Wie beeinflussen Rohstoffpreise einzelne Volkswirtschaften?

Gepostet von am 1. Aug 2017

Wie beeinflussen Rohstoffpreise einzelne Volkswirtschaften?

Rohstoffe, Rohstoffpreise, Rohstoffhandel, Rohstoffmarkt (Teil 4)

In Teil 4 meiner Serie zu Rohstoffen will ich darstellen, wie Rohstoffpreise einzelne Volkswirtschaften beeinflussen.

Grundsätzlich sei es so, dass viele Staaten in hohem Maße von ihren Rohstoffexporten und damit von der Entwicklung der Rohstoffpreise abhängig seien, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Daher lohne sich an dieser Stelle zunächst noch einmal der Blick auf die Grafik zur Rohstoffpreisentwicklung, die ich euch schon im ersten Teil der Serie gezeigt habe:

Demnach seien die realen Preise für die Rohstoffe für Nahrungs- und Genussmittel sowie für Industrierohstoffe seit Mitte der 1970er-Jahre insgesamt gesunken. Ihren historischen Tiefststand hätten die Preise in den Jahren 2001/02 erreicht.

Bis 2011 hätten sich die realen Preise der Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe um das 2,5-Fache und die der Industrierohstoffe um das Dreifache erhöht. Seit 2011 würden die Preise wieder sinken: Bis 2015 seien die realen Preise für Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe um 37,7 Prozent zurückgegangen. Bei den Industrierohstoffen hätten sich die Preise zwischen 2011 und 2015 mehr als halbiert. Die Preise für Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe lägen damit in etwa auf dem Niveau des Jahres 2007, die Preise der Industrierohstoffe auf dem Niveau von 2004.

Das müsse man im Hinterkopf haben, um die folgenden Aussagen im Zusammenhang betrachten zu können.

Laut BPB hätten die Rohstoffpreise eine große Bedeutung für viele ökonomisch sich entwickelnde Staaten, da die Rohstoffexporte

  • einen positiven Beitrag zur Handelsbilanz (siehe unten) leisten
  • beziehungsweise einen nennenswerten Teil zu den privaten und öffentlichen Einnahmen beitragen

würden. Außerdem würden dank der Rohstoffexporte Devisen eingenommen.

Wirkung der Rohstoffpreise auf Staaten, die stark von Rohstoffexporten abhängen

Die Abhängigkeit von Rohstoffexporten und damit von den Rohstoffpreisen reiche laut der BPB zum Teil sehr weit: Nach Angaben der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) sei der Anteil eigener Agrarexporte an eigenen Gesamtexporten von 2011 bis 2013 im Schnitt bei 22 Staaten/Regionen höher als 45 Prozent gewesen (ausschließlich Staaten, deren Anteil an den weltweiten Agrarexporten bei mehr als 0,01 Prozent gelegen habe). Im selben Zeitraum hätte bei 15 Staaten der Anteil des eigenen Exports von Mineralen und Minenprodukten an den eigenen Gesamtexporten bei mehr als 50 Prozent gelegen (ausschließlich Staaten, deren Anteil an den weltweiten Exporten von Mineralen und Minenprodukten bei mehr als 0,01 Prozent gelegen habe). Alle 37 Staaten seien ökonomisch sich entwickelnde Staaten oder gehörten zur Region Süd-Osteuropa/GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten).*

Bei Staaten, die sehr stark von Rohstoffexporten abhängig seien, könne die Preisentwicklung der Rohstoffe

  • zu gesamtwirtschaftlicher Stabilisierung,
  • aber auch zu fehlenden Einnahmen
  • und gegebenenfalls steigender Verschuldung führen.

Wie an der Grafik oben bereits gezeigt, seien die realen Preise für Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe sowie für Industrierohstoffe seit Mitte der 1970er-Jahre insgesamt gesunken, bis sie in 2001/02 ihren historischen Tiefststand erreichten. Bis 2011 hätten sich die realen Preise (bezogen auf den USA-Lebenshaltungsindex) der Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe jedoch verzweieinhalbfacht und die der Industrierohstoffe sogar verdreifacht: plus 152 Prozent seit 2001 bzw. plus 206 Prozent seit 2002. Trotz dieser Preissteigerung hätte das Preisniveau der Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe im Jahr 2011 noch 62,4 Prozent unter dem Maximalwert des Jahres 1974 gelegen. Und auch der reale Preis für Industrierohstoffe sei 2011 noch 9,3 Prozent unter dem Wert von 1974 gewesen.

Zwischen 2011 und 2015 seien die realen Preise für Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe um 37,7 Prozent gesunken. Bei den Industrierohstoffen hätten sich die Preise im selben Zeitraum mehr als halbiert (minus 52,3 Prozent). Die Preise für Nahrungs- und Genussmittelrohstoffe hätten damit in etwa auf dem Niveau des Jahres 2007 gelegen, die Preise der Industrierohstoffe auf dem Niveau des Jahres 2004.

Problematisch an den aufgezeigten Preisentwicklungen der Vergangenheit sei gewesen, dass diese von starken, unvorhersehbaren Schwankungen geprägt worden seien. Einige rohstoffexportierende Staaten – häufig Exporteure von Energierohstoffen – hätte daher versucht, unabhängiger von den Schwankungen der Einnahmen aus den Rohstoffexporten zu werden und hätten sogenannte Staatsfonds eingerichtet. Diese würden der BPB zufolge ein breit gestreutes Portfolio in- und ausländischer Finanzwerte verwalten und im Unterschied zu anderen Anlagefonds aus staatlichen Mitteln (hier den Erlösen aus den Rohstoffexporten) und Währungsreserven finanziert.

*Wer von euch wissen will, welche Staaten nach der Definition der UNCTAD zu den ausgewählten Exporteuren von Agrarprodukten beziehungsweise ausgewählten Exporteuren von Mineralen und Minenprodukten gehören, klickt hier.

Wirkung der Rohstoffpreise auf die Terms of Trade (Austauschverhältnisse)

Die sogenannten Terms of Trade setzen die Ausfuhrwerte (Exporte) eines Staates/einer Staatengruppe zu den Einfuhrwerten (Importe) ins Verhältnis (reales Austauschverhältnis). Dabei gelte: Je höher die Terms of Trade im Vergleich zum Basisjahr ausfielen, desto vorteilhafter sei dies für den Staat/die Staatengruppe. Zwischen 2000 und 2015 sei laut der BPB die Entwicklung der Terms of Trade für die Gesamtheit der ökonomisch entwickelten Staaten beziehungsweise ökonomisch sich entwickelnden Staaten vergleichsweise stabil verlaufen. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von Energierohstoffexporten sei die Entwicklung in den Staaten Süd-Osteuropas und der GUS wesentlich dynamischer gewesen. Auch bei den Hauptexporteuren von Mineralen, Minen- oder Agrarprodukten seien die Terms of Trade seit 2001 deutlich angestiegen. Da viele der wichtigsten Exporteure von Agrar-, Industrie- und Energierohstoffen in Afrika liegen würden, hätten sich die Terms of Trade Afrikas seit 2001 besser als die aller anderen Regionen entwickelt.

Laut BPB verbessere sich die außenwirtschaftliche Position eines Staates einer Staatengruppe, also quasi dessen/deren Fähigkeit, mit dem gleichen Exportvolumen mehr Güter zu importieren, wenn sich die Terms of Trade infolge einer Preissteigerung der eigenen Exportgüter und/oder infolge einer Preissenkung der Importgüter erhöhten.

Die Terms of Trade der ökonomisch entwickelten Staaten hätten demnach zwischen 1980 und 1990 in etwa auf dem Niveau des Basisjahres 2000 (=100) gelegen und seien in den Folgejahren weitgehend stabil geblieben (2015 = 100). Bei den ökonomisch sich entwickelnden Staaten hätten sie sich zwischen 1980 und 1990 deutlich verringert: von 117 auf 101. In den 1990er-Jahren hätten sie leicht um das erreichte Niveau gschwankt. Während die Terms of Trade 2001 bis 2003 bei 95/96 gelegen hätten, seien sie in den Jahren 2011 bis 2015 nur minimal von 107 abgewichen.

Wesentlich dynamischer sei die Entwicklung in den Staaten Süd-Osteuropas und der GUS gewesen: Jenseits der deutlichen Schwankungen rund um die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hätten sich hier die Terms of Trade zwischen 2001 und 2012 stetig von 96 auf 172 erhöht. Bis zum Jahr 2015 seien sie jedoch auf 124 gesunken. Der Grund: die Preise für Energierohstoffe. So seien die Terms of Trade der von der UNCTAD ausgewählten Exporteure von Öl von 93 im Jahr 2001 auf 222 im Jahr 2012 gestiegen. 2015 hätten die Terms of Trade dieser Gruppe bei 139 gelegen.

Das Überangebot zahlreicher Rohstoffe hätte der BPB-Analyse zufolge bei den rohstoffexportierenden Staaten von 1980 bis Ende der 1990er-Jahre zu fallenden Preisen bei ihren Exportgütern geführt. In der Folge hätten sich auch die Terms of Trade verschlechtert. Allerdings hätte sich das Preisniveau seitdem für die meisten Agrar-, Industrie- und Energierohstoffe deutlich verändert: Die steigende Nachfrage nach Rohstoffen und die Begrenztheit natürlicher Ressourcen hätte demnach zu einem Anstieg der Preise geführt. Da die Importpreise nicht im gleichen Maße gestiegen wären, hätten sich die Terms of Trade zahlreicher rohstoffexportierender Staaten seit 2001 vorteilhaft entwickelt, ist bei der BPB zu lesen.

Eine Liste mit Terms of Trade findet ihr hier.

Diese Entwicklungen hätten auf regionaler Ebene dazu geführt, dass sich die Terms of Trade von Afrika besser als die aller anderen Regionen entwickelten. Acht der 15 ausgewählten Exporteure von Mineralen und Minenprodukten würden in Afrika liegen. Bei den ausgewählten Exporteuren von Agrarprodukten seien es elf von 22 und bei den Ölexporteuren zehn von 28. Entsprechend hätten die Terms of Trade Afrikas zwischen 2001 und 2012 von 97 auf 192 zugelegt und seien bis 2015 auf 154 gesunken.

Wirkung von Rohstoffpreisen auf die Handelsbilanz von Volkswirtschaften

Auch ein Blick auf die Entwicklung der Handelsbilanzen einzelner Volkswirtschaften offenbart die Einflussnahme von Rohstoffpreisen. Dabei gilt: Die Handelsbilanz bezieht sich auf einen Zeitraum. Sie gibt den Saldo der Warenausfuhren (Export) und -einfuhren (Import) eines Staates/einer Staatengruppe an. Bei einem Handelsbilanzüberschuss beziehungsweise -defizit erhöht sich die Gläubiger- beziehungsweise Schuldnerposition gegenüber dem Ausland.

Während die USA in den 1950- und 1960ern-Jahren fast immer einen Überschuss bei der Handelsbilanz erwirtschaftet hätten, hätten sie seit den 1970ern der BPB zufolge einen überdurchschnittlich hohen Anteil am Handelsbilanzdefizit der ökonomisch entwickelten Staaten.

Das Jahr 2014 hätten die USA demnach mit einer Handelsbilanz abgeschlossen, die ein Defizit in Höhe von 787 Milliarden US-Dollar ausgewiesen hätte. Im Schnitt der Jahre 2000 bis 2014 hätte das Defizit bei gut 700 Milliarden US-Dollar gelegen, das bislang größte Defizit hätten die USA 2006 erreicht (892 Milliarden US-Dollar). 2014 hätte das Handelsbilanzdefizit der USA 4,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen. Im 10-Jahresschnitt 2000 bis 2009 hätte der Wert bei 5,3 Prozent gelegen, in den 1990ern dagegen bei 2,3 Prozent und in den 1970ern noch bei 0,7 Prozent.

Dazu müsse man wissen, dass der BPB zufolge die USA hinter China (einschließlich Hongkong und Macao) der zweitgrößte Absatzmarkt für Importgüter seien (Warenimport USA 2014: 2.410 Milliarden US-Dollar/China: 2.572 Milliarden US-Dollar). Auch als Warenexporteur hätten die USA an zweiter Stelle gestanden: 1.623 Milliarden US-Dollar, während China Platz 1 belegt hätte: 2.868 Milliarden US-Dollar. Nach Angaben von UNCTAD hätte 2014 allein das Defizit beim Warenhandel mit China gut zwei Fünftel des Gesamtdefizits der USA ausgemacht (327 Milliarden US-Dollar/41,6 Prozent). Ein weiteres Fünftel sei im selben Jahr beim Handel mit der Europäischen Union (149 Milliarden US-Dollar/19,0 Prozent) entstanden. Deutschlands Anteil hätte dabei bei 76 Milliarden US-Dollar (9,7 Prozent) gelegen – das zweithöchste Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber einem einzelnen Staat. Darauf seien 2014 die Handelsbilanzdefizite gegenüber Japan (70 Milliarden US-Dollar/9,0 Prozent), Mexiko (57 Milliarden US-Dollar/7,2 Prozent) und Kanada (40 Milliarden US-Dollar/5,1 Prozent) gefolgt.

Neben den Handelsbilanzdefiziten der USA hätten sich demnach seit Anfang des Jahrhunderts auch die Defizite des Vereinigten Königreiches (2014: 176 Milliarden US-Dollar), Indiens (143 Milliarden US-Dollar), Frankreichs (96 Milliarden US-Dollar) sowie der Türkei (85 Milliarden US-Dollar) auffällig stark ausgeweitet. Japan würde einen Sonderfall darstellen: Zwischen 1981 und 2010 hätte Japan dreißigmal in Folge einen Handelsbilanzüberschuss erzielt, seitdem werde das Handelsbilanzdefizit von Jahr zu Jahr größer (2014: 138 Milliarden US-Dollar).

Den Handelsbilanzdefiziten stünden zunehmende Handelsbilanzüberschüsse von China (2014: 296 Milliarden US-Dollar) und Deutschland (294 Milliarden US-Dollar) sowie von wichtigen Öl- und Gasexporteuren gegenüber – vor allem Saudi-Arabien (191 Milliarden US-Dollar), Russland (189 Milliarden US-Dollar), Katar (98 Milliarden US-Dollar), Vereinigte Arabische Emirate (97 Milliarden US-Dollar) und Kuwait (76 Milliarden US-Dollar).

Die Handelsbilanzüberschüsse öl- und gasexportierender Staaten hätten laut der BPB einen großen Einfluss auf die regionalen Handelsbilanzsalden: Während beispielsweise Venezuela im Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2014 einen Handelsbilanzüberschuss von 36 Milliarden US-Dollar gehabt hätte, hätte der Überschuss Südamerikas bei lediglich 31 Milliarden US-Dollar gelegen. In Afrika hätten die vier Hauptexporteure von Öl und Gas im Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2014 einen Handelsbilanzüberschuss von 121 Milliarden US-Dollar verzeichnet, während Afrika insgesamt ein Handelsbilanzdefizit von durchschnittlich 33 Milliarden US-Dollar in den Jahren 2012 bis 2014 verzeichnet hätte.

Einen detaillierten Blick könnt ihr hier auf ausgewählte Handelsbilanzen werfen.

 

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