Interview mit Prof. Timo Leukefeld: Cradle-to-Cradle

Gepostet von am 26. Okt 2016

Interview mit Prof. Timo Leukefeld: Cradle-to-Cradle

Cradle-to-Cradle (C2C) – wie viel Potenzial hat C2C als gesellschaftliches Konzept?

Ich habe in meiner kleinen Reihe zu Cradle-to-Cradle hier auf dem Wertstoffblog heute ein spannendes Interview für Euch: Mein Gesprächspartner ist Prof. Timo Leukefeld, seines Zeichens Energieexperte, Erdenker und Erbauer energieautarker Häuser und überzeugter Anhänger des C2C-Konzepts. Lest selbst, was er über C2C und dessen Potenzial als Pfeiler einer neuen Weltwirtschaftsweise zu berichten weiß!

Doreen Brumme für das Wertstoffblog: Prof. Timo Leukefeld, was ist C2C?

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© Professor Timo Leukefeld

Prof. Timo Leukefeld: Cradle-to-Cradle ist für mich das Gegenteil von Recycling, also dessen, was wir bislang tun. Oder wie Michael Braungart, der Kopf dahinter, sagt: „Downcycling“. Gegenwärtig strecken wir die Ressourcen nur, indem wir eine Plastikflasche zu einer Parkbank recyceln, die letztendlich dann aber doch zu Plastikmüll wird. C2C heißt, Dienstleistungen und Produkte so zu kreieren, dass sie nach einer viel längeren als der heute üblichen Nutzungsdauer wieder als vollwertiger Rohstoff in den Rohstoffkreislauf gelangen, wo sie – ohne weitere Ressourcen und Energie zu verbrauchen – zu neuem Nutzwertigen gemacht werden.

Was bringt C2C?

C2C hat das Zeug zum Pfeiler einer künftigen Weltwirtschaftsweise zu werden. Ich meine eine Wirtschaftsform, die funktioniert, ohne dass wie heute Ressourcen und Energie auf zerstörerische Weise gewonnen werden. Denn die daraus resultierende Rohstoffknappheit verteuert die Rohstoffe nur. Produkte daraus werden ebenfalls teurer. Je teuer sie sind, desto weniger Menschen können sie sich noch leisten. Wir schließen also – wenn wir weiter wirtschaften wie bisher – immer mehr Menschen vom Konsum aus. C2C dagegen lebt davon, dass viele Menschen ein Produkt konsumieren. Es geht nicht mehr darum, sich ein teures Produkt leisten zu können, nicht mehr darum, es zu besitzen. C2C lebt von Tausch. So verschafft C2C vielen eine Teilhabe an einem Produkt.

Bezogen auf Deutschland: Wie würden Sie unseren derzeitigen Umgang mit Rohstoffen beschreiben? Sind wir der Welt damit noch Vorbild oder gibt’s längst Nationen, die’s besser machen als wir?

Ich sehe Deutschland nicht mehr als Vorbild. Die Holländer, die Chinesen, die US-Amerikaner sind uns längst voraus im Umgang mit Rohstoffen. Unser Umgang damit ist einfach nicht mehr zeitgemäß! Unser Recyclingsystem ist ineffektiv.

Können Sie an einem Beispiel erklären, was die Holländer besser machen als wir?

Die holländische Regierung hat schon vor Jahren beschlossen, die gesamte öffentliche Beschaffung nachhaltig auf C2C auszurichten.

In welcher Beziehung stehen Sie persönlich zum Thema C2C?

Mich hat der der geistige Vater des Konzepts, Michael Braungart, mit der Nase drauf gestoßen. Inzwischen bin ich überzeugter Anhänger des Konzepts und wir, Michael und ich, sind Freunde. Wenn Braungart auf der stofflichen Ebene über C2C referiert, dann rede ich über die energetische Ebene. Wir werden häufig zusammen als Keynotespeaker gebucht – dann gibt’s die volle Dosis C2C von uns.

Das ist mein Stichwort: Keynotespeaker. Sie waren gerade auf dem 3. Cradle to Cradle e.V. – Kongress in Lüneburg und haben dort im Rahmen des „Diskussionforums Energie“ den Stand der Energiewende und daraus ableitend neue Geschäftsmodelle vorgestellt. Was können Sie vom Kongress berichten, wie kommt C2C bei den deutschen Verbrauchern an?

Wenn man dem Verbraucher erklärt, was Cradle-to-Cradle bedeutet, dann weckt man seine Begeisterung. Um die Podiumsdiskussion herum gab es einen regen Austausch zwischen Experten und Verbrauchern. Da werden im Gespräch Geschäftsideen in Kreislaufwirtschaftsweise geboren und leidenschaftlich diskutiert, die unsere Welt ganz sicher ein Stück weit friedlicher, ökologischer und gerechter machen könnten.

Die Aussicht, die ich auf C2C geben kann, zum Beispiel mit meinem Konzept für energieautarke Häuser, von denen ich selbst eins erfolgreich bewohne und bewirtschafte, weckt großes Interesse.

Die direkte Konfrontation mit den Verbrauchern zeigt mir auch immer wieder, wie wichtig es ist, sich als eingefleischter Cradle-to-Cradler mit den Menschen auseinanderzusetzen, die das Konzept noch nicht kennen. Denn das Konzept braucht Anhänger und die muss man überzeugen. Am besten mit einfachen, verständlichen Beispielen.

Dann mal los: Können Sie uns bitte einige anschauliche Beispiele für bislang erfolgreiche C2C-Projekte beschreiben?

Auf dem Kongress hat mich besonders der Vortrag des charismatischen Unternehmers Wolfgang Grupp, Eigentümer der Textilfirma Trigema, beeindruckt, der seine C2C-zertifizierten TRIGEMA Change Produkte vorstellte. Bei seiner mitreißenden Darstelllung bin ich fast vom Hocker gefallen!

Ich könnte hier auch mein energieautarkes Haus als Beispiel anführen: Dank Solarstrom und Solarwärme kann ich darin unbeschwert auf 23 Grad Celsius heizen, meine ohnehin nur wenig Energie verbrauchenden Leuchtmittel brennen lassen oder mein Elektro-Auto aufladen, um eine Tour ins Grüne zu machen. Ich nenne das: Genuss dank intelligenter Verschwendung. Es geht nicht mehr darum, ein falsches, ineffizientes System effizienter einzusetzen, sondern darum, das effektivste System zu nutzen und seine Vorteile zu genießen.

Ist C2C ein gangbarer Weg für uns Menschen?

Davon bin ich überzeugt. Mehr noch: C2C ist eine zwingend historische Erfordernis. Unsere Ressourcen werden immer weniger und stapeln sich als Müll auf der Erde. Allerdings wird der Weg nicht leicht, ich befürchte sogar große Schmerzen für Einzelne. Doch für das Wohl der Allgemeinheit ist das nötig. Und die Erschwernis wird zunehmen, je länger wir warten, den Weg C2C zu beschreiten.

Was braucht unsere Gesellschaft, um diesen Weg zu gehen?

Als erstes Begeisterung. Aus der Begeisterung heraus wächst Engagement, wächst Kreativität. Da muss man sich fragen, wie erzeuge ich Begeisterung? Die Hirnforschung weiß das längst. Wir brauchen Anreize, Anreizsysteme. Strategien, wie man mit C2C Geld verdienen kann. Das Beispiel Solarstrom hat gezeigt, wie’s geht. Und vielleicht braucht man am Ende auch das eine oder andere Diktat, punktuell und differenziert verabreicht.

Gibt es bei C2C konzeptionelle Unterschiede zwischen einer Industrienation wie der unseren und Entwicklungsländern?

In Entwicklungsländern kann man heute perfekt funktionierende Recyclingsysteme beobachten. Aus der Not heraus wird dort nahezu alles wiederverwertet, was sich irgendwie verwerten lässt. Dabei orientieren sich die Länder an Industrieleitnationen, auch immer noch an uns. Die Energiewende, also vor allem die deutsche Stromwende, hat gezeigt, wie gutes Beispiel Schule machen kann. Wenn wir hier unser Potenzial ausschöpfen würden – ich sage nur: Deutschland = Land der Ingenieure – und der Welt echtes C2C statt Recycling vorleben würden . . .

Sie referieren aktuell auch über das Thema „Verschmelzen analoger und digitaler Welten in einer zukünftigen Wissens- und Könnensgesellschaft“. Können Sie das Thema kurz ausführen? Welche Rolle spielt „analoges Können“ künftig noch? Und was hat das Reparieren mit Ressourcen zu tun?

Ich bin überzeugt, dass die steigende Effizienz unserer Zeit mit einer geringer werdenden Resilienz (seelische Widerstandskraft – Anmerkung der Redaktion) verbunden ist. Umso wichtiger sind meines Erachtens „analoge“ Eigenschaften, die uns Menschen auszeichnen. Eigenschaften, die wir Maschinen, die den Menschen an vielen Stellen bereits zu ersetzen vermögen, immer noch voraushaben. Solche Eigenschaften versuche ich für mich zu bewahren – und sie an meine Kinder weiterzugeben. Zum Beispiel, einen Baum und ein Sternbild zu bestimmen oder eben etwas zu reparieren und daraus Freude und Befriedigung zu schöpfen.

Ich habe mich beispielsweise daran gemacht, Dinge im Haushalt zu reparieren (siehe Titelfoto). Und da bin ich nicht allein. Denken Sie nur an die Repair-Cafés, die es mittlerweile in vielen Städten gibt. Dort treffen sich Verbraucher, um Dinge zu reparieren, anstatt sie zu entsorgen. Und um die Versöhnung der analogen mit der digitalen Welt zu beschreiben: Es wird nicht lange dauern (Stichwort: Zeit für das Internet der Dinge), dann stehen in den Repair-Cafés Computer mit Internetanschluss, über die man sich Baupläne von Ersatzteilen lädt, die man dann im 3D-Drucker druckt und einbaut. Die Industrie wird dabei komplett umgangen. Es bilden sich völlig neue Strukturen. Tauschen wird wichtiger als Besitzen.

Aber wenn wir jetzt auch noch sämtliche ausrangierte Dinge reparieren, sammelt sich doch wegen des stetig nach(d)rückenden Produktstroms noch mehr Zeug an, oder?

Es wird Verschiebungen geben. Noch werden viele Produkte mit einer Sollbruchstelle für Verschleiß angeboten – und leider auch gekauft. Wenn der 3D-Drucker jedoch genau die Sollbruchstelle reparabel macht, dann muss der Hersteller umdenken, wenn er noch verkaufen will. Das wird wohl auch die Globalisierung noch mal auf den Kopf stellen!

Wie kommt C2C in die jungen und alten Köpfe rein – sollte man erste Schritte auch in Kitas, Grundschulen & weiterführenden Schulen lehren?

Wie gesagt, man muss die Köpfe, junge wie alte, für C2C begeistern. Will man damit in den Vorschuljahren starten, braucht man C2C-begeisterte Erzieher und Eltern. Schulpläne müssten umgestellt und angepasst werden. Das wird eine immens große Aufgabe. Aber es gibt ja bereits an verschiedenen Stellen des „Lehrwegs“ C2C-Impulse. Ich beobachte gerade, wie sich an den deutschen Unis C2C-Gruppen formieren. Das ist ein hoffnungsvoller Schritt.

Letzte Frage, Prof. Leukefeld: Wo geht C2C los, wo kann jeder einzelne damit anfangen?

Haben Sie einen Geschirrspüler? Ist der schon an den Warmwasseranschluss angeschlossen? Der Warmwasseranschluss bringt gegenüber dem Kaltwasseranschluss eine satte Energieersparnis von bis zu 80 Prozent, je nachdem, mit welchem Programm (Temperatur) man spült. Der Umbau ist schnell und problemlos. Und das Energiesparen beginnt sofort.

Vielen Dank, Prof. Leukefeld, dass Sie uns Rede und Antwort gestanden haben!

 

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