ besetzt wie der des Mülls. Das muss sich schleunigst ändern, wenn wir die Wertstoffe, die wir heute großteils noch achtlos als Müll wegwerfen, angemessen schätzen lernen wollen. Dass es dafür höchste Zeit ist, steht außer Frage. Für den Weg in eine Kreislaufwirtschaft, in der Wertstoffe nach Gebrauch weiter verwendet werden, ist es unumgänglich, in den Verbrauchern ein neues Bewusstsein für Müll zu wecken – und das geht nur mit einem wertschätzenden Namen.

Was verbindet ihr mit dem Wort Müll? Mein Kopf zeigt mir Bilder von überquellenden Mülltonnen und dampfenden Müllbergen, wenn ich an Müll denke. Meine Nase rümpft sich dabei ganz von selbst, weil ich weiß, wie übel solcher Müll riecht. Mein ganzes Ich sträubt sich in Abwehr und Ekel vor einer Begegnung mit Müll. Müll ist Bäh! Igittigitt! und Puh!

Schlechte Behandlung von Wertstoffen resultiert aus schlechtem Image von Müll

Die negativen Assoziationen zu Müll bestimmen mein Bewusstsein. Und daraus resultiert meine Haltung gegenüber Müll und die Art und Weise, wie ich ihn behandle: Müll kommt bei uns in einen Müllbeutel aus Plastik, der in einem Mülleimer versenkt wird. Den stilvollen (zur Küche passenden) Müllsammelbehälter habe ich mich was kosten lassen! Er sieht einfach cool aus. Nichts weist auf den ekeligen Inhalt hin. Der soll möglichst unsichtbar und unriechbar aus meiner Wahrnehmung verschwinden. Hauptsache weg damit! Aus den Augen, aus der Nase – aus dem Sinn.

Wertschätzung drücke ich mit dem Wort Müll nicht aus. Denn wertschätzen tue ich ihn leider kaum. Doch ich muss weiter ausholen, um dazu zu dokumentieren: Papiermüll sammle ich in Papiertüten, die ich hier und da im Geschäft statt einer Plastiktüte mitnehme, wenn meine in der Regel mitgebrachten Stoffbeutel nicht für den Einkauf reichen. Wertstoffe nach dem aktuellen Verständnis sammeln wir in Plastiktüten, die sich merkwürdigerweise immer ansammeln. Wertstoffe sind alle, die in die Wertstofftonne gehören, die in Hamburg bereits seit Jahren im Rahmen eines stadtweiten Pilotprojekts aufgestellt ist. Auch Essensreste, die in die Biotonne kommen, sortieren wir aus. Die aussortierten Wertstoffe schätze ich bereits, als Rohstoffe oder Sekundärrohstoffe, da ich weiß, was aus ihnen gemacht werden kann, wenn ich sie losgeworden bin. Von meinem Restmüll weiß ich nur, dass er in die Müllverbrennungsanlage kommt und dort buchstäblich in Rauch aufgeht. Wenn ich Glück habe (beruhigt mein grünes Gewissen) wird aus dem, was ich als wertlos empfinde und deshalb wegwerfe, Wärme oder Strom. Und hier liegt der Hund begraben, oder? Solange ich nicht weiß, ob aus dem Müll etwas in meinen Augen Wertvolles wird, schätze ich ihn als Wertstoff nicht.

Dem Müll ein neues Image zu verschaffen und das zu vermitteln – ist auch meine Aufgabe

Als Mutter von vier Kindern habe ich die Aufgabe, Werte zu vermitteln. Mein Jüngster sagte nach Mama das Wort Papa und schon sein drittes Wort war: Müll. Er lernte mit dem Wort Müll dessen Bedeutung. Bäh! und Igittigitt! und Puh! sind nur drei der Interjektionen, die wir, die Eltern und größeren Geschwister, ihm in Verbindung mit ausgespucktem Essen oder vollen Windeln beibrachten. Dinge, die bei uns in den Mülleimer kommen. Er hat das schnell begriffen. Bähs!, Puhs! und Igittigitts! trägt er behände in den Müll. Nicht selten trägt er auch noch Brauchbares dorthin, aber gut, ich schweife ab. Fakt ist: Die negative Besetzung des Wortes Müll haben wir unserem Kleinen erfolgreich vermittelt. Welldone!

Welldone? Wohl kaum! Denn Bewusstsein schafft man auch damit, wie man Dinge nennt. Und wenn ich ein Wort wie Müll vermittle, gebe ich dem Kind auch alle negativen Assoziationen mit auf den Lebensweg, die ich damit verbinde. Ein solches Wort aus dem Programm zu löschen – nicht vergessen: es war Juniors drittes Wort! – ist quasi unmöglich. Das hat sich eingebrannt. Bis ins Unterbewusstsein.

Was heißt das jetzt? Ist alles hoffnungslos verloren? Nein: Ich denke, wir Erwachsenen sollten schleunigst ein Konzept entwickeln, das auch dem Müll einen neuen Namen verschafft. Und das sollten wir dann nicht nur selbst verinnerlichen, sondern auch so weitergeben. Denkbar wären Begriffe wie Abfall, Wertstoff oder ganz was Neues. Aus professioneller Erfahrung als Politologin, Journalistin und Marketier plädiere ich für Letzteres. Denn eine statt jahrhundertelang bewährter negativer plötzlich positive Besetzung des Begriffs Müll käme einer Gehirnwäsche gleich – die selbst für ausgewiefte Marketiere eine Lebensaufgabe würde. So viel Zeit ist aber nicht. Schon jetzt muss ein Umdenken von Müll (wertlos) zu … (wertvoll), von Bäh! zu Ah! erfolgen.

Und deshalb fange ich damit jetzt mal an: Ich gehe also ins Kinderzimmer, wo meine Jungs, 9 und 1,5 Jahre alt mit dem Playmo-Müllauto, äh, Entsorgungsfahrzeug spielen. Der Kleine skandiert dabei genüsslich das Wort „Müll“. Zeit einzuschreiten. Ich beginne also, das Wort Abfall buchstäblich ins Spiel zu bringen. Die Mülltonne nenne ich Wertstofftonne. Den Müllmann Entsorger. Zuerst guckt mich mein Großer skeptisch an. Dann erkläre ich ihm, dass Abfall nicht wertlos ist. Und dass auch die Hamburger Müllmänner gar keine sind, sondern Entsorger. Und ich zeige ihm als Beweis mein Interview inklusive Video mit Roland Wilhelm von der Hamburger Stadtreinigung, das ich neulich hier auf dem Wertstoffblog veröffentlicht habe. Neunjährige Jungs lieben solche Beweise! Ob der Samen aufgeht? Keine Ahnung … Doch Halt, mein großer Sohn kommt gerade: „Mama, du schreibst doch für dieses Blog, also das, das nicht Müllblog heißt, aber was mit wertvollem Müll zu tun hat, wie hieß das noch gleich …?“ Wertstoffblog! Recht hat er! Ich schreibe für das Wertstoffblog, nicht das Müllblog!

Gesucht: Neuer Name für den Müll

Damit das jetzt nicht untergeht, frage ich euch zum Schluss mal direkt: Fällt euch ein Wort ein, mit dem man Abfall wertschätzend bezeichnen könnte? Dann her damit! Am besten schreibt ihr eure Wortschöpfung gleich unten ins Kommentarfeld. Ich bin gespannt!

 

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