Wer macht die Rohstoffpreise?

Gepostet von am 14. Jul 2017

Wer macht die Rohstoffpreise?

Rohstoffe, Rohstoffpreise, Rohstoffhandel, Rohstoffmarkt (Teil 3)

Teil 3 meiner Serie rund um Rohstoffe dreht sich um diejenigen, die die Rohstoffpreise machen. Ich zeige euch, dass diese heute nicht mehr allein von Angebot und Nachfrage bestimmt werden.

Weil wir Verbraucher mit jedem Produkt auch den/ ie Rohstoffe mitbezahlen, aus dem/denen es gemacht wurde, fragen wir uns mit Recht, wer die zugehörigen Rohstoffpreise eigentlich macht. Ich orientiere mich zur Beantwortung dieser Frage wie zuvor schon in Teil 2 „Wer sind die Akteure auf dem Rohstoffmarkt und was tun sie dort?“ an dem Hintergrundpapier „Rohstoffmärkte unter Preisdruck“, dessen ersten Teil „Rohstoffpreise und Finanzmärkte“ Cornelia Staritz, Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), verfasste.

Kein wissenschaftlicher Konsens über Ursachen der Rohstoffpreisentwicklungen

Laut der Expertin gebe es in der wissenschaftlichen Diskussion keinen Konsens darüber, was die Ursachen für die aktuell zu beobachtenden Entwicklungen der Rohstoffpreise seien. Man sei sich demnach einig, dass sowohl Angebots- als auch Nachfragefaktoren dabei von großer Bedeutung seien, doch welche Rolle Finanzinvestoren mit ihren Handelsstrategien spielen würden, dazu sei man unterschiedlicher Meinung. Dies sei in der Sichtweise begründet, mit der sich die Märkte und ihre Funktionalität analysieren ließen. Staritz führt hier die beiden Sichtweisen an:

  • Efficient-Market-Hypothese
  • Finanzialisierungs-Hypothese

Der Rohstoffmarkt nach der Efficient-Market-Hypothese

Die Efficient-Market-Hypothese gehe davon aus, dass die Funktionalität von Märkten effizient ausgelegt sei und Marktakteure rational agieren würden. Grundlegende Marktdaten würden demnach unmittelbar absorbiert und verarbeitet. Sich ergebende Rohstoffreise würden nach dieser Sichtweise nahezu ausschließlich von grundlegenden Faktoren bestimmt.

Der Rohstoffmarkt nach der Finanzialisierungs-Hypothese

Die Finanzialisierungs-Hypothese berücksichtige nach Staritz auch nicht-grundlegende Faktoren als Einflussnehmer auf die Rohstoffpreise. Als Gründe dafür führt sie an, dass die Rohstoffpreise von den:

  • Erwartungen,
  • Verhaltensweisen
  • und Interaktionen

der heterogenen Händler bestimmt würden.

Die Effizienz der Rohstoffmärkte hänge davon ab, wer diese dominiere:

  • entweder informierte Händler, die auf Basis der grundlegenden Marktdaten agieren würden,
  • oder noise und uninformierte Händler, die aufgrund von (Pseudo-)Signalen, veränderten Erwartungen und Herdenverhalten agieren würden.

Die Fianzialisierungs-Hypothese gehe laut Cornelia Staritz davon aus, dass noise und uninformed trading in Kombi mit Herdenverhalten dazu führten, dass die Preise kurzfristig erhöht schwanken und sogar überschießen würden.

Staritz kommt zu folgendem Zwischenfazit: Die aktuelle Entwicklung der Rohstoffpreise spiegele grundlegende Änderungen auf der fundamentalen Angebots- wie Nachfrageseite vieler Rohstoffe wider. Anders als in früheren Rohstoffpreiszyklen, die insbesondere von Schocks auf der Angebotsseite gekennzeichnet waren – ausgelöst beispielsweise von Ausfällen der Ernten –, würden die Veränderungen während der vergangenen Dekade großteils von Faktoren auf der Nachfrageseite ausgelöst.

Analyse und Erklärungsversuch der aktuellen Entwicklungen der Rohstoffpreise

So habe unter anderem das schnelle Wachstum Chinas und anderer Schwellenländer die Nachfrage nach Rohstoffen erhöht, die

  • in die Infrastruktur,
  • in die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten (insbesondere Zunahme des Fleischkonsums),
  • und in den zunehmenden Energieverbrauch

investiert würden.

Hinzu komme, dass die USA, die EU und auch Brasilien die Entwicklung sogenannter Agrartreibstoffe fördern würden, was dazu führe, dass sich die Anbauflächen insbesondere von Mais sowie die Verwendung landwirtschaftlicher Produktion verschiebe.

Beim Blick auf die Angebotsseite der Rohstoffe auf dem Markt fiele auf, dass es dort beispielsweise Versorgungsengpässe gegeben habe: Mineralien, Metalle und Öl verzeichneten in den vergangenen zwei Dekaden Angebotsengpässe und geringere Investitionen. Die Landwirtschaft vieler Entwicklungsländer stagniere in Produktion und Produktivität. Die Gründe hierfür seien demnach: erschöpfte Böden, der Klimawandel und fehlende öffentliche wie private Investitionen. Außerdem würden exportorientierte Entwicklungsstrategien auf die Produktion von cash crops zulasten der Produktion von Grundnahrungsmitteln gehen, was auch keine Ernährungssouveränität aufkommen lasse.

Die Vorgenannten seien laut Cornelia Staritz Veränderungen der fundamentalen Marktdaten. Sie beeinflussten die Entwicklung der Rohstoffpreise bestimmter Rohstoffe wesentlich, insbesondere deren länger- und mittelfristige Entwicklungen. Doch sie erklärten nicht die starken, kurzfristigen Preisschwankungen, schon gar nicht den sogenannten Boom-Bust-Boom-Zyklus 2007 bis 2011. Dass nur fundamentale Marktdaten an der aktuellen Preisentwicklung der Rohstoffe mitwirkten, sei auch deshalb nicht zweifelsfrei anzunehmen, weil sich die Preise vieler und zugleich sehr unterschiedlicher Rohstoffe ziemlich ähnlich entwickelt hätten. Denn auch wenn es gemeinsame fundamentale und makroökonomische Entwicklungen gegeben habe, so wären da doch auch rohstoffspezifische Entwicklungen gewesen, sowohl auf Angebots- als auch Nachfrageseite, die gegen die Parallelität sprächen.

Eine Erklärung für die Entwicklung und die teils großen Preisschwankungen verschiedener Rohstoffe ergebe sich laut Cornelia Staritz auch nicht allein aus den Marktdaten zu

  • globaler Produktion,
  • Konsum
  • und Lagerbeständen.

Sie erklärt am Beispiel des fossilen Rohstoffs Öl, dass der Pro-Kopf-Konsum desselben seit Mitte der 1990er-Jahre zunehme, gleichwohl in den Jahren 2005 bis Mitte 2008, den Jahren also, in denen der Ölpreis stark gestiegen sei, auch die weltweiten Ölvorräte und die Ölproduktion gestiegen seien und die Nachfrage zugleich stagnierte und später abnahm. Bei Getreide sei zu beobachten gewesen, dass der Pro-Kopf-Konsum von Weizen und Reis während der vergangenen zwei Dekaden stagnierte. Mais dagegen sei seit den späten 1990ern stärker konsumiert worden, wohl wegen seiner Verwendung als Agrartreibstoff. Aber: In den Jahren 2007 und 2008 sei Mais am teuersten gewesen – zugleich habe sein Konsum gerade in dieser Phase nicht signifikant zugenommen.

Wer das mit ausschließlich fundamentalen Marktdaten erklären wolle, könne Staritz zufolge nicht erklären, warum die Rohstoffpreise in der zweiten Hälfte von 2008 stark sanken, denn nach wie vor seien die fundamentalen Preistreiber existent gewesen: hohe Nachfrage und veränderte Konsummuster in den Schwellenländern plus Agrartreibstoffe in den vorgenannten Industrieländern.

Weltbank bestätigt Rolle der Finanzinvestoren bei der Rohstoffpreisbildung

Staritz zitiert an dieser Stelle aus einem Arbeitspapier der Weltbank, die ihr zufolge lange die Bedeutung der Finanzinvestoren an Rohstoffpreisentwicklungen bestritten habe: „Wir nehmen an, dass Indexfondaktivitäten (…) eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt haben. Biosprit spielte auch eine gewisse Rolle, aber viel weniger, als ursprünglich gedacht. Und wir finden keinen Beleg, dass die angeblich gestiegene Nachfrage aus Schwellenländern irgendeinen Effekt auf die Weltmarktpreise hatte.“

Das heiße, so schreibt Cornelia Staritz weiter, dass aktuelle Rohstoffpreisentwicklungen nur zu verstehen seien, wenn man

  • die veränderte Struktur von Rohstoffderivatmärkten
  • und die Handelsstrategien der Akteure darin

berücksichtige.

Demnach habe sich das Handelsvolumen auf Rohstoffderivatmärkten seit 2005 deutlich erhöht. Ebenso der Anteil von Finanzinvestoren. Staritz beziffert den Anstieg ausstehender Rohstoffterminmärkte von März 2002 (13 Millionen) auf 63 Millionen im März 2011.

Sogenannte OTC-Derivate hätten eine enorme Steigerung ihres rechnerischen Werts (notional value) erfahren, wobei anzumerken sei, dass dieser im Zuge der globalen Finanzkrise seit Mitte 2008 rückläufig sei. Dennoch dominiere der OTC-Handel den Handel mit Rohstoffderivaten. So sei der Anteil an Rohstoffderivaten, den Finanzinvestoren auf Terminmärkten hielten, von 13 Milliarden US-Dollar Ende 2003 bis Mitte 2008 auf 260 Milliarden US-Dollar gewachsen. Er mache damit ein Viertel bis ein Drittel des Nominalwerts von Rohstoffterminkontrakten aus. Nach dem Preisfall 2008 erlebte der Anteil im März des Jahres 2011 seinen historischen Höchstwert von 410 Milliarden US-Dollar.

Laut Cornelia Staritz zeige die parallele Entwicklung von Finanzinvestitionen und Rohstoffpreisen in Derivatmärkten, dass spekulative Handelsstrategien die Preisentwicklung der Rohstoffe beeinflussen würden.

Fazit

Die vorliegenden Daten zu globaler Produktion, Konsum und Lagerbeständen für diverse Rohstoffe erklären weder allein die Entwicklung der Rohstoffpreise noch die großen Preisschwankungen der letzten Jahre. Aktuelle Rohstoffpreisentwicklungen lassen sich nur unter Berücksichtigung der veränderten Struktur von Rohstoffderivatmärkten und der Rolle von Finanzinvestoren und ihren Handelsstrategien erklären.

Dass sich Finanzinvestitionen und Rohstoffpreise in Derivatmärkten parallel entwickeln, bestätigt die Rolle spekulativer Handelsstrategien in der Preisentwicklung von Rohstoffen.

Weitere Artikel dieser Beitragsreihe:

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.