Südamerika: Abfallentsorgung – Der Blick in die Schwellenländer V

Gepostet von am 17. Aug 2016

Südamerika: Abfallentsorgung – Der Blick in die Schwellenländer V

Der letzte Artikel der Serie handelte über die Abfallentsorgung in Brasilien. Dank zweier Großveranstaltungen – Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 – versuchte das Land, seine Probleme mit den Abfallmassen zu bewältigen. Zumindest in den großen Städten konnte man die Ergebnisse wahrnehmen. Mit der Infrastruktur eines Schwellenlandes, kaum vorhandenen Anlagen zur thermischen Verwertung und dem Recycling-Know-how der Catadores – den privaten Müllsammlern – gelang es, ein Abfallgesetz aufs Papier zu bringen, das anderen Entwicklungs- und Schwellenländern als Vorbild dienen könnte. Womöglich auch anderen Ländern in Südamerika.

Eines der größten Probleme in Bezug auf die Abfallentsorgung teilt Brasilien mit seinen Nachbarländern: Das Umweltbewusstsein der Bevölkerung ist schwach ausgeprägt. Die Menschen sind nicht im Bewusstsein aufgewachsen, dass Abfall einerseits zu wertvollen Recyclingrohstoffen verarbeitet werden kann, und dass andererseits zu viel Abfall die Umwelt und damit die Lebensqualität massiv gefährdet. Und das ist kein Wunder. Denn der Abfall kam Hand in Hand mit dem Konsum. Und der ist in Südamerika erst in den letzten Jahrzehnten so richtig eingezogen.

Peru – Die Gewässer voller Abfall

Ein Land, das in Bezug auf die Abfallentsorgung mit Brasilien einiges gemeinsam hat, ist Peru. Auch dort mahlen die staatlichen Mühlen langsam. Offiziell wird der Abfall von der jeweils zuständigen Stadt- oder Bezirksverwaltung entsorgt. Die Betonung liegt hier auf dem Wort „offiziell“. Denn die Infrastruktur der Abfallentsorgung ist nicht ausgeprägt genug, um alle Haushalte des Landes zu erreichen. Es gibt Gemeinden, in denen die Verwaltung den Abfall schlicht nicht abholt, in denen sich die Behörden nicht darum kümmern. Dann müssen Firmen oder gar Privatpersonen einspringen. Gegen ein kleines Entgelt sammeln Ärmere die Abfälle und suchen im Anschluss nach einer leichten Art der Entsorgung. In der Regel wird der Abfall in einen nahegelegenen Fluss oder auf eine wilde Müllkippe geworfen.

Die Leute sind genötigt, so zu handeln, da die nächste legale Mülldeponie zu weit entfernt ist. Die Gemeindeverwaltungen agieren nicht anders. Ist die Alternative zu umständlich, entledigen auch sie sich ihrer Abfälle in einem Fluss. Für die Gewässer und die Menschen, die um diese Gewässer leben, hat das verheerende Folgen. Ganze Bevölkerungsgruppen verlieren ihre Trinkwasserquellen. Aber was können die Menschen tun, solange die staatlichen Behörden nicht aktiv werden? Es gibt Leute, die ihre Abfälle vor ihrer Behausung verbrennen, weil sie die Flüsse nicht noch mehr verschmutzen wollen. 2008 wurde schließlich der Staat aktiv und erließ ein Gesetz, laut dem es von nun an verboten war, Abfall in Flüssen zu entsorgen. Eine Bedingung für das Gesetz war die gleichzeitige Gründung des Umweltministeriums.

Lima – Eine Megacity erstickt im Abfall

Wie Brasilien ist auch Peru zwar ländlich geprägt, hat aber mit Lima eine Megastadt, die in puncto Abfallentsorgung eine besondere Herausforderung darstellt. Lima hat zwei Gesichter. Eines, das nur die Touristen sehen, in den für Touristen typischen Vierteln. Dort werden die Straßen fleißig geputzt und der Abfall wird regelmäßig abgeholt. In den entlegenen Gebieten der Großstadt sieht es anders aus. Und anders riechen tut es auch. Dort putzt niemand, und den Abfall holt auch keiner ab.

Die rund zehn Millionen Einwohner Limas produzieren pro Tag über 8.000 Tonnen Abfall. Weder Recycling noch thermische Verwertung gibt es – sondern bloß vier offizielle Mülldeponien. Vier Deponien in einer Megacity, in der die Müllabfuhr nur fährt, wo auch Touristen anzutreffen sind. Es überrascht nicht, dass es neben diesen vier legalen Deponien unzählige illegale gibt. Rund ein Fünftel des Abfalls landen auf solch einer.

Eine Lösung braucht Zeit

Eine Lösung des Problems müsste an allen Ecken ansetzen. Die Verwaltungsbehörden müssten ihre Zuständigkeit für das Abfallproblem anerkennen und entsprechend handeln. Ohne Recycling und thermischer Verwertung wird Lima bald im eigenen Abfall ersticken. Und nicht zuletzt müssten auch die Einwohner eingebunden werden. Die Sinnhaftigkeit der Reformen muss ihnen verdeutlicht werden, denn bisher sind nur 30 Prozent der Bevölkerung bereit, für die Müllabholung zu zahlen.

Chile ist bereits einige Schritte weiter. Dort wurde im April dieses Jahres ein Gesetz für eine erweiterte Produzentenverantwortung verabschiedet. Ähnlich wie in Deutschland müssen die Hersteller nun die Sammlung und Entsorgung der Abfälle organisieren. Die Entwicklung in den nächsten Jahren wird spannend zu beobachten sein, denn bisher werden in Chile gerade einmal zehn Prozent des Abfalls recycelt.

 

Weitere Artikel zum Thema Schwellenländer:

BRASILIEN: ABFALLENTSORGUNG – DER BLICK IN DIE SCHWELLENLÄNDER IV

CHINA: ABFALLENTSORGUNG – DER BLICK IN DIE SCHWELLENLÄNDER III

ABFALLENTSORGUNG – BLICK IN DIE SCHWELLENLÄNDER II

INDIEN UND ÄGYPTEN: ABFALLENTSORGUNG – DER BLICK IN DIE SCHWELLENLÄNDER I

 

Quellen:

http://www.grenzenlos-online.at/public/Sp_PERU-Umwelt.pdf

http://www.wiwo.de/technologie/green/living/mit-gopros-geier-suchen-in-peru-nach-illegalen-muelldeponien/13553860.html

http://chile.ahk.de/aktuelles/news/single-view/artikel/neues-gesetz-laesst-abfallwirtschaft-hoffen/?cHash=d2f36206f2383cb5c83e5eed0da93c2c

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