Upcycling – was bringt uns 2017?

Gepostet von am 10. Jan 2017

Upcycling – was bringt uns 2017?

Upcycling ist 2016 zum  großen Trend geworden – zumindest in der sogenannten Do-it-Yourself-Szene. Auf allen Social-Media-Kanälen zeugen DIY-Anleitungen und Vorher-Nachher-Fotos von Upcycling-Projekten davon. Ob Upcycling das Zeug hat, aus der „Bastelecke“ herauszukommen, um im kommenden Jahr zu einem Handlungskonzept mit breiter gesellschaftlicher Akzeptanz zu werden – das ist hier die Frage. Mein ganz persönlicher Ausblick auf das Upcycling-Jahr 2017.

Weihnachtszeit war Bastelzeit. In Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen wurde im Dezember gebastelt, was das Zeug hält. Als Mutter von vier Kindern, verteilt auf sämtliche der vorgenannten Bildungseinrichtungen, weiß ich, wovon ich hier schreibe. Ich habe vier Bastelnachmittage hinter mir – einen davon habe ich sogar bei uns daheim abgehalten. Da haben wir für den Weihnachtsbasar des Gymnasiums meiner Großen Schneekugeln aus leeren PET-Flaschen gemacht, die zugunsten von Flüchtlingskindern verkauft wurden. Die Idee dafür hatte mein Mädel aus den Social Media, das Material haben wir besorgt. Und damit bin ich schon mitten drin in der Beschreibung des Dilemmas, in dem der Trend Upcycling in meinen Augen noch immer steckt:

Das Dilemma von Upcycling in der Bastelecke

Wie geschrieben, wir haben leere PET-Flaschen zu Schneekugeln upgecycelt. Die Figuren im Schnee kamen aus unserer mittlerweile recht groß gewordenen Sammlung von Ü-Eier-Figuren. Die Sammlung ist nun etwas kleiner, aber das nur nebenbei. Die leeren PET-Flaschen haben die Bastler aus ihren Haushalten mitgebracht – zum Glück so viele, dass auch mein Kind welche abbekam, denn bei uns im Haus verzichten wir gerne auf PET-Flaschen. Wasser trinken wir bevorzugt aus der Leitung. Schneekugelschnee, Tapes zum Verschönern und die Heißklebepistole haben wir extra gekauft. Und das ist genau der Punkt: Selbst mit bestem Willen gelingt uns kaum ein DIY-Projekt, ohne den Zukauf bestimmter Materialien oder Werkzeuge. Höre und sehe ich mich auf den zugegeben beeindruckend einfallsreichen Bastelnachmittagen der Kinder um, bestätigt sich mein Eindruck: Da wird aus alten Buchseiten zum Beispiel ein Tannenbaum als Christbaumschmuck gefaltet. Wunderschön und schon mit recht kleinen Händen bastelbar. Auf meine Frage nach der Herkunft des Buchs antwortete die uns Bastelnde anleitende Lehrerin: aus dem Antiquariat. Geschmückt wurde das Bäumchen mit Glitzersternchen – die waren neu gekauft. Ihr versteht, was ich sagen will … Stichwort: Einsatz neuer Ressourcen, nur, um upzucyceln.

Ich kann hier nur von mir und meinem Haushalt sprechen, aber ein Grund dafür, dass uns bislang kein 100-prozentiges Upcycling-Projekt gelang ist auch der: Ich kann nicht alles aufheben, aus dem in wohlgemeinter DIY-Manier irgendwann irgendwer irgendetwas macht. Dafür habe ich keinen Platz. So einfach ist das. Und ganz ehrlich: Nach der 34. Stiftedose aus leeren Pringles-Verpackungen kann ich die Dinger auch nicht mehr sehen. Also entsorge ich die kurzerhand. Merkwürdigerweise kommt angesichts der angekündigten Entsorgung meist nur wenig Protest seitens der Kinder – die waren vom Basteln der Dosen begeistert und wollten nur von den zehn und mehr selbstgefertigten eh nur ein, zwei Exemplare behalten. Ihr versteht, was ich sagen will … Stichwort: Nachfrage und Angebot klaffen auseinander.

Basteln um des Bastelns willen – ist Teil unserer Art und Weise, unsere Kinder aufwachsen zu lassen. Das Basteln hat sich noch nicht als Konzept zum neuen Umgang mit Wertstoffen durchgesetzt, weder in den Bildungseinrichtungen, noch in den Haushalten. Noch verwerten wir hierzulande nach Lust und Laune, weil Upcycling uns Freude bringt, handwerkliche Arbeit uns erfüllt. Damit retten wir uns nicht selbst aus der Wegwerfgesellschaft, sondern verkomplizieren die Entsorgung wertvollen Abfalls mitunter. Denn mal ganz provokativ gefragt: Wohin kommt die upgecycelte Schneekugel nachdem sie an Wertschätzung verloren hat? In den gelben Sack? In den Hausmüll? In den Sondermüll? Ihr versteht, was ich sagen will … Stichwort: Upcycling verbindet verschieden Materialien und schafft neue Entsorgungsprobleme.

Die Upcycling-Chance: offene Werkstätten, Repair-Cafés & Co.

Ich sehe eine Möglichkeit, wie Upcycling konzeptionell und auf breiter gesellschaftlicher Basis zu einer runden Sache (im Sinne von Kreislaufwirtschaft) werden kann: Wenn es gelingt, ohne den Einsatz neuer Ressourcen upzucyceln.

Dazu braucht es eine upcyclingwillige Kommune – und nicht nur bastelwillige Eltern und Kinder. Die Kommune könnte ihre ausrangierten Wertstoffe zentral sammeln und allen Upcyclingwilligen verfügbar machen. Je größer die Zahl der Dinge, die so gesammelt werden, desto größer die Vielfalt der daraus machbaren Upcycling-Produkte. Wobei ich wohl weiß, dass solch ein Materiallager seine Vor- und Nachteile hat. Die Nachteile lasse ich unter der Annahme, dass die Sammlung organisiert ist, mal außer Acht. Angeschlossen an die Sammlung der Wertstoffe sollte eine Werkstatt sein, in der jeder Upcyclingwillige nach Zeit und Kreativität arbeiten kann, wobei auch hier „organisiert“ sein sollte, was die Gesellschaft tatsächlich benötigt (Angebot & Nachfrage) – von Kunst allein, wird schließlich keiner satt. Was nicht heißen soll, dass Upcycling-Kunst in einer Wertstoffgesellschaft wie der von mir ersehnten wertlos ist! Das skizzierte Konzept heißt auch: Werkzeug & Co. werden zum gemeinschaftlichen Gut, das man sich teilt. Und: Massen-Upcycling ist durchaus denkbar, weil es konzeptioneller Teil einer Kreislaufwirtschaft würde.

Ansätze für solche Begegnungsstätten von Wertstoffen und Upcyclingwilligen gibt es bereits – ich denke an die offenen Werkstätten hierzulande und an die Repair-Cafés, die in vielen deutschen Großstädten ihre Türen geöffnet haben. Dort kann man Gleichgesinnten begegnen, findet fachkundige Anleitung und verlängert mit sinnvollen Reparaturmaßnahmen das Leben so manchen „Wertgegenstands“.

Ich hoffe, dass sich solche Werkstätten und Repair-Cafes 2017 weiter durchsetzen und dazu beitragen, Upcycling aus der Bastelecke der DIY-Szene heraus mitten in die Gesellschaft hinein zu tragen. Meine große Erwartung: Wenn wir wieder lernen, mit unseren Händen zu reparieren und somit Wertgegenstände und Wertstoffe einer längeren Nutzung zuzuführen, werden wir sie besser schätzen lernen.

In diesem Sinne: Auf ein neues Upcycling-Jahr!

 

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