Geschichte des Recyclings IV: Das frühe 20. Jahrhundert

Gepostet von am 30. Jun 2016

Geschichte des Recyclings IV: Das frühe 20. Jahrhundert

Auf unserer Reise in die Geschichte des Recyclings machen wir heute Halt im frühen 20. Jahrhundert. Die Industrialisierung war zu der Zeit in vollem Gange und brachte jede Menge Müll mit sich. So viel, dass seine Entsorgung zu einem zentralen Problem wurde, dass insbesondere die Städter lösen mussten. Mal schauen, auf welche Strategien man vor gut 100 Jahren in Sachen Müllbeseitigung setzte!

Aus Abfall wird Müll

Den Begriff „Abfall“ nutzte man seit jeher und verstärkt seit der Industrialisierung für rein technischen Abfall, wie er beim Fertigen von Produkten, sei es in der Werkstatt des einfachen Handwerkers oder in einer der neu entstandenen Maschinenfabriken, abfiel. Erst als sich der Wohlstand mehrte, wandelte sich die Bedeutung des Begriffs. Denn mit dem Wohlstand wuchsen auch der Wunsch nach Konsum und die Zahl der konsumierbaren Güter. Und nicht nur das: Der Wohlstand der wenigen gut betuchten Bürger in den Städten schürte den Anreiz, den die Fabriken im Zuge der Industrialisierung gezündet hatten: Immer mehr Landbewohner strömten in die Städte, um Arbeit in den Fabriken zu finden und ihrerseits zu Wohlstand zu kommen. Die Folge des massenhaften Zuzugs: Die Bevölkerungszahl der Städte vervielfachte sich binnen kürzester Zeit. Was wiederum die Müllberge erneut anwachsen ließ. Deren Zusammensetzung änderte sich im Zuge dessen erheblich. Neben den üblichen Fäkalien und Haushaltsabfällen aus der Küche landeten zunehmend aussortierte Konsumgüter im Abfall.

Mithin charakterisierte das Wort „Abfall“ nicht mehr das, was in den Abfallhaufen steckte: Unerwünschtes, Unbrauchbares, Unnützes. Um genau diesen neuen Charakter des Abfalls zu beschreiben, kam um die Jahrhundertwende der Begriff Müll auf.

Aus Müll wird ein Müllproblem

Schon Jahre zuvor waren in Großbritannien die ersten Müllverbrennungsanlagen in Betrieb genommen worden. Müll wurde außerhalb der Städte deponiert und auch die Strategie der Mülltrennung ist eine, die um die Jahrhundertwende aufkam, wenn diskutiert wurde, wie man der wachsenden Müllberge und des zunehmenden Abwassers Herr werden wollte. Berlin-Charlottenburg wird beispielsweise genannt, wenn es um die ersten Mülltrennungspraktiken geht. Während man die beiden Strategien Müllverbrennung und -trennung im Sinne von (Wieder-)Verwertung wegen des Aufwands, den sie Privatpersonen bereitet hätten, eher kritisch betrachtete, fand das Deponieren trotz der dafür nötigen Kosten und der damit verbundenen Probleme, zum Beispiel die Landbeschaffung und die Hygiene, Anklang. So wird über eine Leipziger Deponie und ihre Entstehung berichtet und sogar gesungen:

„Im Nordwesten des Rosentals befindet sich eine künstliche Anhöhe. In den Jahren 1887 bis 1896 wurden hier 120.000 m³ (60.000 Pferdefuhren) Hausmüll zum 20 m hohen Rosentalhügel („Scherbelberg“) aufgeschüttet. Dieser wurde ab 1895 begrünt und 1896 mit einem 15 m hohen, hölzernen Aussichtsturm nach einem Entwurf von Hugo Licht bebaut.“

Aus Straßenreinigung wird Stadtreinigung

Am Beispiel der Stadt Kiel, insbesondere der Geschichte der Kieler Stadtreinigung, die hier ausführlich dokumentiert wird, lässt sich prima zeigen, was in Sachen Müllbeseitigung zur Jahrhundertwende in deutschen Städten anstand:

Aus der Vorgeschichte

1563 – erste nachweisliche Reinhaltungsvorschriften für die Stadt. Eine Eintragung in die „Burspake“) ordnet unter 60 Schilling Strafe an, „dat eine jeder vor siner Döre de Straten reinholde und alle Sonnavende den Dreck hernwech up den Wall bringe . . .“

1728 – der in Kiel residierende Herzog von Holstein-Gottorp ordnet den Erlass einer hochfürstlichen Straßenordnung an. Sie sieht eine geregelte Straßenreinigung vor, überwacht von einem sogenannten Gassenherrn. Demnach durfte kein Unrat auf der Straße landen. Stattdessen sollte er in hölzernen Balgen gesammelt und aufgehoben werden, bis die „. . . zur Reinigung der Gassen bestellten und wenigstens ein- und wann es nötig ist, zweymal in der Woche alle Gassen durchgehende Wagen oder Karren es zugleich mit auf- und wegnehmen können“.

Kurz vor der Jahrhundertwende: Eröffnung der Kieler Straßenreinigungsanstalt

„Angesichts des starken Bevölkerungszuwachses erweist sich die geltende Form der Straßenreinigung als unzulänglich. Am 3. Juli 1891 beschließt die Stadt, eine eigene Straßenreinigungsanstalt zu gründen, die an der Ecke Eckernförder Chaussee und Gutenbergstraße mit einem Kostenaufwand von 162.000 Mark erbaut wird. Am 1. April 1892 nehmen dort 70 Arbeiter ihren Dienst auf. Ihre Aufgaben umfassen:

  • die Reinigung der Straßen,
  • die Abfuhr des Haus- und Straßenkehrichts,
  • die Reinigung der Schlammkisten
  • sowie die Bespannung der Feuerlöschwagen, des Desinfektionswagens und des Transportwagens für Gefangene.“

„1899 – An die Stelle der im Gründungsjahr festgelegten Tätigkeiten treten noch vor der Jahrhundertwende die elementaren Aufgaben der Straßenreinigungsanstalt. Zu ihnen zählen nach wie vor die Straßenreinigung, die Müllabfuhr und die Reinigung der Schlammkisten, hinzu kommen aber

  • die Straßenbesprengung,
  • die Reinigung der öffentlichen Bedürfnisanstalten,
  • die Reinigung der Kanalisation und der Regenwassereinläufe,
  • die Abdeckereien,
  • die Räumung von Schnee und Eis
  • sowie die Fäkalabfuhr.“

Mit dem Beschluss zur Übernahme der Fäkalabfuhr durch die Anstalt reagiert die Stadt auf die zunehmende Nachlässigkeit der verschiedenen Privatunternehmen, die bis zu diesem Zeitpunkt diese Dienstleistung übernommen haben. Dafür entfällt mit Wirkung vom 1. April 1899 die Bespannung der oben genannten Fahrzeuge. All diese Tätigkeiten werden, sofern erforderlich, bis Mitte der Zwanzigerjahre ausschließlich mit Pferdefuhrwerken verrichtet.“

Die Jahrhundertwende

„1901 – Im September 1901 nimmt eine Fäkaldüngerfabrik ihren Betrieb auf, wovon das östlich angrenzende Wohnviertel noch heute Zeugnis ablegen kann, wird es doch seitdem Stinkviertel genannt. Die Fäkalien werden durch Behandlung mit Schwefelsäure in einem speziellen Dampfverfahren zu hochwertigem und versandfähigem Dung verarbeitet.“

„1905 – Um eine Behinderung der Stadtbevölkerung am Tage zu vermeiden, findet die Hauptreinigung der Straßen nachts statt, wobei die Altstadt sowie die verkehrsreichen Straßen sechsmal wöchentlich, die übrigen Viertel hingegen zweimal wöchentlich gesäubert werden. Die Mitarbeiter des Straßenreinigungsdienstes übernehmen auf ihren Touren auch die Säuberung der öffentlichen Bedürfnisanstalten. Im Jahr 1905 verfügt die Stadt über 38 Bedürfnisanstalten mit einer Gesamtfläche von 267 m².“

„1906 – Die Müllbeseitigung entwickelt sich aufgrund des starken Bevölkerungszuwachses zu einem herausragenden Hygieneproblem. Im März 1905 beschließt die Stadt den Bau einer Müllverbrennungsanstalt, die bereits im Dezember 1906 im Grasweg ihren Betrieb aufnehmen kann. Damit einhergehend wird in Kiel das äußerst fortschrittliche und hygienische Wechseltonnensystem eingeführt. Das System der nächtlichen Müllabfuhr wird aufgegeben.“

Die 1920er-Jahre

„1919 – Die Fäkaldüngerfabrik wird im August 1919 geschlossen, weil infolge der schlechten Ernährungslage die Fäkalien kaum noch Pflanzennährstoffe enthalten und somit als Dünger unbrauchbar sind.“

„1922 – Am 1. April 1922 wird die Müllverbrennungsanlage am Grasweg aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen und in eine an ein modernes Müllsortiersystem angeschlossene Verwertungsanstalt umgebaut. Diese Anstalt wird 1923 fertiggestellt und 1924 an eine Aktiengesellschaft verpachtet.“

„1925 – Der erste treibstoffbetriebene Müllwagen wird in den Fuhrpark der Straßenreinigungsanstalt aufgenommen. Bis 1927 kommen zwei Kehrmaschinen und zwei für andere Zwecke umrüstbare Motorsprengwagen hinzu. Dieser Umstellungsprozess wird kontinuierlich fortgesetzt, so dass 1938 nur noch 30 Pferde in den Stallungen stehen.“

Diese historischen Momentaufnahmen lassen uns Zeitreisenden das Herz höher schlagen. Stecken darin doch unzählige Details, die es hinsichtlich der Geschichte des Recyclings noch zu erkunden gilt, zum Beispiel „das äußerst fortschrittliche und hygienische Wechseltonnensystem“ oder „in eine an ein modernes Müllsortiersystem angeschlossene Verwertungsanstalt umgebaut“. Doch dafür ist heute keine Zeit mehr, denn die Gegenwart ruft uns zurück (leider mit fast immer noch denselben Müllproblemen) – heben wir uns die tiefere Recherche doch für ein Andermal auf!

 

Weitere Artikel zur Geschichte des Recyclings:

DIE GESCHICHTE DES RECYCLING III – DIE INDUSTRIALISIERUNG

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS II – DAS MITTELALTER

DIE GESCHICHTE DES RECYCLINGS I – DIE ANTIKE

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