Urban Mining beginnt mit intelligenten Produkten

Gepostet von am 16. Mrz 2017

Urban Mining beginnt mit intelligenten Produkten

Gastbeitrag – Teil 1: Von Mag. Brigitte Kranner

Sind Sie schon ein Urban Miner oder leben Sie noch im Zeitalter der Primärrohstoffe? Da Sie gerade den Wertstoffblog besuchen, gehören Sie sehr wahrscheinlich zur ersten Gruppe. Sie sind also ein Urban Miner und haben den notwendigen Perspektivenwechsel vom Abfall zum Sekundärrohstoff bereits erkannt und im Idealfall auch schon vollzogen. Sie wissen um das unschätzbare Rohstofflager in unseren Gebäuden, Fahrzeugen und Geräten Bescheid und Ihnen ist bewusst, dass Rohstoffe endlich sind. Sie wissen aber auch, dass immer mehr Menschen unseren ressourcenintensiven Lebensstil anstreben und auch erreichen. Es wird also knapp für uns alle.

Wie also sorgsam mit Rohstoffen umgehen; wie sie besser nutzen? Beginnen wir gleich am Anfang: beim Design eines Produkts. Ein Produkt sollte nämlich smart gestaltet sein, was soviel heißt, dass die darin verbauten Rohstoffe möglichst lange im Umlauf bleiben. Smart Design ist eine wesentliche Säule des Urban Minings.

Aber wer denkt schon bei der Geburt eines Produkts an dessen Ende. Sollte man aber, oder zumindest an lebensverlängernde Maßnahmen wie gute Zerlegbarkeit oder Reparierbarkeit. Peter Knobloch vom Institut für Design an der Universität für angewandte Kunst (Wien) führt aus, dass die Vermarktbarkeit eines Produkts meist das alleinige Kriterium des Auftraggebers ist. Knobloch ist der Überzeugung, dass der Druck vom Konsumenten kommen muss, respektive durch gesetzliche Regelungen. So gibt es in den USA – wahrlich kein ökologisches Musterland – in einigen wenigen Staaten den Versuch, ein Gesetz mit „Right to Repair“ zu implementieren. Dabei geht es vor allem um Fahrzeuge und elektronische Geräte, die so gebaut werden müssen, dass sie für eine Reparatur zerlegt und Komponenten getauscht werden können. So muss nicht gleich das ganze Gerät oder Fahrzeug durch ein neues ersetzt werden.

Right to Repair

In Österreich gibt es solch ein Gesetz nicht, wohl aber das Gütezeichen ONR 192102 für langlebige, reparaturfreundlich konstruierte, elektrische und elektronische Geräte.

Manchmal entstehen aber Produkte, die lediglich gut gemeint sind, obwohl sie funktionieren: Dämmstoffe, meist Verbundstoffe, können Gebäude so effizient isolieren, dass der Verbrauch an Heizmaterial und der CO2-Ausstoß stark reduziert werden. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass die Rohstoffe, die in diese Art von Dämmmaterial verbaut werden, mit großer Wahrscheinlichkeit verloren sind. Momentan gibt es keine wirtschaftliche Methode, diese Verbundmaterialien aufzuarbeiten. Geht man davon aus, dass die Lebensdauer von modernen Industriebauten zwischen 30 und 50 Jahren liegt, die von modernen Wohnhäusern ungefähr doppelt so lange ist, dann weiß man bereits jetzt, dass in den nächsten Jahrzehnten Verbunddämmstoffe vermehrt in den Baurestmassen vorhanden sein werden (zu diesem Schluss kommt Anja Bosse in ihrer Diplomarbeit zum Thema „Urban Mining-gerechtes Bauen“). Hier ist dann wieder die Forschung im Bereich der Recyclingtechnologie – also die vierte Säule des Urban Minings – gefordert, Lösungen zu finden.

Smart als Notwendigkeit

Smart Design hat es immer schon gegeben. Es war schlicht eine Notwendigkeit. Denken wir zum Beispiel an Hemden, wo nur Krägen und Manschetten erneuert, an Schuhe, wo die Sohlen gedoppelt oder den Ziegelbau, wo Ziegel für Ziegel abgetragen wurde und in einem neuen Gebäude verbaut werden konnte.

Ist ein Produkt teuer genug, ist Smart Design auch heute kein Problem. Bei Flugzeugen, die oft mehrere hundert Millionen Euro kosten und nach minuziösen Plänen gewartet werden müssen, sind Zerlegbarkeit und Reparierbarkeit ein Muss. Flugzeuge werden etwa alle zehn Jahre komplett zerlegt, die Einzelteile überprüft, gegebenenfalls ausgetauscht und dann wieder zusammengesetzt. Nach etwa 100.000 Flugstunden wird ein Flugzeug ausgeschieden, oft noch über Jahre als „lebendes“ Ersatzteillager zwischengelagert und dann einer stofflichen Verwertung zugeführt.

Also ist ressourcenschonendes Design letztendlich nur eine Frage des Preises? Ja natürlich, aber nicht nur. Gerade bei elektronischen Geräten ist es auch eine Frage der technischen Weiterentwicklung. Wer will schon sein Handy reparieren lassen, wenn die nächste Generation nur noch das halbe Gewicht und das bessere Display hat.

Kritische Konsumenten im Trend

In einer Phase großen Wirtschaftswachstums und Wohlstands haben wir uns einen sorglosen Umgang mit Rohstoffen angewöhnt, und das Wissen – und vor allem das Bewusstsein um Smart Design – ging verloren. Es bestand schlichtweg keine ökonomische Notwendigkeit über ressourcenschonendes Design nachzudenken.

Aber es gibt bereits Gruppen von Menschen, die sich kritisch mit der Entstehung und Lebensdauer von Produkten und dem Konsum auseinandersetzen. Und das nicht, weil es gesetzlich verordnet ist, sondern weil sie Vorreiter eines Wertewandels sind. Billige, als Wegwerfprodukte geplante Objekte sind Rohstoffverschwender und belasten bei der Produktion und auch bei der Entsorgung die Umwelt.

Menschen beginnen sich vermehrt in Reparaturwerkstätten zu treffen oder erfinden innovative Produkte wie zum Beispiel das Fair Phone, das aus austauschbaren Komponenten besteht. Auch der Anbau von biologischen Lebensmitteln entstand vor über 30 Jahren durch den Druck von Konsumenten.

Die Idee des Smart Design muss nicht neu erfunden, nur wieder angewandt werden. Gutes Urban Mining beginnt also bei intelligentem, bei smartem Design.

Mag. Brigitte Kranner

ist Herausgeberin des Blogs Urban Mining www.urbanmining.at, der vor allem zum Ziel hat, ein Bewusstsein für den Einsatz von Sekundärrohstoffen zu schaffen. Für ihre Pionierarbeit im Bereich des Urban Minings gewann sie im Vorjahr den internationalen Urban Mining-Award. In Vorträgen und Come Togethers von Interessenvertretern versucht sie immer wieder, das Thema Urban Mining weit über die Grenzen bekannt zu machen.

In einer losen Folge erscheinen von ihr auf dem Wertstoffblog weitere drei Teile. Teil 2 wird den Rohstoffkataster näher beleuchten; Teil 3 widmet sich der Suche und Erkundung urbaner Lagerstätten und um neue Recyclingtechnologien wird es im abschließenden vierten Teil gehen.

 

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