Recycling/Upcycling im größten Flüchtlingslager der Welt

Gepostet von am 12. Okt 2016

Recycling/Upcycling im größten Flüchtlingslager der Welt

Dadaab. Das ist seit 25 Jahren die Adresse von Flüchtlingen. Mit schätzungsweise mehr als einer halben Millionen Menschen auf der Flucht, die es beherbergt, ist Dadaab im Norden Kenias an der Grenze zu Somalia das größte Flüchtlingslager der Welt. Dort spielt das Thema Recycling eine große Rolle. Ein weiteres Fallbeispiel aus unserer Reihe „Recycling/Upcycling aus der Not heraus“.

Über das Flüchtlingslager Dadaab

Während des Bürgerkriegs in Somalia, 1992, entstand das Camp des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Es war ursprünglich ausgelegt für 90.000 Menschen. Derzeit leben dort laut Schätzungen um die 350.000 Menschen (andere Quellen beziffern die Flüchtlinge in Dadaab auf bis zu 600.000 Menschen). Das schreibt Deutschlandradio Kultur hier online. Ein Großteil von ihnen stamme demnach aus Somalia (hier steht: 343,043 refugees currently living in Dadaab camp, 326,611 are Somalis). Zur Atmosphäre in Dadaab müsse man laut Deutschlandradio Kultur wissen, dass die Bewohner des Flüchtlingslagers isoliert würden, sie hätten kaum Verbindungen zum Rest der Welt. Wichtig: Im Sommer diesen Jahres hatte Kenias Regierung bekannt gegeben, Dadaab schließen zu wollen – von dieser von aller Welt kritisierten Position rückte man inzwischen jedoch wieder ab.

Die Stadt der Verlorenen

Der britische Journalist und Mitarbeiter von Human Right Watch, Ben Rawlence, recherchierte für sein im Frühjahr diesen Jahres erschienenes Buch „Stadt der Verlorenen“ mehrere Jahre lang regelmäßig im Lager Dadaab. Er sagt im Gespräch mit dem bereits genannten Radiosender, dass sich ein Flüchtlingslager dieser Größenordnung nicht einfach so auflösen lasse: „Es ist eine Stadt von der Größe Frankfurts, die schon seit 25 Jahren existiert. Können Sie sich vorstellen, mal eben die Stadt Frankfurt abzubauen?“

Generationen wachsen ohne Hoffnung auf

Auf die Frage, ob es wirklich eine so schlechte Idee wäre, diese Flüchtlingsstadt, in der inzwischen drei Generationen von Flüchtlingen lebten – ohne die Hoffnung auf eine Zukunft – zu schließen, antwortete Rawlence: „Niemand möchte gerne in Dadaab leben. Am wenigsten die Flüchtlinge, die dort festsitzen, in diesem Gefängnis in so einer heißen Wüste. Aber der Grund, warum es weiter besteht, ist, dass die Menschen keine anderen Möglichkeiten haben. Sie können nicht zurück nach Somalia, weil dort noch Krieg herrscht, und obwohl Kenia weiterhin darauf besteht, dass Somalia ein friedliches Land sei, ist das nicht der Fall. Wir sehen derzeit Menschen von Somalia nach Dadaab wiederkehren, die versucht hatten, nach Somalia zurückzugehen, dort aber gesehen haben, dass die Lage überhaupt nicht friedlich ist, dass Al-Shabab noch immer da ist und weiterhin versucht, ihre Kinder zu rekrutieren. Nach Kenia können sie nicht, weil Kenia diese Flüchtlinge nicht integrieren will, und der Rest der Welt will sie auch nicht haben. Der Grund dafür, dass diese Stadt seit 25 Jahren existiert, liegt also genau darin, dass es keine einfachen Antworten gibt.“

Wie auf einem fremden Planeten

Am besten könne man sich das Lager als fremden Planeten vorstellen, sagte Rawlence weiter, es sähe ein bisschen aus wie auf dem Mars, ein bisschen wie unser Leben hier auf diesem Planeten, aber gleichzeitig seien diese Leute so abgetrennt von uns, sie hätten kaum Verbindungen zum Rest der Welt. Sie hätten dadurch fremde Charaktere entwickelt, sie hätten seltsame Vorstellungen von sich selbst, auch weil ihr Hirn nicht allzu weit in die Vergangenheit blicken könne, wegen des Kriegstraumas, aber auch nicht sehr weit in die Zukunft, weil die Zukunft so hoffnungslos und endlos wie die Gegenwart erscheine. Und in der Gegenwart könnten sie auch nicht richtig heimisch werden, weil die aktuelle Situation in dieser Stadt – ohne richtige sanitäre Anlagen, in der sie nicht arbeiten könnten, wo sie von Trockennahrungsrationen der UNO abhängig seien – so schrecklich sei.

Wer mit eigenen Augen sehen möchte, wie es im Lager Dadaab zugeht, schaut sich das Video von Care an (Quelle: Youtube):

Versorgung der Flüchtlinge in Dadaab

Auf der Internetseite Gemeinsam für Afrika liest man über das Flüchtlingslager Dadaab Folgendes: Dass jeder Flüchtling ausreichend Wasser und Nahrung erhalte, sei Aufgabe von Bishar Salat Ahmed. Seit nunmehr 20 Jahren sei er vor Ort. Oft wünsche sich der CARE-Cheflogistiker, der Tag hätte mehr als 24 Stunden. Aber was er und sein Team koordinieren, ist eindrucksvoll: Für 7.000 Tonnen Lebensmittel im Monat und 7,5 Millionen Liter Wasser am Tag sorgten die 290 CARE-Mitarbeiter und 2.200 helfende Flüchtlinge rund um die Uhr. Wasserleitungen würden verlegt, Bohrlöcher, Tanks und Zapfstellen errichtet. Ein Labor überwache die Wasserqualität. Die Helfer klärten demnach auch über die wichtigsten Hygieneregeln auf.

Recycling in Dadaab – aus der Not heraus

Eine weitere wichtige und riesige Herausforderung sei laut dem Bericht von Gemeinsam für Afrika für CARE eine kluge Müllentsorgung durch Recycling. Deshalb unterhalte CARE in Dadaab, in Ifo und Hagadera Recycling-Zentren. Hier könnten Familien gegen einen kleinen Obulus ihren Plastikmüll abgeben. Wer möchte, werde von CARE in der Weiterverarbeitung geschult und könne im Recycling-Zentrum mitarbeiten. Für Flüchtlinge, die im Land Kenia keine Möglichkeit hätten, offiziell eine Arbeitsstelle anzunehmen, sei das – neben Gärtnerei und Näherei – eine der von CARE geschaffenen Ausbildungs- und Einkommensmöglichkeit.

Recyclingprodukte für das Lager

Und so laufe das Recycling in Dadaab ab: Zunächst werde der Müll sortiert. Plastikplanen und gut erhaltene Folien könnten für die Eigenproduktion von Taschen und andere Flechtarbeiten, zum Schutz der Hütte und vielem mehr genutzt werden und seien im Lager eine Kostbarkeit, schreibt Gemeinsam für Afrika. Deshalb würden große Plastikfolien und Planen erst gewaschen, getrocknet und schließlich von den Lagerbewohnern selbst weiterverarbeitet. Von CARE geschulte Näherinnen webten das Plastikmaterial und verarbeiteten es dann zu Taschen weiter oder flechteten daraus Körbe. Diese würden für den Eigenbedarf genutzt oder auf den kleinen Märkten innerhalb der Lager verkauft.

Die Initialzündung für das Recyclingprojekt in Dadaab kam von der Somali Habibo Ali Malim. Ihre Geschichte könnt ihr in diesem UNHCR-Bericht nachlesen, aus dem ich nur diesen Auszug zitieren möchte:As Malim, a mother of seven, recalls, she wanted to make a mat to cover the entrance to a latrine in Hagadera refugee camp (one of three camps in the Dadaab complex in north-eastern Kenya). She feared being molested if she ventured outside Hagadera to gather plant fibre, so she improvised with something readily available inside the camp – old plastic bags cut into strips.

,All Somalis are natural weavers, because our houses are made from sisal and bark from trees woven into mats‘, says Malim outside the small workshop where her wares are displayed today.”

Plastikpellets für industrielle Abnehmer
außerhalb des Flüchtlingslagers

Nicht mehr zu verwertendes Plastik werde nach Farben sortiert und in Schreddermaschinen zu Plastikpellets verarbeitet. Dazu bilde CARE Bewohner des Lagers an speziellen Schreddermaschinen aus. Die Plastikpellets würden an verarbeitende Recyclingfirmen in Nairobi verkauft. Der Erlös sei ein wichtiges Zusatzeinkommen für alle Flüchtlinge, die im CARE-Recycling-Zentrum auf freiwilliger Basis helfen und mitarbeiten.

Hier ein paar dokumentierende Zahlen zu den Recycling-Erlösen: „The project, initially set up in 2012 is managed on a daily basis by the Refugee Recycling Income Group (RRIG), a Hagadera-based community-based organisation, generating income from the sale of shredded plastic waste product. The group earns 15 Kenya Shillings (0.3 US Dollars) per kilogramme of packed product.“

Positive Nebeneffekte des Recyclingprojekts Dadaab

Zwei wichtige Nebeneffekte habe das Recyclingprojekt in Dadaab zudem: Die Verbreitung von Krankheiten sei reduziert und die Umwelt sauberer: The project has contributed significantly to the reduction of plastic waste in Hagadera and beyond, improving the overall solid waste, hygiene and sanitation situation. The project has also cut down on disease in the camp, since the plastic bags that used to litter the landscape provided fertile breeding grounds for mosquitoes. In addition, animals used to die after eating these bags, and their rotting carcasses contributed to the spread of disease.

The project has been so successful in improving the appearance of the camp that the police chief of the nearest large town, Garissa, reportedly suggested the Hagadera group come to his town to gather up the ubiquitous plastic bags littering the ground there.

 

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