Ist eine 100-prozentige Recyclingquote machbar?

Eine Recyclingquote von 100 Prozent würde bedeuten, dass der Anteil der tatsächlich aus dem Abfall recycelten Wertstoffe 100 Prozent beträgt. Oder anders geschrieben: Es gäbe keinen Abfall mehr, da alles, was man nicht mehr braucht, wiederverwertet werden könnte. Ist das machbar – oder nicht?
Die Frage nach der Machbarkeit beantworteten Experten bereits. Nicht mit einem klaren Ja oder Nein. Sondern mit einer Vision. Die sie mit konkreten Empfehlungen zur Umsetzung verbanden. Nicht für alle Wertstoffe, aber immerhin für strategische Rohstoffe. Und das geschah schon im Sommer 2011. Da kam das von Bundeskanzlerin Angela Merkel einberufene Gremium, der Rat für Nachhaltige Entwicklung (kurz: RNE), zu dem Schluss, dass die amtierende Bundesregierung die „100 Prozent Recycling strategischer Rohstoffe“ anstreben solle, da davon noch zu viele mit dem Abfall verbrannt werden würden. Der RNE empfahl dazu eine Neuausrichtung der Rohstoffpolitik. In seinem Gutachten „Wie Deutschland zum Rohstoffland wird“, das er der Bundesregierung Anfang Juni 2011 vorgelegt hatte, zeigte der Rat seine Vision einer 100-prozentigen Kreislaufführung metallischer und mineralischer Ressourcen wie „Silber und Gold, Indium, Gallium und Kobalt“ auf. Denn deren maßloser Verbrauch gefährde laut RNE-Gutachten „die menschlichen Lebensgrundlagen weltweit, aber konkret auch den Wohlstand im Hightech-Industrieland Deutschland“, heißt es in der Pressemitteilung des RNE.
Der damalige Ratsvorsitzende Hans-Peter Repnik sagte der Presse anlässlich der Veröffentlichung des Gutachtens am 20. Juni 2011 in Berlin: „Der absolute Verbrauch von Rohstoffen ist angesichts der begrenzten Ressourcen und ökologischen Tragfähigkeit zu hoch. Ein nachhaltiger Umgang mit Rohstoffen muss Eckpfeiler einer ‚Green Economy’ sein, und Deutschland sollte auf diesem Gebiet Vorreiter sein. Die Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Verbrauch strategischer Metalle und Mineralien muss ein strategisches Ziel deutscher Rohstoffpolitik werden.“
Die deutsche Roadmap zu 100-prozentigem Recycling strategischer Rohstoffe
Mit dem Gutachten lieferte der Rat für Nachhaltige Entwicklung konkrete Handlungsanweisungen, um die Rohstoffpolitik neu auszurichten. Das erfordere demnach:
- die Erarbeitung einer Roadmap, die hohe Erfassungsquoten nicht nur für Massenrohstoffe wie Papier, Glas, Kunststoffe und Metalle (Kupfer, Stahl, Aluminium) festlege, sondern insbesondere für strategisch wichtige Rohstoffe für Schlüsseltechnologien, darunter Edelmetalle, Halbedelmetalle und Seltene Erden.
- In einem zweiten Schritt sollten Standards für Recyclingprozesse bestimmt werden. Hierfür seien Methoden, Messgrößen und statistische Grundlagen zu erarbeiten. In die Roadmap gehörten laut RNE konkrete Angaben dazu, wie bestehende Entwicklungshemmnisse beseitigt werden sollen.
- Nach Auffassung des RNE sollte die Bundesregierung auf internationale soziale, Umwelt- und Transparenzstandards für den Abbau von Primärrohstoffen Diese würden dazu beitragen, dass Primärrohstoffpreise deren wahren Wert abbildeten. Die Wettbewerbsfähigkeit von Sekundärrohstoffen aus Recycling nähme zu.
- Rohstoffpolitik müsse nach Ansicht des RNE explizit Teil der deutschen Nachhaltigkeitspolitik
- Der RNE empfahl der Bundesregierung zudem, in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie den Indikator Rohstoffproduktivität zu einer Referenz für die fachpolitischen Bereiche Wirtschaft, Abfall und Umwelt auszubauen. In diesen fachpolitischen Bereichen sollten weitere, differenzierte Indikatoren entwickelt werden, die anzeigen, ob und wie das Ziel ‚Steigerung der Rohstoffproduktivität‘ der Nachhaltigkeitsstrategie erreicht werden würde.
- Im Zuge einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft müssten nach Ansicht des RNE Konsumenten und Produzenten zu neuen Rollen finden: Das bereits in gängigen Leasingmodellen angewendete Prinzip „Nutzen statt Besitzen“ sollte anstelle des vorherrschenden „Kaufen um zu besitzen“ treten. Es böte Raum für neue Dienstleistungsmodelle und lasse sich auf viele wertstoffreiche Produkte anwenden, darunter Computer, Mobiltelefone, Unterhaltungselektronik und elektrische Haushaltsgeräte.
- Die Verantwortung für das Produkt und die darin verarbeiteten Rohstoffe bliebe so beim Hersteller und beim Handel. Hersteller erhielten damit einen Anreiz, Produkte von vorneherein so zu konzipieren, dass sich die enthaltenen Wertstoffe leicht wiederverwerten ließen. „Produktverantwortung muss zur Rohstoffverantwortung werden“, heißt es in der Empfehlung dazu.
Beim Lesen des vollständigen Gutachtens des RNE bleibe ich bereits am ersten Satz hängen: „Obwohl die Idee der Nachhaltigkeit breite Zustimmung findet, ist der Umgang mit wichtigen Ressourcen immer noch vom Wegwerfen und ‚Weg-Verbrauchen‘ geprägt.“ Ich beziehe diesen Satz nicht nur auf die im Gutachten behandelten metallischen und mineralischen Rohstoffe, sondern auf alles, was wir Verbraucher verbrauchen. Auf alles, was ich verbrauche. Könnte ich meinen Verbrauch nachhaltiger gestalten? Könnte ich mit weniger Besitz auskommen? Fragen, denen ich mich demnächst hier mal ausführlicher stellen werde.
Weiter im Text heißt es unter Punkt 2: „Müssen wir nicht statt von Wachstum von einer Verlustwirtschaft sprechen, wenn wir uns den Umgang mit endlichen Ressourcen kritisch ansehen? Können wir uns auf Dauer eine Verlustwirtschaft leisten, die endliche Ressourcen wegwirft und den Reichtum an Ressourcen verringert? In deutschen Schulatlanten steht, dass Deutschland ein rohstoffarmes Land ist. Das ist falsch. In Deutschland gibt es Silber und Gold, Indium und Gallium, wertvolle Mineralien und lebenswichtige Nährstoffe in Hülle und Fülle – nur dass wir sie nicht als Rohstoff ansehen, sondern als Abfall behandeln. Noch.“
Die Verfasser des Gutachtens, Experten auf verschiedenen Gebieten (mehr zu den Ratsmitgliedern steht hier), schreiben weiter: „Die konkrete Vision einer nachhaltigen Nutzung endlicher Rohstoffe geht weit über das heute politisch Machbare und Finanzierbare hinaus. Sie orientiert sich an der Einsicht, dass die Endlichkeit von Rohstoffen eine wirkliche Grenze für das Wirtschaften und den Konsum bedeutet, die schon lange vor ihrem Erreichen zu ökonomisch schädlichen und mindestens nicht wünschenswerten Effekten und erheblichen ökologischen Belastungen führt. Nur mit ökologisch-systemischem Denken schaffen wir Wege zu einem vollständigen Kreislauf, der in unser Wirtschaftssystem passt und es zugleich auch mit innovativen Anreizen fortentwickelt. Deshalb schlagen wir allen Beteiligten in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft vor, gemeinsam die konkrete Vision einer 100-prozentigen Kreislaufwirtschaft1 und des langfristigen Verzichts auf den Verbrauch endlicher, nicht erneuerbarer Rohstoffe zu verfolgen, auszuarbeiten und umzusetzen.“
Warum habe ich das Ganze hier so ausführlich dokumentiert? Warum ziehe ich zur Beantwortung der eingangs genannten Frage ein Gutachten aus dem Jahr 2011 heran – ist das nicht längst überholt? Ich denke nicht. Ich bin der Meinung, dass das Gutachten ein wichtiges Strategie-Papier ist, an dessen Umsetzung die Politik sich von mir messen lassen muss – und solange ich keine Umsetzung sehe, lasse ich so ein Papier nicht in Vergessenheit geraten. An der eingeforderten Einsicht müssen wir alle arbeiten, Hersteller und Verbraucher. Noch fehlt sie in vielen Köpfen. Auch das ist mir Grund genug, das Strategiepapier hier zu zitieren.
Cradle to Cradle – ein ganzheitliches Konzept gegen Müllberge und Rohstoffverschwendung
Die Idee von einer 100-prozentigen Recyclingquote, also einer kompletten Wiederverwertung unseres Abfalls, der dann genau das nicht mehr ist, ist keine Erfindung des RNE. Die perfekte Kreislaufwirtschaft der Natur ist seit langem Vorbild für Wissenschaft und Forschung, um des Müllproblems unserer Zeit Herr zu werden. Cradle to Cradle (C2C) ist ein Konzept, das in diesem Zusammenhang vorgestellt werden muss.
Cradle-to-Cradle-Pionier Albin Kälin, ein Schweizer Textilkaufmann, der 1993 ein erstes C2C-Produkt auf den Markt brachte, spricht hier in einem Interview mit wirks, dem Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz, über seine “Denkungsart” C2C.
Nach Kälins Idee entwickelten der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt Bill McDonough das Konzept C2C: Es ging den beiden damit nicht mehr nur um Abfallvermeidung im Sinne von Schadensminimierung für die Umwelt, sondern um eine Kreislaufwirtschaft mit 100-prozentiger Wiedereinbringung von Stoffen in neue Kreisläufe, ohne dass überhaupt Umweltschäden entstehen: „Während alle Produkte, welche der Mensch herstellt, ‚von der Wiege ins Grab‘ (cradle-to-grave) führen, weil alles irgendwann immer auf Mülldeponien landet, möge man sich die Natur zum Vorbild nehmen, wo niemals Abfall anfällt und immer alles wiederverwertet wird. Alles, was endet, ist wieder Nährstoff für etwas Neues. Stoffe reisen somit ‚von der Wiege zur Wiege‘ (cradle-to-cradle). Nach diesem natürlichen Prinzip soll der Mensch seine Welt gestalten“, beschreibt wirks das Konzept. Die beiden „Erfinder“ von C2C unterschieden sämtliche Materialien deshalb in zwei Klassen:
- biologische Nährstoffe (total verrottbare Stoffe) in biologischen Kreisläufen: vollständig biologisch abbaubare Verbrauchsgüter
- technische Nährstoffe (Stoffe, die zu Ausgangsmaterial anderer Produkte werden) in technischen Kreisläufen: endlos recycelbare Gebrauchsgüter
„Wenn es gelänge, alle Produkte als biologische oder technische Nährstoffe anzulegen und sie mithilfe erneuerbarer Energie herzustellen, müsste man sich nicht einmal mehr über CO₂-Bilanzen (sprich: den ökologischen Fußabdruck – Anmerkung von mir) Gedanken machen“, schreibt die Zeit in ihrer Online-Ausgabe. Die Wochenzeitung führt auch an: „Braungart und McDonough gründeten zwei Unternehmen, mit denen sie andere beim Produktdesign nach der Cradle-to-Cradle-Philosophie (C2C) beraten und Produkte zertifizieren. Über 500 haben bereits ein C2C-Label erhalten.“
Wirks schreibt in seiner C2C-Ausgabe vom Sommer 2010 jedoch bemerkenswerter Weise, dass Cradle-to-Cradle somit bloß ein Etikett sei, welches auf das seit 3,5 Milliarden Jahren erfolgreiche Betriebssystem dieses Planeten geklebt werde. So, wie auf eine Banane ein Markenname geklebt werde, als hätte „Chiquita“ die Banane erfunden und erzeugt.
Der Mensch entdecke demnach, dass er Bestandteil der Natur sei. … Cradle-to-Cradle sei wirks zufolge“ nichts, was erfunden wurde, es ist keine Innovation, es ist die Erinnerung des Menschen an sich selbst, sein Télos. Diesen griechischen Begriff kann man mit ‚Ziel‘ übersetzen. Jeder Mensch hat sein Ziel, doch nicht in dem Sinne wie ein Manager Ziele hat, sondern im Sinne von Zweckbestimmtheit. Dieser Télos lässt sich nicht erschaffen, er ist stets da und kann nur erinnert und wiedergefunden werden. C2C ist die Wiederentdeckung des Umstandes, dass der Mensch Bestandteil der Natur ist, einer Natur, die in endlosen Kreisläufen agiert, weil dies die einzige Möglichkeit ist, zu bestehen.“
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass das C2C-Konzept nicht unumstritten ist. Wer sich mit Fürs und Widers beschäftigen will, kann hier weiterlesen:
http://www.wirks.at/wp-content/uploads/2010/09/wirks_sommer_gesamt.pdf
http://epea-hamburg.org/de/content/cradle-cradle%C2%AE
http://www.braungart.com/de/content/c2c-design-konzept
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Cradle-to-Cradle-Recycling-Abfall
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96koeffektivit%C3%A4t
http://wertstoffgesetz-fakten.de/statement-professor-dr-michael-braungart/
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3 Kommentare
Gehört dazu: Das BMUB hat den ersten Entwurf zur Fortschreibung des Deutschen Ressourceneffizienzprogramms (ProgRess II) veröffentlicht. Er enthält wichtige Maßnahmen, mit denen unser Material- und Energiebedarf umweltverträglicher gestaltet werden kann. Interessierte Bürgerinnen und Bürger, Behörden, Länder und Kommunen haben die Möglichkeit, bis zum 14. September 2015 zu dem Entwurf Stellung zu nehmen und Verbesserungsvorschläge einzureichen. Mehr dazu hier. http://www.bmub.bund.de/presse/pressemitteilungen/pm/artikel/bmub-legt-ersten-entwurf-zur-fortschreibung-des-deutschen-ressourceneffizienzprogramms-vor/?tx_ttnews%5BbackPid%5D=1
Es ist traurig, dass auch in der heutigen Zeit nur so wenige Menschen sich wirklich aktiv am Umweltschutz beteiligen. Ich hoffe inständig, dass sich dies mit großen Kampagnen und dem Kampf von uns Aktivisten wirklich verändern kann. Wo soll der Klimawandel denn sonst noch hinführen?
Es gibt viele Ideen zur Müllvermeidung bzw. für die völlige Müllverwertung. Ich halte den Cradle-to-Cradle Ansatz auch für sehr vielversprechend, denke aber, dass es noch ein langer Weg ist, das umzusetzen. Ich denke aber auch, dass sich in dem Bereich noch einiges bewegen wird in Zukunft.