Wie selbstlernende Recyclingquoten die Dynamik der Abfallwirtschaft verändern können

Gepostet von am 8. Sep 2015

Wie selbstlernende Recyclingquoten die Dynamik der Abfallwirtschaft verändern können

Selbstlernende Recyclingquoten sind beweglich statt fix und anspruchsvoll statt anspruchslos – um nur einige der Attribute zu nennen, die ihnen per Definition zugeschrieben werden. Sie sollen als Alternative zu den aktuellen, statischen Quoten eingeführt werden, um eine neue Dynamik in die Abfallwirtschaft zu bringen. Wie das gehen soll, steht hier.

Die aktuelle Abfallwirtschaft in Deutschland lässt sich gut mit dem Begriff „Beseitigungssystem“ beschreiben. Denn es gilt vor allem, den von jedem von uns fabrizierten Abfall (Siedlungsabfall) sowie den von Industrie, Landwirtschaft und Gewerbe möglichst ökonomisch und ökologisch zu beseitigen. 456 Kilogramm pro Kopf kamen hierzulande im Jahr 2012 an Haushaltsabfällen zusammen, ohne Elektro-Altgeräte. Wer mehr dazu wissen will: Das Umweltbundesamt (UBA) hat das deutsche Abfallaufkommen und mehr in einer Grafik anschaulich aufbereitet – hier geht’s zu dem interaktiven Angebot.

Doch zurück zum deutschen Müllbeseitigungssystem: Wir haben verschiedene sogenannte Entsorgungspfade, darunter die Wiederverwertung (Recycling). Das Recycling setzt selbstverständlich ein Erfassen von Wertstoffen voraus. Daran wird seit Jahren gearbeitet, die gelbe Wertstofftonne, die demnächst flächendeckend in der Bundesrepublik aufgestellt sein soll, ist eine Möglichkeit der stoffgleichen Erfassung von Wertstoffen.

Status Quo deutscher Abfallströme: Recycling-Quoten ausgewählter Wertstoffe – diktierte & erreichte

Die Abfallströme einiger Wertstoffe sind gut dokumentiert, während es bei anderen kaum Zahlen gibt, zum Beispiel bei Bildschirmen & Co. Hier kommen Beispiele für deutsche Abfallströme, die zugleich Recyclingbelege liefern:

  • 2014 verbrauchte jeder Deutsche 251 Kilogramm Papier (macht laut UBA 20,4 Millionen Tonnen), davon sammelten private und kommunale Entsorger 15,1 Millionen Tonnen (Altpapierrücklaufquote: rund 74 Prozent), die zur Papiererzeugung benutzt wurden.
  • Von den 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsabfällen gingen 70,5 Prozent im Jahr 2012 ins Recycling, mehr als 25 Prozent in die vor allem energetische Verwertung (Verbrennung).
  • 42 Prozent der 2013 gesammelten Kunststoffabfälle wurden werkstofflich recycelt. 57 Prozent in Müllverbrennungsanlagen oder Ersatzbrennstoffkraftwerken energetisch verwertet.
  • 2013 wurden in Deutschland 7,347 Millionen Tonnen Glas hergestellt, darunter Behälterglas, Flachglas, Spezialglas und Glaswolle. Die folgenden Recyclingraten stammen aus früheren Jahren: Im Jahr 2008 haben Glashersteller in Glaswannen durchschnittlich 62,7 Prozent Scherben eingesetzt. Im Jahr 2006 sind es bei der Produktion von Braunglas im Schnitt 40 Prozent Altglas gewesen, bei Weißglas 57 Prozent und bei Grünglas 63 Prozent Die Spitzenwerte liegen bei einzelnen Schmelzwannen bei rund 70 Prozent (Weißglas und Braunglas) oder etwa 90 Prozent (Grünglas).
  • Für Elektroaltgeräte aus privaten Haushalten legte die EU 2002 ein Sammelziel fest: Es sind mindestens vier Kilogramm an Altgeräten je Einwohner und Jahr zu erfassen. Die EU schreibt auch vor, dass die Wiederverwendung ganzer Geräte ihrer Verwertung vorzuziehen sei. Für alle nicht wiederverwendeten Geräte müssen laut UBA je nach Gerätekategorie Verwertungsquoten zwischen 70 und 80 und Recyclingquoten zwischen 50 und 80 Prozent erreicht werden. Deutschland hält diese Quoten demnach für die bislang erhobenen Zeiträume sicher ein. In den Jahren 2006 bis 2012 haben kommunale Sammelstellen, Hersteller und Händler jährlich im Schnitt acht Kilogramm Elektroaltgeräte aus privaten Haushalten pro Einwohner zurückgenommen.
  • Aus den 15 Millionen Tonnen Bioabfall, die 2012 biologisch behandelt wurden, erzeugte man laut Statistischem Bundesamt: 2,3 Millionen Tonnen Bioabfallkompost, 2,4 Millionen Tonnen Grünabfallkompost, 4,9 Millionen Tonnen Gärreste und 0,6 Millionen Tonnen Klärschlammkomposte. 60 Prozent allen Komposts sowie fast alle Gärreste wurden als Dünger verwendet – und ersetzten so oft Kunstdünger.

Was würden selbstlernende Recyclingquoten am derzeitigen System ändern?

Peter Meiwald, Sprecher für Umweltpolitik von Bündnis 90/Die Grünen forderte in seiner Rede vor dem Bundestag am 21. Mai 2015: „Die gesetzlichen Recyclingquoten müssen dringend sehr deutlich angehoben werden. … Wir brauchen selbstlernende Quoten, die sich automatisch anpassen, wenn sich die Recyclingtechnik verbessert. Dadurch werden Innovationen in der Abfallwirtschaft unterstützt. Vielleicht wird Deutschland dann auch mal wieder Vorreiter. Dabei kommt es natürlich nicht nur darauf an, möglichst viel zu recyceln, sondern auch möglichst gut, das heißt, qualitativ sinnvoll zu recyceln und nicht downzucyceln.“

Noch konkreter hatten er und weitere Abgeordnete in ihrem Entschließungsantrag zur „Sechsten Verordnung zur Änderung der Verpackungsverordnung“ vom 19. März 2014 geschrieben: „Zukünftige Ziele für das Recycling von Verpackungen sollen sich am Stand der Technik orientieren. Hierfür müssen selbstlernende Quoten eingeführt werden, welche sich an den Ergebnissen der drei besten Entsorger am Markt orientieren und somit jährlich aktualisiert werden (Einführung eines Top-Runner-Mechanismus für Recyclingquoten).“

Eine Recyclingquote, die jährlich aktualisiert werden würde, brächte ihre systemimmanente Dynamik in das heutige eher statisch denn dynamisch funktionierende Abfallsystem. Sie würde einen Wettbewerb bewirken, der wiederum Anstoß für Innovationen sein könnte. Wobei es nicht nur um Abfallbeseitigung ginge, sondern auch um die Planung und Fertigung recycelfähiger Produkte, die der Verantwortung des Herstellers unterlägen. Sobald neue Technik das Erreichen der Quote zu einem Kinderspiel machen würde, würde eine selbstlernende Quote genau diese Technik berücksichtigen, und die Messlatte, sprich: Quote könnte erhöht werden.

Ein Ausruhen auf zudem veralteten oder rein theoretischen Quoten gäbe es nicht, wenn diese alljährlich aus den Ergebnissen der Marktbesten generiert werden würden. Die Marktführer gäben vor, was in Sachen Quantität und Qualität an Recycling möglich wäre. Kleine wie große Recycler bekämen echte unternehmerische Chancen. Dem Wettbewerb zuwiderlaufende Marktabsprachen (Stichwort: Kartell), die die Quoten vorsätzlich niedrig halten oder innovatives Recycling be- beziehungsweise verhindern, hätten es schwerer. Dafür würde schon allein die Transparenz sorgen, die selbstlernende Quoten mit sich brächten. Für mich als Verbraucher würden Wertstoffströme so offen gelegt – und ich wüsste, wohin der von mir sortierte und gesammelte Abfall käme. Diese Erkenntnisse könnten mich wiederum dazu bewegen, meinen Abfall noch ökologischer zu händeln.

Denn nicht vergessen: „Zehn konkurrierende duale Systeme finanzieren vor allem ihre eigene Struktur, mit Systemkosten von mehr als 100 Millionen Euro im Jahr. Die Kunden zahlen dafür. Die einstmals angedachten Innovationsanreize für das Produktdesign im Rahmen des Konzepts der Produktverantwortung sind längst nicht mehr wahrnehmbar. Das einstmals gut gedachte Konzept der geteilten Verantwortung in der Wertstoffsammlung ist nicht die Antwort auf die Herausforderungen des Ressourcenschutzes in Gegenwart und Zukunft, weil es ineffizient ist und sich an einer Vermeidung von Lizenzentgelten orientiert. Daran haben auch die sieben Novellen zur Verpackungsverordnung im Kern nichts ändern können. Duale Systeme sind kein schützenswertes Kulturgut“, sagte Peter Meiwald in seiner oben erwähnten Bundestagsrede einleitend.

 

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