Historie XI: 25 Jahre DSD – besonders, aber nicht einzigartig

Gepostet von am 11. Mrz 2016

Historie XI: 25 Jahre DSD – besonders, aber nicht einzigartig

Eine zweifelhafte Erfolgsgeschichte

Im Jahr 1990 wurde das „Duales System Deutschland“ (DSD) als Non-Profit-Unternehmen von Firmen aus Industrie und Gewerbe gegründet. Der Grund: Die neue Verpackungsverordnung. Diese verpflichtete die Hersteller von Verpackungen, diese entweder zurückzunehmen oder deren Abholung und Recycling zu organisieren.

Finanziert hat sich DSD durch Gebühren. Jene Hersteller, die die Abholung und das Recycling ihrer Verpackungen von DSD organisiert haben wollten, mussten Lizenzgebühren zahlen. Dafür durften sie auf ihren Verpackungen den berühmten Grünen Punkt abbilden, der als Eintrittskarte in die gelbe Tonne fungierte.

Kritik und drohender Bankrott

DSD ist nicht jene Erfolgsgeschichte, welche die Nutznießer immer propagierten. In den 1990er-Jahren gab es Schlagzeilen, dass DSD Abfälle illegal nach Afrika und Asien exportierte. Zudem landeten viele Verpackungen nicht – wie vorgesehen – in der gelben Tonne. Dieses Problem hat bis heute Bestand. Viele Menschen tun sich schwer mit diesem System.

Obwohl DSD ein Monopol hatte, gelang es ihr lange Zeit nicht, schwarze Zahlen zu schreiben. Das Unternehmen musste mehrmals vor dem Bankrott bewahrt werden. Sowohl die Hersteller als auch Entsorgungsunternehmen, die von Aufträgen von DSD lebten, gaben Finanzspritzen.

Der Wettbewerb war geboren

Nach Urteilen des Bundeskartellamts und der EU-Kommission in den frühen 2000er-Jahren, fiel das Monopol von DSD. Der Wettbewerb war geboren – und mit ihm, die Hoffnung auf sinkende Preise. Der frühere Monopolist wurde an einen Investor verkauft und sollte zu einem gewinnträchtigen Unternehmen umstrukturiert werden. Unterdessen nisteten sich immer mehr Konkurrenten im Markt ein, die die Anteile von DSD zum Schmelzen brachten. Mittlerweile hat der einstige Monopolist neun Mitbewerber.

Der Kampf um Recyclingrohstoffe

In den letzten Jahren haben Kenner des Dualen Systems, wie der ehemalige DSD-Chef Stefan Schreiter erkannt, dass in naher Zukunft nicht mehr die Einhebung von Lizenzgebühren die große Einnahmequelle sein wird – sondern das rasant wachsende Recyclinggeschäft. In diesem Sinne ist auch der Zwist um das neue Wertstoffgesetz zu verstehen. Laut Entwurf sollen nämlich nicht nur Verpackungen, sondern auch stoffgleiche Nichtverpackungen – und damit mehr Wertstoffe – in den gelben Tonnen entsorgt werden. Aus dem Problem der frühen 1990er-Jahre – den stark zunehmenden Verpackungsabfällen – ist 25 Jahre später ein Kampf um Recyclingrohstoffe entstanden. Zwischen Dualen Systemen und Kommunen.

Kommentar: Zwei Länder, ein System, zwei Erfahrungen

Verfechter des Dualen Systems nehmen gerne Superlative in den Mund. Mitunter ist von einer einzigartigen Erfolgsgeschichte die Rede. Erfolge hatte das System. Das kann man DSD nicht absprechen. Aber das heißt nicht, dass ein anderes System, das auf die Produktverantwortung baut, nicht ebenso Erfolg gehabt hätte.

Eines möchte ich als Österreicher „der Erfolgsgeschichte“ jedoch absprechen: Sie ist nicht einzigartig. In Österreich wurde sie kopiert. Auch dort gab es in den 1990ern eine Verpackungsverordnung – nur drei Jahre später als in Deutschland. Und wie in Deutschland gründeten Hersteller ein Non-Profit-Unternehmen, das die Abholung und das Recycling von Verpackungsabfällen organisiert. Statt DSD heißt es ARA (Altstoff Recycling Austria). Einen Punkt haben wir auch. Nur ist dieser nicht grün. Und seit 2015 sind neben ARA mehrere Anbieter zugelassen. Bisher alles recht ähnlich.

Aber einen eklatanten Unterschied gibt es zwischen Österreich und Deutschland. In Österreich funktioniert das System über weite Strecken. In Deutschland steht das Duale System seit 25 Jahren dauerhaft unter Kritik. Das blieb ARA erspart. Weder von Beinahepleiten, noch von illegalen Müllexporten war zu lesen. Seit jeher klagte DSD über Trittbrettfahrer. Das sind Hersteller, die ihre Verpackungen nicht lizenzieren, deren Verpackungen aber dennoch in der gelben Tonne landen. Es gab sie in den 1990ern und in den 2000er-Jahren. Aber in Österreich ist das aufgrund von Kontrollen so gut wie kein Problem.

Aber wie können sich zwei Systeme, die sich auf den ersten Blick so ähnlich entwickelt haben, so stark in ihrer Wirkung unterscheiden? Eine Theorie ist, dass die vielen Skandale in den 1990er-Jahren DSD dauerhaft befleckt haben. Und auch, dass Trittbrettfahrer über 25 Jahre hinweg ein Problem darstellen, zeugt von mangelndem Vertrauen in das System.

Das Thema Abfallentsorgung und -recycling war und ist stark geprägt von Interessen, die mit dem eigentlichen Problem nur bedingt zu tun haben. So auch in der aktuellen Diskussion um ein Wertstoffgesetz. Hier prallen zwei Fronten aufeinander. Kommunen und Private kämpfen um Recyclingrohstoffe. Aber die Argumente beider Seiten haben mit der eigentlichen Intention des Wertstoffgesetzes sowie der ersten Verpackungsverordnung vor 25 Jahren nur noch wenig zu tun: Die Vermeidung von Verpackungsabfällen und eine bessere Wertstofferfassung.

 

Alle Artikel zum Thema Grüner Punkte – Duales System im Überblick:

DSD HISTORIE X: DIE KRITIK AM SYSTEM WIRD LAUTER – ALLE WOLLEN AN DEN RECYCLINGROHSTOFFEN VERDIENEN

DSD HISTORIE IX: FEST IN HÄNDEN DER FINANZINVESTOREN

DUALES SYSTEM DEUTSCHLAND – HISTORIE VIII: FINANZINVESTOREN DER ENTSORGUNGSBRANCHE

DUALES SYSTEM DEUTSCHLAND – HISTORIE VII: DAS NACHSPIEL DER JUSTIZ

HISTORIE VI – DUALES SYSTEM: MITBEWERBER HOLEN AUF – LANDBELL ERHÄLT ZULASSUNG

HISTORIE V: DUALES SYSTEM – GRÜNER PUNKT ZUM SCHADEN DER VERBRAUCHER VERRAMSCHT?

HISTORIE IV: DUALES SYSTEM DEUTSCHLAND – FINANZINVESTOR KKR KOMMT AN BORD

HISTORIE III: DSD / GRÜNER PUNKT – DIE KARTELLSTRAFE

HISTORIE II: DUALES SYSTEM DEUTSCHLAND – DIE EU-KOMMISSION UND DAS MONOPOL

HISTORIE I: DUALES SYSTEM DEUTSCHLAND – DIE NEUNZIGER-JAHRE IM MONOPOL

 

Quellen:

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/3804602/ARA-verliert-ab-2015-Monopol-beim-Mullberg

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