#DIGICHAN 3: Digitale Kreislaufwirtschaft als Bedrohung der deutschen Industrie?

Gepostet von am 14. Mrz 2018

#DIGICHAN 3: Digitale Kreislaufwirtschaft als Bedrohung der deutschen Industrie?

Fehlende Symbiose von Digitalisierung und Recycling

Seit nun mehr vier Jahre beschäftige ich mich intensiv im Rahmen des Wertstoffblogs mit den Themen Recycling, Abfall- oder gerne auch Kreislaufwirtschaft genannt und Rohstoffpolitik. Digitalisierung bildet einen weiteren Schwerpunkt meiner beruflichen Tätigkeit. Doch ausgerecht in der Abfallwirtschaft ist eine nennenswerte Symbiose der beiden Themen für die Öffentlichkeit kaum erkennbar. Eigentlich ist das vollkommen unverständlich, denn es geht um die mittel- und langfristige Zukunft des Wirtschaftsstandortes.

Recycling als die entscheidende Rohstoffquelle der Zukunft

Nicht wenige Analysten sehen die Recyclingbranche als die Rohstoffbranche der Zukunft. Die Reichweite der weltweit verfügbaren Rohstoffe ist beschränkt, in vielerlei Hinsicht. Die Diskussion über die Verfügbarkeit von Kobalt und Lithium im Zusammenhang mit der Batterieherstellung für die Mobilität der Zukunft hat zum ersten Mal eine breitere Bevölkerungsschicht erreicht. Die Bedeutung der Abfallbranche als strategischer Rohstofflieferant eines Industriestaats wurde aber bisher noch nicht im entsprechenden Maße wahrgenommen.

Koalitionsvertrag: Kreislaufwirtschaft als Lippenbekenntnis?

Das zeigt der Koalitionsvertrag, der Handelsverträge, Tiefseebergbau und Rohstoff-Monitoring als priorisierte Lösungen bei den Rohstofffragen sieht. Rohstoffabbau in Deutschland muss natürlich bezahlbar bleiben und um den Rest wie Recycling und Ressourceneffizienz soll sich die Industrie bitte selber kümmern. Auch ja –  und die EU soll das Thema Versorgungssicherheit auch noch auf ihre Tagesordnung setzen. So steht es ein wenig überspitzt formuliert im Koalitionsvertrag. Das Kapitel Kreislaufwirtschaft kommt mit Ausnahme der MantelV nicht über Allgemeinplätze und Wünsche ans Christkind hinaus.

Das Wort Recycling kommt im Koalitionsvertrag genau zwei Mal eigenständig (Seite 60 und Seite 140) vor und dreimal als zusammengesetztes Wort (Seite 59 „Schiffsrecycling“, Seite 139 „Recyclingquote“, Seite 140 „Recyclingpotentiale“) vor. Das Wort Digitalisierung taucht über 70 Mal auf. Man kann also unschwer erkennen, wo die Prioritäten liegen.

Das aber das Wort Recycling quasi nur als Nebensatz beim Thema Rohstoffsicherheit, als Aufgabe der Industrie, vorkommt, sowie wenn es quasi um Umweltschutz geht und die Digitalisierung gar nicht in diesem Zusammenhang lässt sehr tief blicken.

Rohstoffkrise: Die digitalen Supermächte gestalten die digitale Transformation

Was Rohstoffe betrifft sind die digitalen Supermächte, wie Alphabet, Amazon, Apple, Alibaba, Microsoft, Baidu, Samsung, Tencent, usw. noch nicht in einer Zwangslage. Das kann sich aber schneller ändern als gedacht, wenn die e-Mobilität zu einer Zukunftstechnologie wird. Dann wird Frage nach den Grundlagenrohstoffen der Mobilitätsrevolution schnell virulent.

Das wird dann bedeuten, dass diese an digitaler Transformationserfahrung extrem reichen Unternehmen sehr schnell und sehr nachhaltig in einen Bereich vordringen könnten, der derzeit noch Unternehmen vorbehalten ist, die ganz wenig mit dem Thema Digitalisierung zu tun haben.

Noch hat der Kampf nicht begonnen – Die Sieger stehen heute schon fest

Die Sieger in diesem ungleichen Kampf stehen meiner Meinung nach aber schon fest, bevor der Kampf überhaupt stattfindet. Und nein, es sind nicht die bisher etablierten Unternehmen, außer sie werden von außen übernommen. So wie sich gerade aus der Vermittlungsplattform Airbnb der wahrscheinlich größte Reisevermarkter der Zukunft entwickelt, so werden Unternehmen, die heute gar nichts mit Kreislaufwirtschaft zu tun haben, in den kommenden Jahren in den Recyclingmarkt eintreten und mit digitalen Prozessen, die Herrschaft innerhalb weniger Jahre übernehmen.

Gegen die digitalen Supermächte haben selbst „gestandene“ Konzerne wie die europäischen Marktführer Veolia, Suez oder Remondis kaum eine Chance, wenn Rohstoffressourcen wirklich knapp werden. Wie das gehen soll? Zum Beispiel stellen Apple, Huawei und Samsung ihre Smartphones auf Abo-Modelle um. Mercedes macht es in Deutschland gerade mit seinen Autos vor. Damit bleibt die Kontrolle der Rohstoffe urplötzlich beim Produzenten. Gut im Sinne der Kreislaufwirtschaft, schlecht im Sinne der Mitbewerber und der Abfallbranche. Das Beispiel Flixbus zeigt den Weg.

Fehlende Medienmacht und -kompetenz der Entsorgungsriesen

Es fehlt den derzeitigen Branchenreisen einfach die digitale Transformationserfahrung gerade im Bezug auf ihre Kunden. Denn Logistik und Entsorgung lässt sich leichter zukaufen, als tragfähige hochvernetzte digitale Geschäftsprozesse zu entwickeln.

Und es fehlt der Abfallbranche etwas, dass alle digitalen Supermächte en gros besitzen. Eigene fast unbeschränkte Medienmacht gegenüber ihren Kunden. Hierzulande agieren offenbar viele Entsorgungsunternehmen möglichst weit weg vom Kunden. Soziale Netzwerke sind für die Branchenriesen erkennbar tabu. Man kann sich doch nicht auf Diskussionen mit Kunden einlassen? Digitale Supermächte zeichnen sich im Gegensatz dazu durch eine Fülle an Kontakt- und Interaktionsmöglichkeiten zu Verbrauchern, Lieferanten und Endkunden aus. Das ist Teil ihrer modernen Marktmacht. Je mehr Kanäle und Kontaktmöglichkeiten desto besser, um es ein wenig überspitzt auszudrücken.

Kundennähe als Siegesfaktor

Diese Kundennähe war noch bei jeder digitalen Revolution der entscheidende Faktor. Sei es bei Musik, im Filmgeschäft, beim Fernsehen, bei Fernbussen, bei Taxidiensten, in Sozialen Netzwerken, bei privaten Übernachtungsmöglichkeiten und viele andere. Nie waren es die Platzhirsche der Branche, sondern die disruptiven digitalen Geschäftsmodelle, die den Markt binnen kurzer Zeit auf das nachhaltigste veränderten, indem sie den Kundennutzen digital fokussierten und neues Kundenverhalten zugelassen haben.

Diese Regierung entscheidet über die Wettbewerbsmöglichkeiten der Zukunft

Deshalb sollte sich die neue Regierung zusammen mit der Industrie und der Kreislaufwirtschaft dringend darüber Gedanken machen, wie die Themen Digitalisierung, Abfallwirtschaft und Rohstoffpolitik zusammenführt sind. Denn derzeit kommen die weltbeherrschenden digitalen Supermächte aus den USA, China und eventuell aus Korea. Leider nicht aus Deutschland.

„Zwei Mal hat meine Frau schon angerufen und sich beschwert. Beim dritten Mal haben die einfach aufgelegt“, ärgert sich Anlieger Olaf Tödt. (Segeberger Nachrichten, 10.02.2018)

„In meiner Funktion als Sindlinger Ortsbeirat und auch Vorsitzender des regionalen Präventionsrates erreichen mich immer wieder Beschwerden der Bürgerschaft: Es wird hier zu wenig gesäubert.“ (Höchster Kreisblatt, 16.02.2018)

Hintergrund

Die Digitalisierung erobert immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft. Während in Industrie und Gewerbe noch über das Thema als kommende Veränderung (CHANGE) oder Chance (CHANCE) nachgedacht wird und Automatisierung gerne mit Digitalisierung verwechselt wird, sind 80% der Deutschen und 85% der Österreicher online. In Österreich sind 82% aller Mobiltelefone Smartphones – mit weiter steigender Tendenz. Die Gesellschaft ist quasi beinahe „durchdigitalisiert“. Deshalb haben wir den Hashtag #digichan, der sich ais DIGItaislierung und CHANge, CHANce aber auch CHANnel zusammensetzt, entwickelt. Der Wertstoffblog will unter diesem Hashtag die Entwicklungen der Digitalisierung in der Branche sichtbar machen und auf Chancen aber auch auf Risiken hinweisen.

Weitere Artikel:

#DIGICHAN 2: Digitalisierung in der Abfallwirtschaft

#DIGICHAN 1: Schrott übers Internet verkaufen – Startup mischt Branche auf

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