Müll oder nicht Müll? Ein alltägliches Lehrstück

Gepostet von am 18. Jun 2015

Müll oder nicht Müll? Ein alltägliches Lehrstück

Kinder öffnen uns die erwachsenen Augen für Dinge, die wir aus vielerlei Gründen anders sehen oder übersehen. Mit vier Kindern habe ich viele Gelegenheiten, die Welt neu zu entdecken. Während der eine Moment mir einfach nur ein Lächeln beschert, wirft der andere Fragen auf, denen ich mich stelle. Hier und jetzt. Denn das ist meine Chance, Dinge zu hinterfragen, die ich – aus lieb gewordener Gewohnheit, eingeschlichener Gleichgültigkeit oder vermeintlicher Ohnmacht – bisher hingenommen habe, wie sie sind. Ohne daran zu rütteln. Auf welche Fragen und Antworten ich angesichts meiner Nr. 4, 17 Monate, komme, wenn er mal wieder Hals über Kopf in unserem Mülleimer steckt, lest Ihr hier.

Vom Lehrwert des Mülls

Die Entdeckerfreude von meiner Nr. 4 ist momentan nahezu komplett auf den orangeroten Mülleimer in unserer Küche ausgerichtet, der ihm gerade einmal bis zum Kinn reicht. Was ich sehe: Mehrmals am Tag wirft das Kind Dinge weg. Manche davon muss ich anschließend wieder aus dem Müll fischen, da sie nicht dorthin gehören. Von anderen Dingen, die aus meiner Sicht sehr wohl weg könnten, will das Kind sich partout nicht trennen. Bei dem alltäglichen Hin und Her, besser: Rein und Raus, lernt das Kind, was Müll ist und was (noch) nicht. Seine Lehrer sind wir, die Familie. Er lernt von uns, Dinge wert zu schätzen und Dinge als so wertlos zu erachten, dass wir uns von ihnen trennen.

Das ist kompliziert. Keine Frage. Nr. 4 hat große Probleme dabei, zu entscheiden, was in den Mülleimer gehört und was nicht. Wir machen ihm das aber auch nicht gerade leicht: Während der Joghurt aus dem einen Plastikbehälter in den Müll kommt, holt Mama die Keramikschale, aus dem ich den Joghurt gegessen habe, wieder heraus. Während mein großer Bruder seine Socken sonst immer in die Wäsche wirft, nachdem er sie ausgezogen hat, landen sie heute in hohem Bogen im Müll. Als ich sie dort wieder raushole und in den Wäschesack bringe, reißt Mama sie mir aus der Hand und sagt: „Nein, die kommen in den Müll!“ Was ist los mit Mama, meinem großen Bruder – und was mit den Socken?

Die Verwirrung im Gesicht meines kleinen Kindes löse ich zwar nicht auf, indem ich mit der Hand in die Socke fahre, meinen Zeigefinger durch das Loch vorne schiebe und damit die Nase des Kleinen stupse – doch ich liefere ihm zumindest einen offensichtlichen Grund dafür, dass sein älterer Bruder sich davon trennen will. Die Socken sehen anders aus als sonst. Sie haben ein Loch. Sie sind kaputt.

Schmeißen wir Müll zu schnell weg, anstelle zu reparieren?

Während ich die kaputten Socken wieder zum Müll trage, Nr. 4 ist mir dabei dicht auf den Fersen, denke ich an meine Großmutter. Das tue ich immer, wenn ich Socken wegschmeiße. Oma hat die nämlich entweder gestopft oder zu Putzlappen umfunktioniert. Das Stopfen hat sie mir sogar beigebracht, als ich mit Zwölf ein Jahr bei ihr lebte. Trotzdem habe ich noch nie irgendwelche Socken repariert, ich ersetze sie stattdessen.

Schmeißen wir Müll schneller weg, weil wir zu viel haben?

Dass das mit dem Ersetzen so einfach möglich ist, hat einen Grund: Uns geht es gut. Mein Sohn, 8, hat als ein Zeichen seines Wohlstands viele Socken im Schrank. Hätte er das nicht, müsste ich wohl oder übel zur Stopfnadel greifen, so wie Oma, die die vier Paar schwarzen Socken von Opa so über viele Jahre hegte und pflegte. Das Wegwerfen des kaputten Sockenpaares schmerzte meinen großen Sohn nicht mal. Nicht, dass ich ihm das wünschte! Doch die Trennung wäre wohl anders, wenn er weniger Socken hätte. Sie wäre emotionaler.

Schmeißen wir Müll weg, weil uns mit dem, was wir ausreichend haben, kaum noch etwas verbindet?

Was ich hier so detailliert aus dem Alltag meiner Familie schildere, ist – und das sei mit Verlaub geschrieben – ein komplexer Prozess von Entscheidung für oder wider Wertstoffe, der so oder so über Wohl und Wehe der Menschheit entscheiden wird. Jetzt schnappe ich über? Keineswegs!

Psychologen sind der „Qual der Wahl“ und den Folgen einer (zu) großen Auswahl schon länger auf der Spur. Dass die Möglichkeit, zwischen (zu) vielen Alternativen zu wählen, sich für das eine oder gegen das andere zu entscheiden, Menschen unglücklich macht, ist belegt. Warum – das bedarf noch jeder Menge Klärung. Viele Faktoren beeinflussen, wie wir uns entscheiden: Hormone, Verkaufs- und Werbestrategien, Herkunft, Familie und Gefühle.

Müll wegwerfen: Bauch und Kopf sind bei Entscheidungen im Spiel

Dass Entscheidungen nicht wie lange Zeit angenommen, rein rational gefällt werden, sondern auch mit Gefühl, ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens. Doch wie wecke ich in mir selbst und wie in den Kindern ein wertschätzendes Gefühl für die Socken, die Joghurtverpackung, die Dessertschüssel? Ich mache das, indem ich Wissen über die Dinge sammle und weitergebe. Ich erzähle von der Baumwolle, wie sie wächst, geerntet und gewaschen, gefärbt, zu Fäden gesponnen und verstrickt wird. Davon, wie Plastik gewonnen und wiederverwendet werden kann. Und davon, wie aus Ton eine Schüssel gedreht wird. Letzteres haben wir sogar mit eigenen Händen ausprobiert. Mit dem Wissen und der unmittelbaren Beschäftigung wächst eine Beziehung zu den Dingen. Die ist im Falle der selbst gemachten Tonschale sogar voller Gefühl, vor allem: Stolz. Erwünschte Nebenwirkungen: Mit dem Gefühl für die Schale und dem rationalen Wissen um ihren Nutzen wächst das Bewusstsein für den Trennungsschmerz, der auszuhalten wäre, wenn sie für immer im Müll verschwände.

Trennungsschmerz beim Müllwegwerfen?

Nun ist das Fallenlassen eines Dings in den Mülleimer, die eigentliche Trennung, eine alltägliche Sache von Bruchteilen von Sekunden. Wer nimmt sich schon die Zeit und reflektiert dabei bewusst das Für das Wegwerfen und womöglich noch das eine oder andere Wider? Auch die Entscheidung ist meist recht schnell gefallen. Und wer empfindet – wenn überhaupt – bei welchem Ding, das er wegwirft, Trennungsschmerz? Zumal wir auf der zwischenmenschlichen Ebene ja ziemlich gut mit Strategien gegen Trennungsschmerz ausgerüstet sind. Die eine oder andere davon wirkt auch bei materiellen Dingen, keine Frage. Doch das nur nebenbei.

Machen wir uns das Wegwerfen zu leicht?

Erleichternd – und in meinen Augen die Müllmisere unserer Zeit zugleich durchaus verschlimmernd – kommt hinzu, dass wir den in unserer Familie produzierten Müll nicht wirklich als Ballast empfinden. Die zumindest in den hochentwickelten Industrienationen wie der unseren komfortable Müllentsorgung tut ihr Übriges dazu: Als Verbraucher sammele und trage ich unseren Müll zur Mülltonne, fahre ihn, wenn’s hoch kommt, zur Sammelstelle oder schmeiße ihn einfach in müllschluckende Löcher meines Lebensraums. Mit dem automatischen Abbuchen der alljährlichen Betriebskosten, darunter die der Müllabfuhr, erfahre ich auch erst im Nachhinein von deren tatsächlicher Höhe. Die tut dann kaum noch weh.

Ich mache mir im Alltag kaum mehr Gedanken darum, was aus der leeren Joghurtverpackung oder den löchrigen Socken meines Sohnes wohl wird – und das geht sicher vielen Verbrauchern so. Wäre das anders, wenn wir mehr dazu wüssten? Stärker in den (hoffentlich!) Recyclingprozess eingebunden würden? Größere Teilhabe daran hätten? Ich weiß es nicht. So jedenfalls gilt für den meisten Müll wohl: Aus den Augen – aus dem Sinn, oder? Es sei denn, man ist 17 Monate alt und schätzt kaputte Socken mehr als eine Keramikschale. Dann holt man die Socken halt wieder raus aus dem Mülleimer …

 

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