Upcycling – Not oder Hobby?

Gepostet von am 20. Apr 2016

Upcycling – Not oder Hobby?

Während Upcycling in reichen Industriegesellschaften bloß so etwas wie ein kreatives Hobby ist, das man sich leistet, weil man es sich leisten kann, geschieht Upcycling in ärmeren Gesellschaften aus der Not heraus. Gesellschaftsfähig oder gar gesellschaftstragfähig ist weder das eine, noch das andere.

Wenn ich die Upcyclingszene in unserer reichen Zivilgesellschaft so betrachte, komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass Upcycling als Konzept zum Umgang mit Wertstoffen beziehungsweise Wertgegenständen für uns ein Luxus ist, den wir uns leisten können, weil wir Zeit und Geld haben, uns mit der Aufwertung ausrangierter Dinge zu beschäftigen. Gesellschaftsfähig ist Upcycling allerdings noch lange nicht. Zu sehr haftet dem Upcycling ein negatives, mülliges Image an.

Das Konzept Upcycling ist noch nicht alltagstauglich

Ohne den Wert guter Upcyclingprojekte und ihre Beispielwirkung herunterstufen zu wollen, wecken das geballte kreative Engagement und die aufwendige Präsentation der einzelnen Upcyclingergebnisse in mir einerseits zwar die Hoffnung auf Durchsetzung des Konzepts, andererseits jedoch auch arge Zweifel daran. Mir scheint, das Upcycling hierzulande eher als eine Art Hobby betrieben wird, denn als tragendes Konzept, auf das unser Wirtschaften unter anderem fußen sollte. Viele Upcyclingprojekte werden offensichtlich unter künstlerischen Aspekten fabriziert und als Kunst publiziert – das nimmt ihnen meines Erachtens jedoch die Chance, als gewöhnlich im Sinne von alltagstauglich und normal angesehen und nachvollzogen, kurz: ein Massenprodukt zu werden.

Anders ausgedrückt: Solange sich Upcycling in die, ich schreib’s mal ganz frech und frei, Bastelecke abschieben lässt beziehungsweise dorthin abgeschoben wird, kann es sich nicht zu einem tragfähigen Konzept entwickeln, das den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit tatsächlich noch brauchbaren Dingen regelt.

Überflussgesellschaft braucht kein Upcycling, oder?

Und das wiederum schreibe ich ganz klar dem Überfluss zu, an dem unsere Gesellschaft leidet. Ja, genau: leidet! Beispiele dafür, dass Überfluss uns physisch wie psychisch Leid bereitet, gibt’s noch und nöcher: Angefangen bei A wie Adipositas (Übergewicht), über I wie Informationsüberflutung, L wie Lebensmittelverschwendung, M wie Mode bis hin zu Z wie Zucker – wir haben alles im Überfluss und werden davon krank – krank an Körper und Seele.

Ärmere Länder upcyceln aus der Not heraus

Ein Blick in Gesellschaften, die wir, verglichen mit der unseren, nicht als Überflussgesellschaft charakterisieren würden, lohnt sich in Sachen Upcycling deshalb ganz besonders: Zum einen erfährt man beim Bereisen solcher Länder entweder persönlich oder zumindest beim Konsumieren entsprechender Medienprodukte multimedial zubereitet über solche Länder, dass sie Upcycling in seiner konzeptionellen Auslegung seit Ewigkeiten schon praktizieren. Aus einer Not heraus, ganz klar. Dennoch erfolgreich.

Wer nicht alles im Überfluss hat, schätzt das, was er hat, ganz anders, als der, der im Überfluss schwelgt. Aus dieser anderen Wertschätzung resultiert ein anderer Umgang mit den Wertstoffen und Wertgegenständen. Sie werden wertschätzender genutzt, länger genutzt und von dem anderen nutzbringend aufgewertet (Upcycling), wenn sie der eine ausrangiert. Das Upcycling dort ist eine ganz alltägliche Sache, die selbstverständlich scheint. Scheint, wohlbemerkt.

Mit dem steigenden Einkommen verliert Upcycling oft seinen Reiz

Denn aus meinen persönlichen Aufenthalten in ärmeren Ländern, auch über längere Zeiträume hinweg, weiß ich, dass sich diese Upcyclingpraxis ändert, sobald die Not keine mehr ist. Ich habe zigfach mit eigenen Augen sehen müssen, wie wertvolles Handwerk aus nachhaltigen Materialien ausrangiert wurde, obwohl es noch funktionstüchtig war, und dem Plastikmüll weichen musste, mit dem sich die Überflusswelle in armen Landstrichen dieser Welt ausbreitet. Billiges Plastikzeug, bunt und giftig, schwappt irgendwie zuerst in die Wahrnehmung bislang armer und wertbewusst lebender Menschen. Und so werden Holzmöbel entsorgt und mit Plastikzeug ersetzt. In Küche, Bad und Kinderzimmer. Beim nächsten Besuch waren auch die ersten Plastiksachen oft schon wieder weg. Dafür gab’s neue, zum Beispiel von IKEA. Daher nenne ich das gerne auch den IKEA-Effekt. Das Konsumkarussell hatte auch dort begonnen, sich zu drehen . . .

Eine Erinnerung an oder gar Rückbesinnung auf Werte, wie sie besagte ursprünglich in traditionellem Handwerk gefertigte und zeitlebens auch upgecycelte Produkte darstellen, wird von den Menschen, die sich nun endlich der neuen Konsumwelle unterwerfen können, als no-go empfunden. Ich sehe das inzwischen ganz realistisch: Die Menschen haben über die Massenmedien lange genug nur zuschauen und nicht am bunten Treiben des Weltjahrmarkts teilhaben können.

Und auch das habe ich beobachtet: Erst bei einem überdurchschnittlich hohen Lebensstil entwickelt sich bei wenigen, die das nötige Einkommen dafür haben, der Blick für die dann als „Antiqutäten“ wahrgenommenen und neues Begehr weckenden alten Sachen. Das Gros der Menschen in sich derart entwickelnden Gesellschaften bleibt jedoch mit seinem Einkommen (zu viel zum Sterben, zu wenig um zu leben) in der Plastikwelt und manifestiert damit eben diese.

Jedem seine Wertstofferfahrung

Ich komme mit diesen persönlichen Erfahrungen zu dem Schluss, dass ich jede Gesellschaft sich entwickeln lassen muss. Das schmerzt, wie ich aus eigenem Erleben desselben Fortschritts weiß. Auch wir hatten einen Plastikboom und lernen gerade, uns von dem Zeug zu trennen: in Supermärkten und im Haushalt. Und die sich wiederholende Entwicklung schmerzt mich bei Besuchen in Entwicklungsländern ein zweites Mal. Doch dürfen wir den Menschen dort das Recht auf ihre Plastik- oder IKEA-Erfahrung nehmen?

Ich heiße die Plastikwelle damit mitnichten gut! Vielmehr plädiere ich dafür, dass wir – und ich sehe uns Industrieländer als deren Verursacher – ihre Ausbreitung stoppen müssen. Wir müssen bei uns anfangen, Upcycling konzeptionell umzusetzen.

Upcyclíng sollte weder aus der Not heraus stattfinden müssen, noch als Nur-Hobby in der Bastelecke stattfinden. Es muss nicht nur gesellschaftsfähig, sondern gesellschaftstragfähig werden. Es geht nicht um „Wer upcycelt heute am besten und wer sollte von wem lernen?“, sondern vielmehr um „Welche Wertstoffe können wir alle gemeinsam upcyceln?“. Vielleicht können wir so einander Vorbild sein und uns gegenseitig inspirieren.

 

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    2 Kommentare

  1. Der Artikel im Hamburger Abendblatt bestätigt den künstlerisch-handwerklichen Aspekt, also den Hobby-Aspekt, des Upcyclings in unserer Gesellschaft.

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