Historie V: Duales System – Grüner Punkt zum Schaden der Verbraucher verramscht?

Gepostet von am 17. Nov 2015

Historie V: Duales System – Grüner Punkt zum Schaden der Verbraucher verramscht?

„DSD-Verkauf um 260 Millionen Euro?“

„Ich bin sicher, dass die DSD AG aus der Transaktion gestärkt hervorgehen wird.“

Diese Worte sprach der ehemalige DSD-Vorstandschef Hans-Peter Repnik im November 2004. Kurz davor hatten Vorstand und Aufsichtsrat einstimmig dafür gestimmt, das Duale System Deutschland (DSD) an den Investor Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) zu verkaufen. 75 Prozent der Unternehmensanteile wechselten um rund 260 Millionen Euro ihren Besitzer. Dieses Geld floss an die bisherigen Anteilseigner und war rund 180-mal so viel, wie diese bei der Unternehmensgründung Anfang der 1990er-Jahre einbezahlt hatten.

KKR hatte vor, DSD nach drei bis fünf Jahren als umstrukturiertes, gestärktes und ertragreiches Unternehmen an die Börse zu bringen. Die bisherigen Anteilseigner bekamen Geld. Zur gleichen Zeit beschloss DSD Preissenkungen in Millionenhöhe für ihre über 18.000 Kunden. Und die Forderung des Bundeskartellamts – DSD sollte sich dem Kapitalmarkt öffnen – wurde ebenfalls erfüllt. Das Kartell war gefallen – und alle waren glücklich. Es wurde ein Bild gezeichnet, mit vielen Siegen und keinen Verlierern. Doch dieses Bild blieb nicht lange ohne Kratzer.

Wurde DSD/Grüner Punkt verramscht?

Bereits im Dezember 2004 kritisierte die ehemalige NRW-Verbraucherministerin und nunmehrige Bundestagsabgeordnete Bärbel Höhn den Verkauf von DSD. Sie stieß sich an den Rücklagen des Unternehmens von rund 840 Millionen Euro. Diese dürfe ein Non-Profit-Unternehmen „eigentlich gar nicht besitzen“. Diese großen Rücklagen verdankte DSD den Lizenzgebühren, die in der Praxis freilich vom Verbraucher, vom Bürger bezahlt wurden.

Ende 2006 wurden Kritik und Zweifel am rechtmäßigen Ablauf des Verkaufs an KKR lauter. Auf einmal war zu hören, die DSD wurde geradezu verramscht. Aber alles der Reihe nach. Die DSD GmbH war ein von vielen Gewerbe- und Industriefirmen gegründetes Non-Profit-Unternehmen, das die Entsorgung und die Wiederverwertung von Abfällen organisierte. Finanziert wurde das Ganze durch Lizenzgebühren. Diese mussten die Hersteller berappen, um den Grünen Punkt auf ihren Produkten abdrucken zu dürfen und am Entsorgungssystem teilnehmen zu können. Die Lizenzgebühren wiederum wurden vom Verbraucher finanziert, da die Produkte mit Grünem Punkt entsprechend teurer wurden.

Verkauf auffällig rasch abgewickelt

Das Unternehmen, das als Non-Profit-Firma gegründet wurde und somit nichts an den Kunden verdienen sollte, hatte zum Zeitpunkt des Verkaufs an KKR rund 840 Millionen an Rücklagen in der Kasse. Somit war DSD in Theorie ein begehrtes Kaufobjekt. Warum also wurde gar so rasch verkauft, und warum ausgerechnet an KKR?

Die Manager von KKR und von DSD einigten sich am 28. Oktober 2004 auf den Verkauf. Gerade einmal 53 Minuten lang musste verhandelt werden. Die Kaufsumme von 260 Millionen Euro entsprach genau dem Wert, den die DSD-Wirtschaftsprüfer empfohlen hatten. Obwohl der Investor Englefield Capital für den 13. Dezember ein schriftliches Kaufangebot angekündigt hatte, war der Deal zwischen DSD und KKR ab 30. November eine endgültig beschlossene Sache. Ein anderer Käufer kam für die Firmenführung wohl nicht infrage. „Wir haben das für eines der besten Geschäfte unserer Firmengeschichte gehalten“, blickte ein Gesellschafter eines ehemaligen Anteilseigners von DSD zwei Jahre später zurück.

Zweifel an den Zahlen

Das war einmal. Denn zwei Jahre nach dem Verkauf, im Herbst 2006, wurden Ertragswerte von DSD veröffentlicht, auf Grundlage derer das Unternehmen nun einen Wert von 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro hatte. Das war mehr als fünfmal so viel, als KKR für den Kauf bezahlt hatte. Viele ehemalige Anteilseigner fühlten sich nun um Geld betrogen. Wie kam es zu dieser argen Divergenz? Ein Gutachten hatte den Wert von DSD doch auf 260 Millionen Euro geschätzt. Klar ist, dass der Wirtschaftsprüfer und Ersteller des Gutachtens, PricewaterhouseCoopers (PwC), auch unter dem neuen Besitzer für DSD aktiv tätig war. KKR beauftragte üblicherweise Deloitte – DSD vertraute aber weiterhin auf PwC. Das Gutachten erwies sich für das Wirtschaftsprüfungsunternehmen also nicht als Nachteil.

Außerdem war auffällig, dass nach der Übernahme durch KKR die Rücklagen stark abgebaut wurden. Die Rückstellungen dienten laut Angaben des DSD-Vorstands zur Absicherung im Falle einer Pleite. Dieser Logik zufolge, war das Risiko einer Pleite für DSD als Monopolist und Kartell mit vielen mächtigen und finanzstarken Anteilseignern höher, als im Besitz eines Investors. Wie dem auch sei: Das Geld floss nun jedenfalls als Gewinn in die Firmenkasse. Der Erlös im Jahr 2005 war weitaus höher, als erwartet. Dies machte nicht nur Presse und ehemalige Anteilseigner stutzig, sondern auch die Politik, welche drohte, die Staatsanwaltschaft zu bitten, den Verkauf genau unter die Lupe zu nehmen.

 

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Quellen:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-38546656.html

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/uebernahme-durch-kkr-duales-system-kuenftig-profitorientiert/2444424.html

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/gruener-punkt-betreiber-duales-system-entsorgt-und-verramscht/2739458.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-38201310.html

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