Sharing Economy – kaufst du noch oder teilst du schon?

Gepostet von am 24. Aug 2017

Sharing Economy – kaufst du noch oder teilst du schon?

Eigentlich wollte ich heute über neue Entwicklungen und Trends auf dem deutschen Upcycling-Markt schreiben. Doch da der bei aller spürbaren Aktivität in meinen Augen nach wie vor eher ein Basteldasein führt, widme ich mich dem Thema Wiederverwertung, also Recycling. Denn wenn ich das richtig beobachte, wächst die Zahl derjenigen Verbraucher, die Gebrauchsgüter untereinander teilen (auf Englisch: to share). Macht Sharing aus Sicht von Ressourcenschonung Sinn? Das ist hier die Frage.

„Sharing is caring“ heißt es im Englischen. Teilen sei eine der 10 Ideen, die den Lauf der Welt verändern werden, schrieb das Time Magazin schon vor Jahren. Doch was ist dran am Konzept des Teilens? Ist es tatsächlich eine die Gesellschaft tragende und von Und wie nimmt unser Gehirn die Teilkultur wahr?

Was ist Sharing Economy? Gängige Definitionen

Das Wirtschaftslexikon Gabler definiert den Begriff Sharing Economy in Kürze so:

Der Begriff der Sharing Economy meint das systematische Ausleihen von Gegenständen und gegenseitige Bereitstellen von Räumen und Flächen, insbesondere durch Privatpersonen und Interessengruppen. Im Mittelpunkt steht die Collaborative Consumption, der Gemeinschaftskonsum.

Wikipedia definiert Sharing Economy so:

Der Begriff Sharing Economy, seltener auch Share Economy, ist ein Sammelbegriff für Firmen, Geschäftsmodelle, Plattformen, Online- und Offline-Communitys und Praktiken, die eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen ermöglichen. Darüber finden im englischsprachigen Raum auch die Bezeichnungen Collaborative Consumption und Collaborative Economy Anwendung. Die Definition der Begriffe von OuiShare hebt dabei die Bereiche gemeinschaftlicher Konsum, kollaborative Produktion, kollaboratives Finanzwesen, offen und frei zugängliches Wissen sowie horizontale und offene Verwaltungsstrukturen hervor.

Wobei die Freie Enzyklopädie dazu anmerkt, dass verschiedene Publizisten, Journalisten, Firmen und Protagonisten der Sharing Economy den Begriff mitunter sehr unterschiedlich verstünden und benutzen würden. Eine allgemein anerkannte Definition beziehungsweise Abgrenzung der Sharing Economy existiere demnach nicht.

Welches Potential zur Veränderung des Weltlaufs hat Sharing Economy?

Der Sharing Economy wird von verschiedenen Seiten ein unterschiedliches Potential zur Weltveränderung beziehungsweise Weltverbesserung zugesprochen. Ich liste im Folgenden Besiele dafür kurz auf, welches Potential man ihr zuspricht – wer wissen will, was jeweils dahinter steckt, liest die jeweils verlinkten Beiträge:

Sharing Economy ist:

  • Handelsweg / Tauschgesellschaft

Die Sharing Economy hat sich längst als neuer Handelsweg etabliert. Die neue Tauschgesellschaft bietet die Möglichkeit zum intelligenten Konsum und führt zu einem Abbau der Wegwerfgesellschaft. Zusätzlich lässt sich mit dem Tauschen oder Second-Kauf sehr viel Geld sparen. (hamburg.de)

  • eine der zehn großen Ideen, die die Welt verändern (Times Magazin, siehe oben)

„But the real benefit of collaborative consumption turns out to be social. In an era when families are scattered and we may not know the people down the street, sharing things — even with strangers we’ve just met online — allows us to make meaningful connections. Peer-to-peer sharing ‘involves the re-emergence of community’, says Rachel Botsman, co-author of What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption. ‘This works because people can trust each other.’We yearn to trust and be trusted — one researcher has found that people get a spike of the pleasant neurotransmitter oxytocin when they’re entrusted with another’s goods. That’s the beauty of a sharing society — and perhaps the reason it might prove more lasting than one built on ownership.”

  • alternative Konsumform, kollektiver Konsum (org)

„Während einerseits der Konsum an Neuwaren noch immer ansteigt, gibt es auf der anderen Seite eine Bewegung, die sich in anderen Formen des Konsumierens erprobt: Kleider, Werkzeuge, Möbel, Wohnungen und Autos werden geteilt, getauscht, geliehen und so von schnelllebigen Produkten zu Zirkulationsgütern.“

  • Handlungsoption für eine ressourcenschonende Zukunft (reset.org)

Mit dem kollektiven (Aus-)Tausch werde Müll vermieden, Energie gespart und Ressourcen werden geschont.

Wo liegen die Grenzen der Sharing Economy?

In ihrem Online-Bericht „Gutes Teilen, schlechtes Teilen“ schreibt die Wochenzeitung Zeit, dass viele Sharing-Economy-Experten bezweifeln würden, „dass die kommerzielle Tauschökonomie in ihrer derzeitigen Form automatisch auch sozialere Verhaltensweisen hervorbringt.

Luise Tremel, Historikerin von der Stiftung Zukunftsfähigkeit sagt demnach: „Was Uber und Airbnb betreiben, ist gar kein Teilen. Dort kapitalisieren lediglich Leute ihre Wohnungen in guten Stadtteilen, damit andere Leute mit ohnehin guten Zugangschancen zu Gütern sie mieten können.

Andere Experten seien der Zeit zufolge der Meinung, dass viele Sharing-Angebote  eher den klassischen Markt erweitern wüden, indem sie ihn öffnen für all diejenigen, die „temporäre Benutzerrechte kaufen und verkaufen“ würden.

Rachel Botsman, australische Erfinderin des Begriffs vom „kollaborativen Konsum„, sagte, die neue Ökonomie des Teilens diene dazu, dass nicht genutzte Kapazitäten von Wohnungen, Autos oder menschlichem Wissen, noch besser verwertet werden und effizienter genutzt. Hier werde kapitalisiert, was dem Wirtschaftskreislauf bisher entzogen worden war.

Nishant Shah, Sharing-Experte der Leuphana Universität Lüneburg, hätte demnach gewarnt: „Das Einzige, was in der Sharing Economy wirklich geteilt wird, ist der Mensch und seine Kapazitäten.“ Man müsse aufpassen, dass sich nicht gerade Kleinverdiener aus Not selber ausbeuten würden, indem sie ihre Zeit und ihre Dienstleistung als Kleinstselbständige billig in den Dienst großer Sharing-Unternehmen stellten, während die großen Firmen die Gewinne abgreifen würden. Das klinge tatsächlich eher nach noch mehr Kapitalisierung als nach einer schönen und sozialeren neuen Welt.

Laut der bereits genannten Historikerin Luise Tremel würden Bürgerinitiativen für mehr Nachbarschaft wie die Siedlung Burgunder in Bern oder die grünen Gassen von Montreal zeigen, wie aus Teilen ein gutes Teilen werde, das die Menschen wirklich sozial weiterbringe, ist in dem Zeit-Artikel weiter zu lesen. Voraussetzung dafür seien die folgenden drei Punkte:

  1. Wenn weniger Ressourcen verbraucht werden.
  2. Wenn Teilen mehr menschliche Begegnungen schafft.
  3. Wenn es denjenigen Zugang zu Waren, Arbeit und Dienstleistungen ermöglicht, die diesen Zugang sonst nicht hätten.

Was ist der Unterschied zwischen eigentumsbasierten und eigentumsersetzenden Ansätzen der Nutzungsstrategien von Sharing Economy?

In dem oben schon verlinkten Artikel auf reset.org gibt es folgende Erklärung beider Ansätze:

  • Eigentumsbasierte Ansätze seien demnach Tausch- und Verkaufsbörsen oder Reparaturangebote wie Ebay, bei denen Dinge für wenig bis kein Geld oder für eine Gegenleistung ihre Besitzer wechseln würden, aber weiter Eigentum einer Person blieben.
  • Eigentumsersetzende Ansätze seien Car-Sharing oder „Jeansleasing“. Beim Teilen (Sharing) und Leasen würden Dinge temporär zugänglich gemacht, das Eigentum verbleibe aber beim Anbieter – der sowohl ein Unternehmen als auch eine Privatperson sein könne. Diese Form des Konsums ohne Eigentum werde demzufolge häufig auch als „Nutzen statt Besitzen“ bezeichnet.

Wer agiert in der Sharing Economy?

Die Interagierenden in der Sharing Economy lassen sich gemäß den Zielgruppen für Angebote aufzeigen. Angebote könnten reset.org zufolge:

  • von Verbrauchern an Verbraucher gerichtet werden (zum Beispiel Kleiderkreisel),
  • von Unternehmen an Endverbraucher (zum Beispiel Car2go oder der Werkzeugverleih im Baumarkt)
  • oder zwischen Unternehmen (zum Beispiel Chemikalien-Leasing).

Sind wir Wesen, die gerne teilen?

Die Zeit schreibt, wobei sie sich auch auf Altruismusforscher wie Sabine Tebbich von der Universität Wien oder den Philosophen Philip Kitcher von der Columbia-Universität New York beruft, „dass das Teilen  in den Wesenszügen von Mensch und Tier stecke. In Studien mit Affen und Kleinstkindern haben Wissenschaftler herausgefunden: Alle geben ab und sie gehen anderen unaufgefordert zur Hand, wenn sie merken, dass jemand Hilfe benötigt. Auch wenn sie dafür keine unmittelbare Gegenleistung erwarten können oder auf einen Teil ihres eigenen Essens oder Besitzes verzichten müssen.

In einem anderen Artikel der Online-Ausgabe der Zeit geht es um die Entwicklung der Fähigkeit, fair zu handeln – eine der maßgeblichen Voraussetzungen fürs Teilen. In einem wissenschaftlichen Test mit Experimenten aus der Spieltheorie zum strategischen Handeln sei demnach gezeigt worden, dass 146 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren mit zunehmendem Alter fairer handelten. Die Studie hätte demonstriert, so ist weiter zu lesen, wie sich Fairness entwickle. Und sie stelle eine Verbindung zwischen dem Verhalten und der Entwicklung von Hirnstruktur und -funktion her – das mache sie einzigartig. Die neue Erkenntnis zeige, dass allein moralische Appelle des Erziehers nicht weiterhelfen. Man müsse die Situationen identifizieren, in denen trotz besseren Wissens egoistisches Verhalten auftrete, sagt Nikolaus Steinbeis, Psychologe am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften gegenüber der Zeit, der die Studie mit Kollegen durchführte. Den Kleinen müsse ihm zufolge in der konkreten Situation gezeigt werden, wie man sich korrekt verhalte. Zu wissen, was richtig sei, und das Richtige zu tun, das seien eben zwei grundlegend verschiedene Dinge – an denen selbst Erwachsene immer wieder scheitern würden.

Wie spart Sharing Economy Ressourcen?

Die Ersparnis an Ressourcen, die sich aus der Sharing Economy ergebe, beschreibt reset.org so:

Um das Einsparpotential der Umorientierung vom Besitzen zum Nutzen zu erkennen braucht es keine Rechenkünste: eine private Bohrmaschine z.B. wird im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 45 Stunden genutzt, über 300 Stunden könnte sie aber problemlos eingesetzt werden. Wird die Bohrmaschine geteilt, können die Nutzungsdauer ausgeschöpft und zusätzlich noch mehrere Maschinen ersetzt werden. Durch einen intensiven (Güter-)Austausch haben wir Zugang zu Gütern aller Art, ohne selbst komplett ausgerüstet zu sein. Der geteilte Konsum reduziert so die Gütermengen, ohne dass wir unseren Lebensstandard senken müssen. (Quelle: Studie der Heinrich-Böll Stiftung „Nutzen statt Besitzen“)

Dabei hänge die Höhe der Ersparnis an Ressourcen und Energie unter anderem von Rahmenbedingungen wie:

  • Transportwege zwischen altem und neuem Nutzer / Anbieter
  • Produktart
  • Rebound-Effekte

Fazit

Fest stünde reset.org zufolge, dass ein Produkt umso effizienter sei, je mehr es genutzt werde. Aus diesem Grunde seien Sharing-Modelle mit einer kurzen Nutzungsdauer von vielen Nutzern in der Regel ressourcenschonender als die Wiederverwendung (Second Hand).

Bei der Recherche zu diesem Artikel striff ich auch das Thema Tauschen. Das nehme ich mir in einem nächsten Artikel mal genauer vor: Kaufst du noch oder tauschst du schon? – das ist dann die Frage, die es vor dem Zusammenhang, wertvolle Ressourcen zu sparen, zu beantworten gilt. Bleibt gespannt!

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