Altautos – ein Wertstoffdesaster?

Gepostet von am 6. Okt 2015

Altautos – ein Wertstoffdesaster?

Während eine halbe Million der jährlich in Deutschland anfallenden Altfahrzeuge hierzulande nach Vorschrift recycelt werden, landen eine Million exportierte deutsche Gebrauchtwagen, darunter unzählige Schrottautos, früher oder später auf ausländischen Schrotthaufen und Mülldeponien. Das sind mehr als eine Million Tonnen Wertstoffe, vor allem Schwermetalle, Leichtmetalle und Buntmetalle, die so oft leider unverwertet bleiben, weil die Recyclingindustrie dort kaum entwickelt ist.

Mein Auto ist grün. Zumindest der Farbe nach, die der Hersteller übrigens „fresco grün“ nennt, liegt es damit im Farbtrend. Doch zu meiner Ehrenrettung als umweltbewusste Verbraucherin sei auch erwähnt: Wir bemühen uns als Familie mit sechs Personen nach besten Kräften, unser Auto öko-korrekt zu nutzen. Soll heißen: Alle Wege, die wir zu Fuß, per Roller, Fahrrad oder Bus & Bahn erledigen können, gehen oder fahren wir ohne Auto. Im Grunde dient uns unser Auto nur für außergewöhnliche Lasten (zu schwer oder zu sperrig für Muskelkraft, Handwagen und Buggy) oder unter widrigen Umständen (extremes Wetter, „Storchentaxi“ und ähnliche kaum zu beeinflussende Ereignisse) als Transportmittel. Nicht zu vergessen: Wir machen damit ab und an mal einen Tagesausflug und einmal im Jahr eine Reise auf unsere Lieblingsurlaubsinsel in der Ostsee.

Automobile und ihre Klimabilanz: Über den Verbrauch bisher nur einseitig bilanziert

Das Auto ist für mich ein Gebrauchsgegenstand. Als solches schätze ich es und habe ich es bisher auch ökologisch betrachtet. Für mich ist seit Langem klar, dass Automobile eine mehr schlechte als rechte Klimabilanz haben. In Sachen Kraftstoffverbrauch, CO2-Emission pro Kilometer und Lärmemission ist unser Auto wie viele andere eben nicht besonders grün. Wegen seines Schadstoffausstoßes ist es derzeit sogar in den Schlagzeilen, doch das nur nebenbei, gleichwohl das alles andere als nebensächlich ist. Kurz: Ich habe unser Auto bisher nur insofern als Umweltsünder betrachtet, als dass ich mit seinem Gebrauch der Umwelt schade.

Als ich neulich jedoch den Blogpost „Recyclingstoff Verbundwerkstoffe: Das zweite Leben von Autoreifen“ meines Bloggerkollegen Benjamin Kloiber las, sah ich mein Auto mit anderen Augen: Ich betrachtete es plötzlich als Wertstoff. Oder besser: als einen ganzen Mix aus Wertstoffen.

In der Klimabilanz für Autos fehlt die Wertstoffbilanz

So gesehen, quasi ganzheitlich, macht die Klimabilanz eines Automobils aber erst Sinn, stimmt’s? Angefangen von den Rohstoffen, aus denen es gebaut wurde, über die Art und Weise seiner Fertigung, über seinen Gebrauch inklusive feinster Umwelttechnik, die ich wertschätze, bis hin zu den Möglichkeiten seiner Entsorgung (seines hoffentlich mehr Recycelns als Verschrottens!) – all diese Aspekte müssen in eine Umweltbilanz einfließen. In aktuellen Bestenlisten wie dieser hier, die ich willkürlich mit dem Internetz gefischt habe, kommen viele der genannten Aspekte jedoch nicht nur zu kurz, sie werden offensichtlich gar nicht berücksichtigt. Rohstoffe, Fertigung und Entsorgung der Wertstoffe bleiben komplett außen vor. Dem sich an einer solchen Bestenliste orientieren wollenden Verbraucher hilft eine solch einseitige Klimabilanz beim Kauf eines Autos allerdings nicht. Ist es an der Zeit, die Klimabilanzen für Autos neu zu schreiben?

Ausgewogene Klimabilanz: Vom Rohstoff bis hin zum recycelten Wertstoff

Wie kommt es, dass die Klimabilanz von Autos so unausgewogen aufgestellt wird? Die Umweltverträglichkeit für Autos ist in Europa längst wichtiger Teil der Produktverantwortung, die laut Gesetz der Hersteller trägt. Mehr dazu könnt ihr in meinen diesbezüglichen Beiträgen hier und hier auf dem Blog lesen. Tragen die Hersteller ihre Verantwortung demnach nicht verantwortungsbewusst? Konzentrieren sie sich auf den einen Aspekt (umweltfreundlicher ge- und Verbrauch) mehr als auf die anderen? Wie viel Wert legen die Hersteller auf die Produktion recycelfähiger Fahrzeuge?

Ein von der Tageszeitung Die Welt online nicht namentlich genannter Automanager sagte demnach noch im Dezember 2014: „Unser Fokus liegt eher auf guten Umweltdaten bei der Produktion und geringeren Verbrauchswerten bei den Autos selbst, als auf Materialien, die optimal zu verwerten sind.“

Das gibt einem zu denken, oder? Ich habe weiter recherchiert und folgende Zahlen und Fakten zusammengetragen, um insbesondere die Entsorgung von Altautos hierzulande zu beleuchten.

Deutschlands Autos – die Zahlen

Am 1. Januar dieses Jahres bestand der deutsche registrierte Fuhrpark laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) aus 62,4 Millionen Fahrzeugen, darunter 53,7 Millionen Kfz, von denen wiederum 44,4 Millionen Pkw waren. Das Durchschnittsalter der Fahrzeuge betrug neun Jahre.

Deutschlands Altautos – die Zahlen

In Deutschland fallen laut Umweltbundesamt (UBA) pro Jahr rund eine halbe Million Pkw und leichte Nutzfahrzeuge als sogenannte Altfahrzeuge an. 2010 waren es demnach 500.193. Diese halbe Million Altfahrzeuge werden hierzulande ordnungsgemäß entsorgt.

Autoverwertung nach Vorschrift

Die europäische Altfahrzeugrichtlinie 2000/53/EG ist der gesetzliche Rahmen für die Verwertung alter Autos. In Deutschland wurde sie im Jahr 2002 mit der Altfahrzeugverordnung umgesetzt. Wichtig: Die Verordnung gilt nur für Personenkraftwagen (Fahrzeugklasse M1), leichte Nutzfahrzeuge (N1) und dreirädrige Kraftfahrzeuge (ohne dreirädrige Krafträder).

Laut UBA verpflichtet die Verordnung die Hersteller der Fahrzeuge im Rahmen der Produktverantwortung „unter anderem zur kostenlosen Rücknahme der Altfahrzeuge über ein flächendeckendes Netz“. Darüber hinaus begrenze sie den Einsatz der Schwermetalle Quecksilber, Cadmium, Blei sowie sechswertigem Chroms in Fahrzeugen. Die Verordnung gebe Verwertungsquoten vor und stelle technische Anforderungen an die Altfahrzeugbehandlung. So dürfe die Demontage und Behandlung nur durch Betriebe erfolgen, die nach Altfahrzeugverordnung zertifiziert seien. Eine vollständige Liste aller anerkannten Betriebe fände man demnach auf der Internetseite der „Gemeinsamen Stelle Altfahrzeuge“.

Vorgeschrieben: Seit 2015 gilt eine Verwertungsquote für Altautos von 95 Prozent

Seit Jahresbeginn müssen 95 Prozent des durchschnittlichen Gewichts des Altfahrzeugs wiederverwendet werden, einschließlich energetischer Verwertung, nur 5 Prozent Restmüll dürfen anfallen. Die folgende Grafik dokumentiert die Verteilung der einzelnen Werkstoffe in einem Mittelklassewagen:

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Gut zu wissen: Ein VW bestehe zu drei Vierteln aus Metall, schreibt Die Welt – im bereits zitierten Bericht –, unter anderem sei das wegen der Sicherheit so. Ähnlich gelte dieses Werkstoffverhältnis für alle Pkw. 25 Kilo Kupfer steckten demnach in einem Durchschnitts-Mittelklassewagen, verbaut in etwa tausend Kabeln, die ungefähr einen Kilometer Gesamtlänge ergäben, heißt es in der Zeitung weiter.

Zweistufige Entsorgung von Altautos – die Fakten

Während die Entsorgung des Hausmülls hierzulande genau geregelt ist, ist es die Verschrottung von Altfahrzeugen nicht. Wird ein Auto aus dem Verkehr gezogen, ist es zum Beispiel irreparabel kaputt oder seine Reparatur ist unwirtschaftlich. Verkehrsunsichere Gefährte nehmen in der Regel die Autoverwertungsbetriebe (auch Demontagebetriebe) an, die dazu aber nicht verpflichtet sind. Und auch wenn die Hersteller – wie geschrieben – zur kostenlosen Rücknahme ihrer Fahrzeuge verpflichtet sind, kann ein Demontagebetrieb eine Annahmegebühr verlangen oder dem Halter etwas für sein Schrottauto geben. Als Verbraucher kann man also nur den Hersteller selbst in die Rücknahmepflicht nehmen.

In den nach UBA-Angaben etwa 1.300 zertifizierten Demontagebetrieben hierzulande legen die Fachkräfte die Schrottautos zunächst buchstäblich trocken: Motoröl, Kältemittel und Bremsflüssigkeit werden abgelassen. Bauteile, die giftige Schadstoffe enthalten, zum Beispiel die Starterbatterie mit der Batterieflüssigkeit, sowie noch als Ersatzteile zu verwendende Bauteile wie Motor, Getriebe, Lichtmaschine, Achsteile und auch Reifen und Katalysator werden demontiert. Der Rest der Karosserie landet im Schredder (Schredderanlage, auch Hammermühle genannt). 65 Schredderbetriebe gäbe es in Deutschland, schreibt Wikipedia.

Im entstehenden Schredderschrott stecken Eisen, Stahl und Buntmetalle. Man unterscheidet in eine sogenannte Schredderschwerfraktion (schwerer Schredder mit magnetischen Metallen: Aluminium und Eisen) und eine Schredderleichtfraktion (Schredderrückstände und Reststoffe wie Kunststoff, die entsorgt werden müssen). Die Schredderschwerfraktion wird laut UBA (teilweise aufbereitet)  an Metallhütten verkauft, wo man den Schrott einschmilzt, um die Metalle daraus zu recyceln.

Wer Details zum deutschen Schrotthaufen aus alten Autos erfahren möchte, zum Beispiel, welche fünf Automarken den Großteil dessen ausmachen, der kann sich hier entsprechende Grafiken anschauen.

Eine Million Altfahrzeuge werden exportiert!

Als umweltbewusster Verbraucher könnte ich mich an dieser Stelle zurücklehnen und befreit aufatmen: Zumindest die Wiederverwertung von Altfahrzeugen scheint in Deutschland organisiert und nach neustem Stand der Recycling-Technik umgesetzt zu werden. Es klingt fast schon ein bisschen nach Kreislaufwirtschaft, oder?

Doch dann lese ich, dass wir jedes Jahr zu den genannten mehr als 500.000 Altfahrzeugen eine Million weitere Gebraucht- und Altfahrzeuge aus dem Verkehr nehmen und – jetzt kommt’s – an der deutschen Wiederverwertungsmaschinerie vorbei ins Ausland exportieren. Laut UBA gehe „der überwiegende Teil dieser Fahrzeuge … in Länder der EU. Die wichtigsten Zielländer außerhalb der EU sind Westafrika und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Ein Teil der Fahrzeuge ist noch gut erhalten, ein Teil jedoch in eher schlechtem Zustand.“ Leider gibt es demnach nur Leitlinien (Anlaufstellen-Leitlinien Nummer neun zur Verbringung von Altfahrzeugen) ohne Rechtsverbindlichkeit für die Vollzugsbehörden, die den Export kontrollieren und unterbinden möchten, „dass Altfahrzeuge – als Gebrauchtwagen getarnt – in andere Länder (vor allem außerhalb der EU) exportiert und dort dann unsachgemäß entsorgt werden. Denn bei nicht fachgerechter Demontage und Verschrottung bestehen Gefahren für die Gesundheit und die Umwelt. Darüber hinaus gehen dabei wertvolle Rohstoffe verloren“, schreibt das UBA.

Also Leute, ich sehe in mehr als einer Million Altfahrzeugen, sprich: in mehr als einer Million Tonnen nicht recyceltem Schrott, ein hausgemachtes Wertstoffdesaster. Und ihr?

 

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